Kapitel 074 — Die Zeile
In der Halle in Grimlinghausen roch es nach kaltem Öl. Dobs saß auf einer Palette, den Rücken am Tor, und suchte nicht nach dem Feuer.
Das Feuer fand man überall. Becken zwei stand seit acht in jeder Meldung, mit Bild, und das Bild war immer dasselbe: eine weiße Säule und daneben ein Kran, der kleiner aussah, als er war.
Dobs suchte nach dem Anruf.
Er fand ihn in zwanzig Minuten, und er fand ihn genau da, wo er ihn erwartet hatte. Im Einsatzprotokoll von Meuser & Kropp stand eine Zeile. Sieben Uhr vierundvierzig, Hinweis auf Wärmeentwicklung im dritten Abteil von achtern, gemeldet durch den Nachunternehmer Wasserhaltung, Ponton geräumt. Keine Rufnummer. Er hatte über einen Hafenknoten gesprochen, und der Hafenknoten gehörte niemandem.
Der Name stand trotzdem da. Ausgeschrieben.
Er ging der Zeile hinterher, so weit sie ging. Um halb neun hatte die Bergungsleitung sie an die Versicherung geschickt. Um Viertel nach neun lag sie beim Hafenamt. Um zehn hatte die Wasserschutzpolizei ein Aktenzeichen, und in dem Aktenzeichen lag die Zeile zum dritten Mal.
Eine Zeile kann man aus einem Netz herausnehmen. Aus dreien, die voneinander abgeschrieben haben, nimmt man sie nicht heraus. Man macht daraus nur eine Stelle, an der etwas fehlt, und nach fehlenden Stellen sucht irgendwann jemand.
Bei Bruns Wasserhaltung in Dormagen hatte bis mittags keiner angerufen. Zwei Mann, ein Festnetzanschluss, ein Anrufbeantworter mit einer Frauenstimme darauf, die nicht zur Firma gehörte. Dobs sah sich das eine Weile an und machte es wieder zu.
In Weckhoven lagen zwölf auf dem Tisch, und auf zwei Brettern daneben stand der Kasten.
Mox saß seit Mittwochmittag auf dem Stuhl daneben. Er hatte sich rasiert, was nichts hieß, und er saß aufrecht, was etwas hieß.
„Achtunddreißig Kilo, die keiner bestellt hat.“ Jeck stellte den Einkauf auf die Anrichte und zählte das Geld nicht nach. „Vorschläge.“
„Aufmachen“, sagte Kerstin.
„Der andere ist warm geworden, als sein Raum trocken lag.“
„Der steht seit Dienstagnacht im Trockenen und ist kalt geblieben. Und ich schneide ihn auf, ohne die Naht zu erwärmen.“
„Und wenn nicht die Wärme ihn anmacht, sondern das Licht?“ Jeck lehnte sich an den Türrahmen. „Oder Luft. Oder dass ihn einer hochhebt. Ich weiß es nicht, du weißt es nicht, und ich habe kein Geld dafür bezahlt, es zu wissen.“ Er sah zum Stuhl. „Mox. Guck mal hin.“
„Kostenlos?“, fragte Kerstin.
„Hinsehen ja.“
Mox drehte den Kopf und sah den Kasten zwei Sekunden lang an. Dann kam er zurück, und für einen Moment saß er ein Stück schwerer da als vorher.
„Nichts.“
„Nichts heißt was?“
„Nichts heißt nichts. Kein Geist, keine Bindung, keine Signatur. Da ist nichts drin, das irgendetwas von mir will.“ Er sagte es ohne jede Genugtuung. „Das ist alles, was ich dazu habe, und es ist wenig.“
„Es ist mehr als gestern“, sagte Jeck.
„Es ist nicht mehr. Es ist nur nichts.“
Jeck sah ihn danach eine Sekunde zu lang an. Dobs sah, dass er es tat, und wusste nicht, wonach.
„Ich hab was“, sagte Dobs, und dann legte er die Zeile hin. Die Uhrzeit, den Namen, die drei Stellen, an denen sie inzwischen lag, und die kleine Firma in Dormagen, bei der bis mittags keiner angerufen hatte.
„Einer sollte denen sagen, dass jemand ihren Namen benutzt hat.“
„Nein“, sagte Jeck.
