Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 001 — Zur Schleuse

Der Regen kam schräg vom Rhein herüber und trommelte gegen die Blechverkleidung der alten Verladehalle, als Mox das Hinterzimmer der Schleuse betrat. Die Kneipe roch nach kaltem Frittenfett, nassem Hund und dem billigen Kraut, das Brandt seinen Stammgästen unter der Theke verkaufte. Neuss um zwei Uhr nachts, der Hafen ein schwarzes Gewirr aus Kränen und rostenden Containern draußen vor den blinden Fenstern. Heimspiel. Trotzdem saß Mox mit dem Rücken zur Wand, dort, wo er beide Türen sah.

Brandt hatte den Tisch klargemacht und war wieder nach vorn verschwunden. Der alte Fixer nahm seine Provision und mischte sich nicht ein — das war der ganze Grund, warum das Team überhaupt bei ihm einkaufte.

„Er kommt spät“, sagte Kerstin. Sie lehnte an der Ausgangstür, die Arme verschränkt, den Blick auf den Flur. Restlicht, Wärmebild — sie sah durch die Wand, wer sich draußen bewegte, lange bevor er hier hereinkam. „Zwei Minuten. Allein.“

„Dann ist er nervös“, sagte Jeck und rückte den Stuhl zurecht, den er sich als Bühne ausgesucht hatte. „Nervöse Schmidts zahlen besser.“

„Oder sie schießen früher.“ Kerstin bewegte sich nicht.

Jeck grinste nur und legte die gefälschte Visitenkarte vor sich hin, die er für heute Nacht war. Mox hatte längst aufgehört, sich zu merken, welchen Namen der Face gerade trug. Er beobachtete lieber die Ränder. Jeck wurde vor einem Meet ganz ruhig, kippte jede Nervosität in die anderen und behielt selbst nichts. Untestet als Team waren sie, das schon. Aber der Mann konnte den Raum halten.

Die Tür ging auf. Der Schmidt war klein, teuer angezogen und trug einen Regenmantel, der zu gut war für diese Gegend. Er nannte sich Reuter, setzte sich, ohne die Hand zu geben, und legte einen Credstick auf den Tisch, als wäre der Tisch nicht sauber genug für seine Ellbogen.

„Man hat mir gesagt, Sie sind diskret.“

„Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt.“ Jeck ließ eine Pause, gerade lang genug. „Was ist verlorengegangen?“

Mox schloss halb die Augen und ließ die Wahrnehmung kippen. Der Raum bekam eine zweite Schicht — Auren, matt und müde, Kerstins harter, disziplinierter Kern, Jecks glatte, vielschichtige Fläche, in der nichts feststand. Und Reuter. Der Schmidt leuchtete falsch. Nicht die kalte, ölige Ruhe eines Konzernmenschen bei der Arbeit. Etwas darunter flackerte, eng und schnell. Angst. Zu viel Angst für einen Routinejob.

„Ein Kurier“, sagte Reuter. „Vorgestern Nacht, hier unten im Hafen. Er hatte einen optischen Chip bei sich, in einem versiegelten Etui, fingerlang. Der Kurier ist tot — das interessiert mich nicht. Der Chip interessiert mich. Er ist mit dem Rest von ihm irgendwo in dieser Stadt gelandet, und ich will ihn zurück, bevor jemand anders merkt, was er wert ist.“

„Wer hat ihn eingesammelt?“, fragte Jeck.

„Wenn ich das wüsste, bräuchte ich Sie nicht.“ Reuter tippte auf den Credstick. „Die Hälfte jetzt. Die andere Hälfte, wenn Sie das Etui ungeöffnet abliefern. Ungeöffnet, meine Herren. Der Chip ist verschlüsselt und markiert — wer ihn aufsteckt, wird gefunden. Das ist keine Drohung, das ist Physik.“

Da war es wieder. Beim Wort markiert zog sich die enge Sache unter Reuters Aura für einen Herzschlag zusammen. Der Mann log nicht über den Chip. Er log über das, wovor er selbst Angst hatte.

