Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 002 — Was noch pingt

Die Halle der Uferkinder roch nach Lötzinn und altem Beton, und Dobs mochte diesen Geruch, weil er nach Zuhause roch. Vier Matratzen an der Stirnwand, ein Berg ausgeschlachteter Decks unter einer Baustellenlampe, irgendwo das Tropfen, das seit Wochen niemand gefunden hatte. Draußen die Kaimauer, das schwarze Wasser, das gegen die Poller schlug. Hier kannte er jeden Winkel. Dass Jeck ihn heute hier abholte statt am üblichen Übergabepunkt, gefiel ihm trotzdem nicht — es hieß, der Job war größer, als über die Straße durfte.

„Erste Regel“, sagte Jeck, während er sich einen Klappstuhl heranzog, den Mantel offen, entspannt, als säße er in seinem Wohnzimmer. „Du bist kein Anfänger. Zweite Regel: sag es keinem da draußen, dass du keiner bist, sonst glaubt es dir jeder, und dann schicken sie dir was Ernstes.“

„Ich hab schon Sachen für den Stamm gezogen.“ Dobs hörte selbst, dass es zu schnell kam.

„Ich weiß. Deshalb sitzt du hier.“ Jeck lächelte, und das Lächeln war echt genug, dass Dobs ihm fast glaubte. „Aber heute ist Konzern-Pflaster, Junge. Das ist nicht der Automat vom Kiosk, der zurückbeißt. Das ist der Automat, der wartet, ob du wiederkommst.“

Kerstin stand am Rolltor, ein schmaler Schatten im halben Licht, und sagte nichts. Mox hockte auf einer der Kisten, die Hände um einen Becher, aus dem längst kein Dampf mehr stieg. Er sah Dobs an, ruhig, und der Blick hatte nichts Prüfendes. Nur da. Dobs wusste nicht, warum ihn das lockerer machte, aber es tat es.

„Was hab ich?“, fragte Dobs und zog sein Interface heran. Kein schönes Stück — die Uferkinder bauten aus dem, was der Hafen ausspuckte —, aber es war seins, und es kannte ihn.

„Ein toter Kurier“, sagte Jeck. „Vorgestern Nacht, unten am Südbecken. Hatte ein Komm bei sich, billig, aber es hat gefunkt, bevor er umfiel. Wir wissen nicht, wo er hin ist. Nicht die Leiche, nicht das, was er trug. Du sollst uns sagen, wohin sein letztes Signal gegangen ist.“

Dobs nickte, steckte das Kabel, und die Halle fiel weg.

Drinnen war es nie still. Andere hörten Rauschen; Dobs hörte einen Chor, tausend kleine Stimmen, jede ein Datenstrom mit eigenem Atem. Er ließ seinen Späher los — einen schmalen, flinken Kerl, den er sich vor Jahren gebaut und seither gefüttert hatte, bis er fast von allein lief. Der Späher legte den Kopf schief, roch an der Nachtluft des Netzes, fand die Gitter der Hafenverwaltung, die alten offenen Funkmasten am Südbecken, wo jedes billige Komm sich einwählte, ohne zu fragen.

Zeig mir die letzte Nacht, dachte Dobs, und der Späher grub.

Da war es. Ein Komm, stotternd, halbtot schon, das sich zwei Nächte zuvor um kurz nach drei ein letztes Mal eingebucht hatte. Ein einziger ausgehender Ruf, kurz, keine zwei Sekunden, an einen Knoten irgendwo nordöstlich, weg vom Wasser, rein in die Stadt. Der Kurier hatte gewusst, wohin er wollte. Er war nur nicht angekommen.

Dobs folgte dem Faden. Der Späher wurde langsamer, vorsichtiger, und Dobs spürte, warum, bevor er es sah. Der Knoten am anderen Ende war nicht der schläfrige Verwaltungsmatsch vom Hafen. Er hatte eine Haut. Glatt, dunkel, ohne einen einzigen offenen Port, an dem ein Streuner hätte kratzen können. Handelsware, teuer, professionell aufgesetzt. Und darauf saß etwas.

