Kapitel 073 — Trockenluft
Um zehn nach fünf war es noch dunkel, und der Wagen aus Wesel stand immer noch da.
Kerstin hatte um halb zwei übernommen und seither nichts gesagt. Sie standen auf der Zufahrt der abgerissenen Verladestation am Westufer, dreihundertfünfzig Meter schräg gegenüber, hinter einer Waschbetonwand, von der nur noch zwei Felder übrig waren. Dobs saß neben ihr, einen Kopfhörer halb auf dem Ohr, den anderen frei, und hörte in den Betriebsfunk von Meuser & Kropp. Bis fünf hatte darin niemand geredet.
Um zwanzig nach sechs wurde es hell, und der Mann stieg aus.
Er hatte diesmal eine Tasche dabei. Er ging an Bord, ohne sich umzusehen, kniete sich ans Mannloch und ließ keine Schnur hinunter. Er griff hinein, bis zur Schulter, und blieb so.
„Was macht er?“, fragte Dobs.
„Er fasst an.“
Vier Minuten. Dann zog er den Arm heraus, setzte sich auf das Süll und blieb noch einen Moment sitzen. Er sah nicht nach achtern. Er sah auf seine Hand.
Um einunddreißig nach sechs war er zurück am Wagen, legte die Tasche in den Kofferraum und fuhr los. Am Kopf des Beckens musste er wenden. Er wendete langsam und ordentlich und fuhr an der Kaikante entlang zum Tor hinaus, und die ganze Zeit hielt er den Kopf gerade.
„Er geht“, sagte Dobs. „Der Kran kommt in einer halben Stunde, und er geht.“
„Wer bleibt, will es sehen.“ Kerstin sah dem Rücklicht nach, bis es hinter dem Tor weg war. „Der wollte es nicht sehen.“
Jeck, auf der Rückbank, sagte gar nichts. Er hatte seit vier Uhr gar nichts gesagt.
Um Punkt sieben schob der Schwimmkran in Becken zwei ein. Um zwölf nach sieben standen die Gurte, um zwanzig nach sieben ging die erste Last auf den Haken, und um sechsundzwanzig nach sieben kam der Rumpf aus dem Wasser.
Er kam schwer und langsam und ohne jedes Drama. Aus jeder Naht, aus den Speigatten, aus den offenen Mannlöchern lief Rheinwasser heraus, ein halbes Jahr davon, und es fiel in breiten braunen Strängen zurück ins Becken. Auf der Kaimauer standen sieben Leute und sahen zu, und keiner rührte sich, weil es nichts zu tun gab, solange der Rumpf hing.
Kerstin schaltete um.
Der Leichter wurde grau. Sechs Minuten Rheinwasser über achtzig Meter Stahl machen aus einem Schiff eine Fläche ohne eine einzige Kante, und genau so lag er da, gleichmäßig kalt von vorn bis achtern.
Bis auf ein Rechteck.
Es saß hinten, ein Stück vor dem dritten Mannloch von achtern, sechzig auf vierzig, vielleicht ein bisschen mehr, und es war nicht grau. Es hatte einen Rand, es hatte eine Mitte, und die Mitte wurde größer, während sie hinsah.
„Sag mir die Zeit“, sagte Kerstin.
„Halb.“
„Wann schneiden sie?“
„Wenn er auf dem Ponton liegt.“ Dobs hörte an ihrer Stimme, dass etwas nicht stimmte, und drehte den Kopf. „Zwanzig Minuten. Vielleicht fünfundzwanzig.“
Sie sagte, was sie sah. Sie brauchte dafür zwei Sätze, und im zweiten war es schon breiter geworden.
Auf der Rückbank bewegte sich Jeck zum ersten Mal seit Stunden.
„Wenn da einer anruft“, sagte er, „dann hat einer zugesehen.“
„Ja.“
„Und morgen fragt sich einer, wer.“
„Ja.“
Es war kein Streit. Es war eine Rechnung, die jemand laut ausrechnen musste, damit sie zählte. Dobs hatte den Hörer schon in der Hand und die Frequenz schon liegen, weil er sie sich am Dienstag mitgeschrieben hatte, ohne zu wissen, wofür.
„Ich bin der Junge von Bruns“, sagte er. „Den kennen sie.“
Jeck brauchte vier Sekunden.
„Dann sei der Junge von Bruns.“
Dobs machte seine Stimme nicht jünger, das war der Trick. Er machte sie gelangweilt.