„Der Mann hat nichts gemacht.“
„Das stimmt.“
„Und wenn sie ihn holen?“
„Dann sagt er die Wahrheit, und die Wahrheit ist, dass er es nicht war.“ Jeck kam vom Türrahmen weg und setzte sich hin, damit sie auf einer Höhe waren. „Das ist das Beste, was er haben kann. Ein Mann, der nichts weiß, klingt vor jeder Behörde besser als einer, der gewarnt worden ist. Eine Warnung ist ein zweiter Faden durch dasselbe Nadelöhr. Heute weiß in Dormagen keiner, dass ihn das angeht. Rufst du an, weiß er es, und ab dann erzählt er es weiter. Nicht aus Bosheit. So was erzählt man.“
Dobs sagte nichts mehr dazu. Er sagte auch nicht ja.
Vom Stuhl her fragte Mox: „Was hättest du ihm gesagt?“
„Dass einer seinen Namen benutzt hat.“
„Und wer bist du dann für ihn?“
Dobs machte den Mund auf und wieder zu. Kerstin stand am Fenster und half ihm nicht.
Jeck ging um sieben zur Schleuse und kam um elf zurück, und er brachte ein Ergebnis mit, das keiner erwartet hatte.
„Brandt nimmt ihn nicht“, sagte er. „Er nimmt nichts an, was er nicht aufmachen darf.“
„Und?“
„Und er nimmt eine Nachricht.“ Jeck hängte die Jacke über die Lehne. „Achtunddreißig Kilo, verschweißt, ungeöffnet, seit Dienstag trocken und kalt. Wer sagen kann, was drin ist, kriegt es. Wer nur fragt, kriegt nichts.“
„Woher es kommt, steht nicht drin“, sagte Dobs.
„Woher es kommt, steht nicht drin.“
„Das braucht auch nicht drinzustehen“, sagte Kerstin. „Diese Woche brennt in Neuss genau ein Schiff.“
„Ja.“ Jeck hielt ihrem Blick stand. „Deshalb ist es der einzige Kasten in der Stadt, nach dem einer kommt.“
Kerstin sah zum ersten Mal an diesem Tag vom Kasten weg.
„Wie lange?“
„Zwei Tage. Vielleicht fünf.“
Sie nickte einmal, ging die Treppe hinunter, und unten hörte Dobs die Heckklappe vom Wagen und danach lange nichts.
Um drei wachte er auf, weil in der Küche geredet wurde.
Zwei Stimmen, leise, ohne Eile. Er verstand die Wörter nicht, nur den Takt: sie sagte etwas Kurzes, und dann war es eine Weile still, und dann sagte er etwas Kürzeres. Es klang nicht nach Streit und nicht nach Arbeit. Es klang nach zwei Leuten, die um drei Uhr nachts nichts vorhatten.
Dann kam ein Wort durch die Tür, deutlich, weil Mox den Kopf gedreht haben musste.
„Kerstin.“
Sonst nichts. Danach redete sie noch zweimal, kurz, und dann war es still, und dann ging jemand über die Dielen und die Tür zum Treppenhaus zu.
Dobs lag auf der Matratze und ging die Namen durch, die er kannte, und es blieb nur eine übrig, auf die dieser Name überhaupt nicht passte. Dann passte er doch. Er drehte sich zur Wand und ließ es liegen, und es dauerte trotzdem eine Stunde, bis er wieder einschlief.
Um sechs war es draußen grau, und in der Küche brannte immer noch dasselbe Licht.
Mox saß auf dem Stuhl neben den zwei Brettern, in der Haltung vom Mittwoch, und er hatte den Kasten so im Blick, dass er die Tür mitnahm.
„Wie lange sitzt du da?“, fragte Dobs.
Mox rechnete es nicht nach. „Lange.“
„Geh schlafen.“
„Es geht.“
„Ich weiß, dass es geht.“ Dobs blieb in der Tür stehen und ging nicht näher. „Ich hab nicht gesagt, dass es nicht geht.“
Mox sah ihn an. Es war das erste Mal, dass Dobs ihn irgendwohin schickte, und beide merkten es im selben Moment.
Dann stand er auf, einhändig, ohne sich abzustützen und ohne etwas dazu zu sagen, und ging an ihm vorbei in den Flur.
Dobs setzte sich auf den Stuhl, der noch warm war, und rückte ihn so weit herum, bis er die Tür und den Kasten gleichzeitig sehen konnte.