Es bewegte sich nicht. Das war das Falsche daran. Alles im Netz zappelte, plapperte, lief; dieses Ding lag reglos über dem Zugang und wartete. Kein blinder Wachhund, der jeden anbellte. Etwas, das erst aufwachte, wenn man es wert war. Dobs hatte so etwas noch nie aus der Nähe gesehen, aber der Stamm erzählte davon, und die Ältesten senkten die Stimme dabei.

Sein Späher hob eine Pfote, ganz langsam, tastete nach der Adresse hinter der Haut — und das Ding drehte sich um.

Es hatte keine Augen, aber Dobs fühlte, dass es ihn ansah. Ein kalter Zugriff, der nach seinem Späher griff, nicht hektisch, sondern geduldig, um ihn festzuhalten und zurückzuverfolgen, dahin, wo Dobs’ echter Körper in der Halle saß. Der Späher schrie — nicht laut, aber Dobs hörte es überall, ein Reißen in etwas Lebendigem —, und Dobs riss ihn zurück, riss die Verbindung, warf sich aus dem Knoten, hinaus, weg, den ganzen Weg bis in seinen eigenen Kopf.

Die Halle kam zurück, viel zu hell. Dobs saß nach vorn gebeugt, das Kabel schon draußen, und sein Atem ging, als wäre er gerannt. Etwas Warmes lief ihm aus der Nase. Nicht Drain — er war kein Magier —, nur der Körper, der begriff, dass er eben fast irgendwohin gefolgt worden wäre.

Eine Hand legte sich zwischen seine Schulterblätter. Mox, ohne Aufhebens. „Atmen. Es ist nicht mehr da. Du bist raus.“

„Das war —“ Dobs schluckte. „Das war nichts von der Straße. Das saß da und hat gewartet. Auf mich hat’s gewartet. Auf jeden, der denselben Ruf sucht wie ich.“

„Hast du die Adresse?“, fragte Kerstin vom Tor. Ihre Stimme war ruhig und ließ keinen Platz für Panik, und genau deshalb wurde Dobs ruhiger.

„Halb.“ Er wischte sich das Blut mit dem Handrücken weg, sah nach — der Späher war noch da, geduckt, verstört, aber da; er hatte ihn nicht verloren. Der Rest des Fadens hing noch in ihm. „Nordost. Kein Wohngebiet. Ein Hinterhof-Knoten, aber die Sicherung drauf kostet mehr als der ganze Block. Wer immer der Kurier treffen wollte — der hat Geld, das nicht in die Gegend passt.“

Jeck war nicht mehr entspannt. Er stand, die leichte Politur weg, und für einen Moment war sein Gesicht einfach nur das Gesicht eines Mannes, der begriff, dass er einen Sechzehnjährigen an etwas herangeführt hatte, das größer war als der Preis auf dem Credstick. „Reuter hat gesagt, jemand anders sucht das Ding auch.“

„Reuter hat gelogen, dass es nur einer ist“, sagte Mox. Er nahm die Hand von Dobs’ Rücken, langsam, und der Junge merkte erst jetzt, dass sie die ganze Zeit dort gelegen hatte. „Das da war kein Straßenteam. Das war jemand, der es sich leisten kann, an einer Leitung zu sitzen und einfach zu warten.“

Kerstin schob das Rolltor eine Handbreit auf. Kalte Hafenluft kroch herein, roch nach Diesel und Fluss. „Dann fahren wir hin, bevor die es tun. Wenn sie noch warten, sind sie noch nicht drin.“ Sie sah Dobs an, und diesmal lag etwas in dem Blick, das er nicht kannte — kein Misstrauen, eher ein Abgleich, ob er stand. „Kannst du uns führen?“

Dobs stopfte das Interface in die Tasche, spürte den Späher sich in seinem Hinterkopf zusammenrollen, wund, aber treu. Die Nase blutete schon nicht mehr. Er stand auf, und die Knie hielten.

„Ich weiß, wo Nordost anfängt“, sagte er. „Den Rest riech ich unterwegs.“