„Bruns Wasserhaltung, wegen Becken zwei. Das dritte Abteil von achtern ist nicht kalt. Da geht keiner rein und keiner ran, bevor das einer gemessen hat.“ Pause. „Steht nicht auf meinem Zettel, was da drin ist. Nur, dass es nicht kalt ist.“
Dann legte er auf, und dann passierte zwei Minuten lang gar nichts.
Um zwölf vor acht ging auf dem Ponton ein Mann rückwärts. Dann zwei. Der Rumpf lag da unten, die Gurte hingen noch schlaff daran, und die Brennerkolonne, die eben noch ihre Flaschen zurechtgerückt hatte, stand plötzlich zwanzig Meter weiter weg und sah zu.
Um acht Minuten vor acht kam der erste Rauch aus dem dritten Mannloch von achtern. Weiß, dünn, kerzengerade, weil kein Wind ging.
Um vier vor acht war er nicht mehr dünn.
Dobs sah auf die Uhr am Armaturenbrett und rechnete es sich selbst vor, ohne dass ihn jemand darum gebeten hatte.
„Acht Minuten“, sagte er.
„Ich weiß.“
Acht Minuten vor dem ersten Rauch ist zu früh, um geraten zu haben. Das würde irgendwann irgendwem auffallen, und dann würde jemand bei einer kleinen Firma in Dormagen anrufen und fragen, wer da für sie gesprochen hatte, und in Dormagen würde ein Mann sagen, dass er das nicht gewesen sei, und er würde die Wahrheit sagen.
Kerstin fuhr rückwärts von der Rampe, bevor die erste Blaulichtsäule durchs Tor kam.
An der Halle in Grimlinghausen stieg Dobs aus. Keiner musste ihm sagen, warum er nicht mitkam, und er sagte es auch nicht.
Da, wo die Straße aufhörte, war um acht niemand.
Um zwölf nach acht kam er zu Fuß, aus derselben Richtung wie am Montag, dieselbe zu neue Jacke, und zweihundert Meter hinter ihm stand über den Hallendächern eine weiße Säule, die inzwischen breiter war als der Kran daneben.
„Sie sind zu zweit“, sagte Weiler. „Gut.“
Er nahm nichts entgegen und gab nichts weiter. Er legte den Umschlag auf den Poller, an dem Kerstin lehnte, und dann legte er einen zweiten daneben.
„Fünf für den Zustand. Zwei, weil eine Verwertung, die nicht stattfindet, keine Kosten verursacht. Die hatte ich zurückgelegt.“ Er sah nicht zu der Säule hinüber. „Das rechne ich nicht Ihnen an. Das rechne ich mir ab.“
Jeck hatte den ganzen Weg über gewusst, was er nicht sagen würde. Kerstin sah ihm an, in welchem Moment es nichts mehr wert war.
„Was heute Morgen brennt“, sagte Weiler, „ist um sieben Uhr acht aus meiner Obliegenheit gefallen. Vorher hätte es mir zur Last gelegen. Deshalb war der Donnerstag der Termin und nicht der vierundzwanzigste.“
Er sagte es ohne jeden Nachdruck, als Auskunft über eine Frist.
„Sie wussten es“, sagte Jeck.
„Ich wusste, wann es aufhört, meines zu sein. Was es ist, weiß ich nicht, und das wollte ich auch nicht wissen.“ Er machte einen halben Schritt zurück, und die Uhrzeiten rückten zusammen. „Um neun ist das Becken zu, um zehn steht da eine Wasserschutzstreife, um elf fragt einer nach der Firma, die gepumpt hat. Sie sollten bis dahin woanders sein.“
Er drehte sich um. Dann blieb er stehen und sagte den einen Satz, für den er zurückgekommen war.
„Der Mann, der abends gemessen hat, war nicht meiner.“
Danach ging er, und es kam kein Wagen und holte ihn ab, und er sah sich auch nicht um.
Jeck nahm die beiden Umschläge vom Poller und wog sie in der Hand, einen in jeder, und lachte einmal kurz und ohne Freude.
„Sieben. Und das Einzige, was ich in der Hand hatte, hat er mir vorhin selbst weggenommen.“
„Dafür lebt die Brennerkolonne.“
„Ja.“ Er sah sie an. „Und du? Was willst du?“
„Einen“, sagte Kerstin, „bei dem mich einer kommen sieht.“