Kapitel 003 — Kaltware
Nordost fing dort an, wo die Hafenlichter aufhörten und niemand mehr die Straßenlaternen austauschte. Kerstin fuhr, weil sie im Dunkeln am besten sah. Ihre Augen holten aus dem Schwarz zwischen den Häusern jede Kante heraus, jede Wärmesignatur hinter Beton — der schlafende Hund im Hof drei, das Paar, das sich im vierten Stock stritt, warm und laut und harmlos. Nichts davon war, was sie suchte.
Dobs saß hinten, das Interface auf den Knien, und dirigierte sie über die letzten Ecken. Seine Stimme war fester als in der Halle, aber er hielt sie leise, als könnte das Ding am anderen Ende sie sonst hören. „Da vorn. Der Laden mit dem toten Schild. Der Knoten hängt darunter, im Keller.“
Das tote Schild war eine Physiotherapiepraxis, die es seit Jahren nicht mehr gab, die Buchstaben halb abgefallen. Dahinter ein Hinterhof, eine Kellertreppe, eine Stahltür mit einer Klingel, die zu neu war für den Rest.
„Ripper“, sagte Kerstin. Sie kannte die Sorte Tür. „Jemand kauft hier, was der Hafen ausspuckt. Und ein toter Kurier ist Ware.“
Jeck stieg aus, zog den Mantel gerade, wurde jemand anders zwischen Wagentür und Klingel. „Dann kaufen wir ihn zurück.“ Er drückte, einmal, kurz.
Mox blieb einen Schritt hinter Jeck, die Kapuze im Gesicht, und ließ die Wahrnehmung kippen. Kerstin sah es an seiner Schulter, an dem halben Grad, um den er ruhiger wurde. Sie selbst stellte sich so, dass sie die Treppe, den Hof und Jecks Rücken zugleich hatte. Alte Gewohnheit. Die einzige, die sie nie abgelegt hatte.
Die Tür ging einen Spalt auf, eine Kette davor. Dahinter ein Gesicht, alt, grau, mit einer Optik über dem linken Auge, die klickend scharfstellte. „Geschlossen. Notfälle nach Termin.“
„Wir sind ein Notfall“, sagte Jeck. „Für Sie gleich mehr als für uns. Vorgestern kam Ware rein. Männlich, Wasserleiche, Hafen. Sie haben ihn ausgeschlachtet, das ist Ihr Geschäft, geschenkt. Aber er hatte etwas bei sich, das kein Ersatzteil ist. Ein Etui. Fingerlang, versiegelt. Das gehört uns, und wir zahlen dafür, statt es zu nehmen.“
Die Optik klickte. „Halm heiße ich, falls Sie höflich sein wollen. Und ich weiß nicht, wovon Sie reden.“
Mox sagte, ganz ruhig, ohne die Stimme zu heben: „Doch. Er weiß es. Er hat es hinten liegen und hat schon überlegt, ob er es verkauft.“
Halm sah den Schamanen zum ersten Mal richtig an, und etwas in seinem Gesicht rutschte. Er hakte die Kette aus. „Rein. Alle. Ich mag keine Leute, die auf meiner Treppe reden.“
Der Keller roch nach Desinfektion über etwas Süßem, das die Desinfektion nicht schaffte. Zwei Liegen, eine Kühlwand mit Schubladen, an der Decke eine OP-Lampe, die surrte. Auf der zweiten Liege lag, halb unter einer Plane, was vom Kurier übrig war. Halm hatte gute Arbeit geleistet, aus seiner Sicht. Aus jeder anderen war es ein Mensch, den jemand in Teile zerlegt hatte, um sie einzeln zu verkaufen.
Dobs, der als Letzter reingekommen war, blieb an der Treppe stehen und sah weg. Kerstin schob sich zwischen ihn und die Liege, beiläufig, sodass er die Plane nicht mehr im Blick hatte. Kein Wort dazu. Man machte kein Wort daraus.
„Das Etui“, sagte Jeck.
Halm zog eine der Schubladen auf und legte es auf ein Tuch. Fingerlang, mattschwarz, die Naht ein durchgehender Siegelstreifen ohne Bruch. Ungeöffnet. Kerstin spürte, wie die drei anderen es gleichzeitig sahen und keiner die Hand danach ausstreckte.
