Kapitel 004 — Ungeöffnet
Jeck wählte den Ort selbst, und er wählte ihn bei Tag.
Er hatte genug von Dunkelheit, in der andere besser sahen als er. Zwei Uhr nachts in Brandts Kneipe, ein Ripper-Keller, ein Kohlenschacht — die letzten zwei Tage hatten ausschließlich an Orten stattgefunden, wo Kerstins Augen und Mox’ zweiter Blick das Team am Leben hielten und er selbst bloß mitlief. Für die Übergabe drehte er das um. Rheinuferpromenade, kurz vor Mittag, Neusser Seite. Das Wasser breit und braun und träge, drüben der Glasglanz von Düsseldorf, der tat, als ginge ihn das Ufer hier nichts an. Familien, ein Karren mit gebrannten Mandeln, ein Straßenmusiker, der einen Verstärker quälte. Kameras an jedem zweiten Mast. Ein Ort, an dem vier trainiert leere Männer niemanden über eine Treppe schießen konnten, ohne dass es Bilder davon gab.
„Ich mag es nicht“, sagte Kerstin über den Ohrfunk. Sie saß auf einer Bank, dreißig Meter weg, den Arm im Mantel, und blätterte in etwas, das sie nicht las. „Zu offen. Zu viele Rücken.“
„Offen ist meine Deckung“, sagte Jeck, ohne die Lippen groß zu bewegen. „Deins ist das Chrom. Meins sind die Leute mit Kinderwagen. Solange die da sind, bleibt es höflich.“
„Und wenn nicht?“
„Dann war ich vorher schon woanders.“
Reuter kam pünktlich, und er kam allein, und beides gefiel Jeck nicht. Ein Mann wie Reuter kam nie allein, wenn er sich sicher fühlte. Der teure Mantel saß, aber das Gesicht darüber hatte in zwei Tagen zehn Jahre gemacht. Er setzte sich neben Jeck auf die Ufermauer, den Blick auf den Fluss, zwei Kollegen in der Mittagspause.
„Sie leben“, sagte Reuter. „Ich hatte gewettet, dass nicht.“
„Schön, dass wer an uns glaubt.“ Jeck hielt einen Becher Kaffee, den er nicht trank, weil er die Hände beschäftigt haben wollte. „Sie haben uns einen Kurier verkauft und vergessen zu erwähnen, dass halb Essen hinter dem herräumt, was er trug.“
„Ich habe gesagt, es sucht noch jemand.“
„Sie haben gesagt einer. Es waren vier, und die reden nicht mal beim Töten.“
Er weiß, dass er zu wenig gesagt hat, kam Mox’ Stimme, kaum ein Flüstern, von irgendwo am Geländer, die Kapuze im Gesicht, der zweite Blick offen. Er schämt sich nicht. Er hat Angst. Dieselbe wie am ersten Abend, nur größer.
Reuters Mundwinkel zuckte. „Haben Sie es?“
Jeck ließ ihn warten, einen Atemzug, zwei. Dann zog er das Bündel aus der Innentasche, das Tuch, in dem das Etui seit dem Keller lag, und schlug es einen Spalt weit auf, sodass nur Reuter den mattschwarzen Streifen sah, die durchgehende Naht. Kein Bruch. Kein Riss.
Etwas in Reuter fiel in sich zusammen und richtete sich zugleich auf, Erleichterung und neue Angst im selben Ruck. Da, sagte Mox leise im Ohr. Genau da. Er wollte, dass es zu ist. Mehr als das Geld wollte er, dass es zu bleibt.
Und Jeck begriff es endlich, ganz, hier auf der Mauer mit dem kalten Kaffee in der Hand. Er hatte die ganze Zeit gedacht, Reuter verkaufe den Chip an einen Käufer, und das Team sei der Bote dazwischen. Falsch. Es gab keinen Käufer. Reuter kaufte sich selbst frei. Der Chip war keine Ware, er war eine Schlinge, und Reuter reichte sie denen zurück, die sie geknüpft hatten, in der Hoffnung, dass sie sich dann nicht um seinen eigenen Hals legte. Ungeöffnet abliefern oder verschwinden — das war nie eine Vertragsklausel gewesen. Das war ein verängstigter Mann, der einem anderen den einzigen Weg zeigte, der nicht in einem Keller wie Halms endete.