Jeck spürte nichts davon, natürlich nicht, aber er las Menschen auf seine eigene Weise, und er ließ den Betrag lange auf dem Tisch liegen, ohne ihn anzufassen. „Sie sagen, der Kurier interessiert Sie nicht. Aber Sie wissen, dass er tot ist, Sie wissen, welche Nacht, Sie wissen, wo. Für einen, der nicht dabei war, wissen Sie viel.“ Er lächelte. „Ich frage nicht, wer ihn umgebracht hat. Ich sage nur — der Preis eben war der für einen verlorenen Chip. Nicht der für einen, hinter dem schon jemand herrennt.“

Reuters Kiefer wurde schmal. „Der Preis ist der Preis.“

„Der Preis war der Preis.“ Jeck lehnte sich zurück. „Vor einer Minute.“

Kerstin an der Tür sagte gar nichts, aber Mox sah, wie sie eine Idee weiter in den Raum rückte, ganz beiläufig, sodass sie jetzt sowohl den Flur als auch Reuters Rücken abdeckte. Der Schmidt bemerkte es nicht. Jeck bemerkte alles.

Sie handelten. Reuter gab dreißig Prozent nach, mehr aus Eile als aus Überzeugung, und die Eile sagte Mox mehr als die Zahl. Wer immer den Chip sonst noch suchte, war Reuter dicht auf den Fersen, und Reuter wollte lieber vier Fremde dazwischenschieben als selbst noch eine Nacht in dieser Stadt verlieren.

„Zeitfenster?“, fragte Jeck, als der Betrag stand.

„Achtundvierzig Stunden. Danach ist es egal, ob Sie ihn haben oder nicht.“ Reuter stand auf, den Regenmantel schon halb zugeknöpft. „Und noch etwas. Falls Sie das Etui doch aufmachen — und Sie werden versucht sein — dann liefern Sie es gar nicht erst ab. Dann verschwinden Sie einfach. Für Ihr eigenes Wohl.“ Er sagte es nicht als Drohung. Er sagte es wie jemand, der es gern früher jemandem gesagt hätte.

Dann war er weg, hinaus in den schrägen Regen, und die Tür fiel hinter ihm zu.

Eine Weile sagte niemand etwas. Vorn klimperte Brandt Gläser, die alte Anlage spielte etwas Kölsches und Verstimmtes.

„Er hat Angst“, sagte Mox schließlich. Es war das erste Mal in dem ganzen Meet, dass er den Mund aufmachte, und die beiden anderen drehten sich zu ihm. „Nicht vor uns. Vor dem, was auf dem Ding drauf ist. Und vor dem, der es sonst noch will.“

„Gute Angst oder schlechte?“, fragte Kerstin.

„Die Sorte, die einer kriegt, kurz bevor er beschließt, keine Zeugen zu brauchen.“ Mox schob den halben Credstick mit einem Finger in die Tischmitte, an den Rand des Lichtkreises. „Er hat uns nicht gesagt, wer den Kurier umgelegt hat. Er weiß es. Er hat’s nur nicht gesagt.“

Jeck steckte seine falsche Visitenkarte ein und war für einen Moment einfach nur er selbst, wer immer das war — die Politur einen Spalt offen. „Achtundvierzig Stunden, um einen toten Kurier in einer Stadt zu finden, die keinem von uns was schuldet.“ Er stand auf, klopfte sich den nassen Regen von den Schultern. „Ich hol Dobs dazu. Wenn irgendwo ein Datenkontakt drüberliegt, wo der Kurier zuletzt war, findet der Junge ihn schneller als jede Leiche riecht.“

Kerstin öffnete die Tür zum Flur, sah nach beiden Seiten, nickte. Draußen wartete der Hafen, schwarz und nass und voller Leute, die schneller waren als sie.

Mox blieb als Letzter am Tisch sitzen. Er sah auf den Credstick, der nach zu viel Geld für einen verlorenen Chip aussah, und dachte an das enge, schnelle Flackern unter Reuters Haut. Dann stand er auf und ging der Kälte hinterher.