„Ich wusste, dass es was Feines ist“, sagte Halm. „Deshalb hab ich’s nicht angerührt. Ich häute Leute, ich bin nicht dumm. Was zahlen Sie?“
Und dann sagte Dobs, von der Treppe her, mit einer Stimme, die plötzlich ganz dünn war: „Sie kommen.“
Kerstin drehte sich nicht um. Sie fragte nur: „Wie viele, woher, wie schnell.“
„Vier. Oben, der Hof. Sie sind nicht — sie funken nicht, sie reden nicht, sie —“ Dobs riss sich das Kabel halb aus dem Ohr. „Sie waren schon in Halms Kamera, bevor ich sie gesehen hab. Die waren drin, bevor sie da waren.“
Profis. Konzern. Der Dritte, der gewartet hatte, wartete nicht mehr.
Danach war keine Zeit mehr für Sätze. Kerstin hatte den Riegel der Kellertür schon gehört, ein leises, geöltes Klacken, bevor ihr Kopf entschieden hatte, dass es Gefahr war — der Reflexverstärker traf die Entscheidung schneller als sie, und die Welt zog sich in den langsamen, klaren Gang, den sie am Chrom am meisten hasste und am meisten brauchte. Die Tür flog auf. Der Erste kam die Treppe herunter, Waffe unten angelegt, sauber, lautlos.
Sie war schon unter seinem Winkel. Die Sporne fuhren aus, sie ging nicht auf den Mann, sie ging auf seine Waffe, riss die Mündung mit dem Unterarm zur Wand, und der Schuss, der kam, ging in Halms Kühlwand und nicht in Halms Kopf. Ellbogen in die Kehle, der Mann faltete sich, sie hatte ihn schon halb als Deckung vor sich, als der Zweite in der Tür stand.
„Raus!“, brüllte sie, und es war kein Kommando an das Team, es war eins an alle. „Hinterausgang, Halm, wo?”
„Kohlenschacht, links, hinter der Kühlung!“ Der alte Mann bewegte sich schneller, als sein Rücken erlaubte, riss eine Sperrholzplatte weg.
Jeck hatte das Etui vom Tuch, ohne es je richtig anzufassen, in das Tuch gewickelt, in die Manteltasche. Mox schob Dobs vor sich her in den Schacht. Kerstin hielt die Treppe. Der Zweite schoss, sie war nicht mehr da, wo der Schuss hinwollte, sie war einen halben Meter links davon und mit dem Sporn an seinem Handgelenk. Der Dritte zögerte in der Tür — der Erste lag ihm im Weg, und der Zögernde war der, der lebte.
Halm war als Vorletzter am Schacht. Der Zögernde hob die Waffe auf ihn, auf den Alten, der ihm nichts war, nur ein Zeuge weniger.
Kerstin ging dazwischen. Nicht Entscheidung, Kodex — den Teil von ihr, der schneller war als das Chrom. Der Schuss riss ihr die Jacke am Oberarm auf und eine heiße Furche ins Fleisch darunter, aber Halm ging in den Schacht statt zu Boden. Dann war sie selbst drin, rückwärts, die Sporne noch draußen, und der Schacht schluckte sie in ein Schwarz, in dem nur sie noch sah.
Sie kamen zwei Höfe weiter aus einem Kellerfenster, in eine Gasse, die nach nassem Karton stank. Der Wagen war zu weit. Sie liefen, bis das Laufen sicherer war als das Stehen, und dann noch weiter.
Im Halbdunkel eines Durchgangs blieben sie stehen. Dobs’ Atem raste. Halm hielt sich die Rippen und lachte ein trockenes, ungläubiges Lachen, dass er noch atmete. Jecks Hand lag flach auf der Tasche mit dem Etui, als müsste er sich vergewissern, dass es keinen Riss hatte.
Mox nahm Kerstins Arm, ohne zu fragen, drehte ihn ins Licht. Die Furche blutete, aber sie blutete gerade. „Streifschuss. Ich mach’s zu, wenn wir stehen.“ Er hielt kurz inne, und für einen Moment war da etwas in seinem Gesicht, das er sonst nicht zeigte, weg, bevor man es benennen konnte. „Du bist ihm reingesprungen.“
„Er wär sonst tot.“ Sie sagte es, als wäre es dasselbe wie der Himmel ist oben. Für sie war es das.
Mox ließ ihren Arm nicht gleich los. „Die vier“, sagte er dann, leiser, an alle. „Ich hab den Ersten gelesen, als er fiel. Keine Angst. Keine Gier. Nichts, was ein Mensch mitbringt, der für Geld einbricht. Da war nur — sauber ausgeräumt. Trainiert leer.“ Er sah zu der Tasche an Jecks Mantel, in der das Etui lag, versiegelt, still, und heiß von einer Aufmerksamkeit, die es die ganze Zeit auf sich gezogen hatte. „Wer immer die schickt, will das Ding nicht zurück. Der will nicht, dass es irgendwer aufmacht.“