Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 005 — Was man behält

Die Bude lag zwei Straßen hinter dem Hafen, hoch genug, dass man den Fluss nicht sah, nur roch, wenn der Wind von Westen kam. Früher hatte hier eine Spedition ihre Frachtpapiere gestapelt; jetzt stapelte niemand mehr etwas außer dem Team, das sich das obere Geschoss über eine tote SIN mietete, die Jeck am Leben hielt wie einen Zimmerfarn. Zwei Räume, ein Ofen, der mehr rauchte als wärmte, ein stahlgerahmtes Fenster über einem Hinterhof, in dem seit Jahren dasselbe Lastenrad rostete. Mox mochte den Ort, weil er zwei Treppen hatte und keine davon quietschte, wenn man wusste, wo man trat.

Drei Tage nach der Promenade lag das Geld noch immer auf dem Tisch. Nicht als Stapel — der Credstick, und daneben Jecks Notizblock, auf dem er in seiner kleinen, sauberen Handschrift aufgeschrieben hatte, was der Rest des Kuriers wert war, wenn man ihn in Dinge übersetzte.

„Vier neue Legenden“, sagte Jeck. Er saß rittlings auf dem Stuhl, den Block vor sich, und zählte mit dem Stift die Zeilen ab. „Sauber, mit Historie, nicht der Ramsch von der Straße. Damit sind wir für die vier vom Eiswagen vier andere Leute. Kostet den halben Stick.“ Er tippte weiter. „Oder wir stecken es in Chrom und Software, dann sind wir dieselben, nur schneller. Oder“ — er hob den Blick — „wir zahlen die Miete hier ein Jahr im Voraus und tun so, als hätten wir eine Zukunft.“

„Neue Gesichter“, sagte Kerstin. Sie stand am Fenster, den Arm noch im Winkel, und sah in den Hof, wo es nichts zu sehen gab. „Dann rennen wir vor vier Leuten weg, die uns in Ruhe gelassen haben.“

„Vorsicht ist kein Rennen.“

„Bei dir schon.“

Jeck legte die Hand aufs Herz, getroffen, und grinste, weil sie recht hatte. Mox sagte nichts. Er saß auf der Kiste am Ofen, die Hände um einen Becher, aus dem diesmal noch Dampf stieg, und sah Kerstins Arm an. Sie hielt ihn seit drei Tagen im selben Winkel. Sie sagte nichts dazu, weil Kerstin über so etwas nichts sagte, aber der Winkel sagte es für sie.

Die untere Tür ging, zwei Treppen, kein Quietschen — Dobs, der wusste, wo er trat, weil Mox es ihm gezeigt hatte. Er kam mit kalten Ohren herein, das Interface im Rucksack, und roch nach Fluss und Lötzinn.

„Der Stamm lässt grüßen“, sagte er und ließ sich auf die freie Matratze fallen. „Die Codeschmiedin hat einen Posten Speicher, den keiner sonst kriegt, falls wir was übrig haben. Und der Deckmeister braucht Kondensatoren, sonst baut er das nächste Deck aus Hoffnung.“

„Wie viel Hoffnung ist ein Kondensator?“, fragte Jeck.

„Weniger als ein neues Gesicht.“ Dobs sagte es leicht, aber er sah dabei nicht Jeck an, sondern den Stick, und Mox las, was der Junge nicht laut sagte: dass er das Geld lieber unten am Wasser sähe als in vier Legenden, die ihn selbst nicht schützten. Der Junge gehörte zwei Häusern an. Das kostete ihn manchmal etwas, und er trug es leicht, solange er es noch leicht tragen konnte.

„Setz dich“, sagte Mox zu Kerstin. Nicht laut. Er stellte den Becher ab.

Sie sah ihn an, einen Moment zu lang, dann kam sie vom Fenster und setzte sich auf die Kiste ihm gegenüber, ohne ein Wort, und schob den Ärmel hoch. Die Furche war zu, aber schlecht zu — Halms Fadenersatz und drei Tage Bewegung, das Fleisch drumherum hart und heiß. Mox legte die Hand darauf, ohne zu fragen. Er hatte sie auch im Durchgang nach Nordost nicht gefragt.