Er hätte es aufmachen können. Der Gedanke war da, klar und kalt: ein Siegel, ein Griff, und er wüsste, was ein Konzern für tötungswert hielt. Wüsste, wer der Dritte war. Hätte etwas in der Hand für später. — Und wäre lokalisiert, in der Sekunde, in der er den Chip aufsteckte, und hätte das ganze Team an eine Leine gehängt, die schnurgerade zu den vier führte. Wissen, für das man mit Gesichtern zahlte, die man schon kannte.
Er klappte das Tuch wieder zu.
„Der Rest“, sagte er.
Reuter legte einen Credstick auf die Mauer zwischen sie, die Hand flach darüber. Jeck nahm ihn nicht sofort. „Dobs?“, sagte er, leise, in den Funk.
„Echt“, kam Dobs’ Stimme aus dem Wagen, jung und ganz bei der Sache. „Voll geladen. Keine Rückrufleitung dran, kein Marker, nichts Faules. Sauber.“
Jeck ließ das Tuch mit dem Etui in Reuters Manteltasche gleiten und den Credstick in die eigene. Kein Händedruck. So etwas reichte man sich nicht die Hand.
„Zwei von Ihren vier stehen am Eiswagen“, sagte Reuter, ohne hinzusehen. „Seit Sie da sind. Sie kaufen nichts.“
„Ich weiß.“ Kerstin hatte sie vor sechs Minuten durchgegeben. Zwei Männer, zu ruhig für einen freien Tag, die Hände zu leer.
„Sie fassen Sie nicht an.“ Zum ersten Mal war das nicht die Stimme eines Auftraggebers. Reuter wusste, wovon er redete, und er ließ es hören. „Nicht hier. Denen ist egal, wer es trägt. Denen ist nur wichtig, dass es zu bleibt. Solange Sie es abgeben und vergessen, sind Sie für die Luft.“ Er stand auf, strich den Mantel glatt, und die Politur kam zurück über das graue Gesicht, dünn wie Eis über tiefem Wasser. „Vergessen Sie es, Herr — wie auch immer Sie diese Woche heißen. Das ist der teuerste Teil des Auftrags, und den zahle ich nicht. Den zahlen Sie selbst.“
Dann ging er, ein teurer Mantel im Mittagslicht, und die zwei am Eiswagen lösten sich vom Wagen und gingen in dieselbe Richtung, nicht eilig, nicht nah, und ließen das Team einfach stehen.
Kerstin war als Erste bei ihm, den Arm noch steif im Mantel. „Sauber raus“, sagte sie. Von ihr war das eine ganze Rede.
„Sauber bezahlt.“ Jeck wog den Stick in der Hand, und erst jetzt merkte er, dass seine Finger die ganze Zeit nicht ruhig gewesen waren. Mox kam vom Geländer, die Kapuze zurück, das Gesicht grau vom langen Lesen, aber unversehrt. Aus dem Funk schnaufte Dobs etwas Junges, Erleichtertes.
Vier Konzern-Gesichter kannten jetzt seins. Das blieb, das wurde irgendwann eine Rechnung. Aber sie stand nicht heute auf der Promenade, und Jeck hatte gelernt, teure Rechnungen liegen zu lassen, bis jemand sie fällig stellte.
Er ging zum Karren, kaufte vier Tüten gebrannte Mandeln, viel zu teuer, warm durch das Papier, und trug sie zurück zu Leuten, die er vor ein paar Monaten noch nicht gekannt hatte — und für die er inzwischen dumme Dinge tun würde, das wusste er seit dem Keller, ohne es je auszusprechen. Er drückte Kerstin eine in die gesunde Hand. Eine warf er Richtung Wagen für Dobs. Mox hielt er die letzte hin.
„Team-Essen“, sagte er. „Erster Grundsatz: Wer überlebt, isst was Süßes. Steht im Vertrag. Ganz unten, das Kleingedruckte.“
Mox nahm die Tüte. Das war Antwort genug.