„Ich hab gesagt, wenn wir stehen“, sagte er. „Wir stehen.“

Er ließ die Wahrnehmung kippen und griff nach dem, was Snake ihm für so etwas lieh — kein Kunststück, eher ein Zuhören, bis die Haut begriff, dass sie sich schließen durfte. Die Wärme unter seiner Handfläche sammelte sich, ordnete sich, die Furche zog sich zu einem blassen Strich zusammen, der in einer Woche keiner mehr sein würde. Und der Preis kam, wie er immer kam. Nicht ihrer. Seiner. Er nahm die Erschöpfung, die eigentlich in ihrem Arm hätte sitzen und langsam abklingen sollen, auf einmal und ganz in sich hinein, und für ein paar Atemzüge wurde der Raum weit und dünn und der Ofen sehr weit weg.

Kerstins gesunde Hand lag plötzlich an seinem Handgelenk, hielt es, nicht weil er fiel, sondern damit er nicht. „Genug“, sagte sie. Nur das.

„Genug“, stimmte er zu, als der Raum zurückkam. Sie ließ das Handgelenk los, eine Idee zu spät, und keiner von beiden machte etwas daraus. Sie streckte den Arm, das erste Mal seit drei Tagen ganz. Es ging.

„Danke, Mox.“ Sie nannte ihn Mox, nicht bei einem der Handles, die andere für ihn hatten. Es war kein großes Wort. Aber sie sagte es nur zu ihm, und beide wussten, dass es keiner sonst hören sollte.

Am Fenster tat Jeck sehr beschäftigt mit seinem Block, und Dobs sah auf einmal sehr interessiert an die Decke, und Mox war beiden dankbar, dass sie so taten, als hätten sie nichts gesehen.

Später, als der Becher leer war und die Erschöpfung sich in Mox’ Knochen einen Platz gesucht hatte, nahm er den Stick vom Tisch und wog ihn.

„Keine neuen Gesichter“, sagte er. Es war das Längste, was er den ganzen Abend gesagt hatte, und deshalb hörten sie hin. „Wer die Gesichter wechselt, sagt den vier, dass er Angst hat. Wir haben abgeliefert und vergessen. So bleiben wir Luft.“ Er legte den Stick vor Jeck hin. „Miete. Ein Jahr. Wir tun so, als hätten wir eine Zukunft, bis es stimmt.“ Dann schob er, ohne den Blick zu heben, einen zweiten, kleineren Betrag über den Tisch in Dobs’ Richtung. „Kondensatoren. Und der Speicher. Der Stamm hat uns nichts geliehen und trotzdem was gegeben. Das zahlt man zurück, bevor man gefragt wird.“

Jeck sah den Stick an, dann Mox, und für einen Moment fiel die Politur, nicht dramatisch, nur kurz — der Mann, der sich selbst ins Team eingeladen hatte, begriff, dass ihn jemand eingerechnet hatte, in ein Jahr, das es noch nicht gab. Er steckte den Stick weg, bevor das Gesicht ihn verriet.

„Ein Jahr“, sagte er, und die Leichtigkeit war wieder da, aber sie saß diesmal auf etwas. „Dann will ich Gardinen.“

„Häng sie selbst.“ Kerstin bewegte den Arm noch einmal, prüfend, und diesmal, weil sie es konnte.

Dobs stritt schon mit Jeck darüber, ob eine alte Spedition mit Gardinen nach etwas aussah, das man ernst nahm, und Jeck verteidigte seinen Geschmack lautstark, obwohl niemand ernsthaft an Gardinen dachte, und der Ofen rauchte, und unten im Hof rostete das Lastenrad weiter vor sich hin, dem es gleich war, wem die Bude jetzt ein Jahr lang gehörte.