Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 006 — Die Betreffende

Die Schleuse hatte zwei Türen, und Kerstin saß so, dass sie beide sah.

Das war keine Nervosität, das war Handwerk. Die vordere ging auf den Kai, die hintere in den Hof mit den Fässern, und dazwischen wischte Brandt mit einem grauen Tuch über einen Tresen, den kein Tuch mehr sauber bekam. Es roch nach Diesel, altem Bier und dem Fluss, der zwei Wände weiter gegen die Spundwand schlug. Sechs Gäste, keiner davon ein Problem: zwei Hafenarbeiter, ein Alter mit Zeitung, drei, die schon zu betrunken waren, um schnell zu sein. Kerstin hatte sie in den ersten dreißig Sekunden abgehakt. Danach hatte sie nur noch auf die Türen geachtet.

Jeck saß am hinteren Tisch, entspannt, ein Glas Wasser vor sich, das er als Bier bezahlt hatte. Mox lehnte an der Bar, Kapuze halb im Gesicht, und tat, als schliefe er über einem Klaren. Er schlief nicht. Er sah zu, auf seine Art, mit dem zweiten Blick, den nur Kerstin an ihm kannte, wenn seine Schultern so ruhig standen wie jetzt.

Die Frau kam um zehn, und Brandt brachte sie selbst zum Tisch, was er nur tat, wenn jemand vorher bezahlt hatte, gesehen zu werden.

„Die Dame sucht Leute für was Leises“, sagte Brandt. Er sah niemanden dabei an. „Ihr seid die Leute. Mehr weiß ich nicht, mehr will ich nicht.“ Dann ging er zurück hinter seinen Tresen und wischte weiter, und damit war er raus, so wie er immer raus war.

Frau Schmidt — sie nannte sich nicht so, sie nannte sich gar nicht — setzte sich Jeck gegenüber, ohne den Stuhl zu rücken. Grauer Mantel, teuer, aber gewählt, um vergessen zu werden. Keine Ringe, kein Duft, keine Handtasche, die man ihr entreißen konnte. Kerstin las Körper — Haltung, Hände, wohin das Gewicht ging —, und dieser Körper war leergeräumt: nichts, das klapperte, nichts, das man packen konnte, die Hände flach auf dem Tisch und still. Eine Frau, die vorher jede Kante von sich abgeschliffen hatte.

„Ich habe eine Betreffende“, sagte sie, „die einen Standort verlässt, den sie nicht selbst verlassen kann. Ich möchte, dass Sie das ändern.“

„Eine Person“, sagte Jeck freundlich.

„Eine Betreffende.“ Sie wiederholte das Wort ohne Betonung. „Weiblich, dreiundzwanzig, arbeitet bei Grünhoff Nutritionals, Werk Süd, in der Entwicklung. Sie ist dort untergebracht, nicht nur beschäftigt. Sie verlässt das Gelände nicht. In fünf Tagen wird sie verlegt. Nach der Verlegung ist sie für uns — und für Sie — nicht mehr erreichbar.“

„Verlegt wohin?“

„Das betrifft den Auftrag nicht.“

Jeck ließ die Antwort liegen und lächelte, als hätte sie ihm eine geschenkt. „Und wir sollen sie vorher rausholen. Lebend, nehme ich an.“

„Lebend, vollständig, unbeschädigt.“ Zum ersten Mal wurde die Stimme präziser statt weicher. „Das ist keine Höflichkeit. Das ist die Bedingung. Wenn ihr etwas fehlt, das vorher dran war, wird nicht gezahlt. Kein Kratzer, keine gebrochene Naht, nichts, das Spuren hinterlässt. Sie holen sie so heraus, wie man ein volles Glas über eine Treppe trägt.“

Da war er, der eine Vergleich des Abends, und Kerstin merkte sich ihn, weil er ihr sagte, wie diese Frau dachte. Nicht einen Menschen. Ein volles Glas.

Jeck redete Zahlen, und die Frau redete zurück, und das dauerte, und Kerstin ließ es an sich vorbeilaufen, weil Geld nicht ihr Teil war. Ihr Teil war das hier: dass die Frau nie einen Namen sagte. Nicht den der Betreffenden, nicht den von Grünhoff, den irgendein Nachtwächter tragen mochte, nicht ihren eigenen. Menschen, die Namen wegließen, ließen meistens noch mehr weg. Und ihr Teil war, dass die Frau kein einziges Mal fragte, ob es gefährlich sei. Auftraggeber fragten das. Sie fragten es verpackt — schaffen Sie das, ist das machbar, wie sicher sind Sie —, aber sie fragten. Diese Frau fragte nach einem Liefertermin.

„Wehrt sie sich?“, fragte Jeck, und es klang beiläufig, aber Kerstin kannte den Ton. Er stellte die Frage, die sie ihm mit einem Blick geschickt hatte.

Eine Pause. Kurz. Aber Kerstin sah, wie die flachen Hände auf dem Tisch für einen Wimpernschlag nicht mehr ganz flach lagen.

„Sie wird kooperieren“, sagte Frau Schmidt. „Man hat ihr gesagt, dass jemand kommt.“

„Wer ist man?“

„Ich.“ Der Boden war wieder eben. „Legen Sie sich nicht darauf fest, was sie sagt, wenn Sie bei ihr sind. Betreffende in ihrer Lage sagen manchmal Dinge, die nicht ihrem Interesse dienen. Sie holen sie trotzdem heraus. Das ist der Auftrag. Nicht, ihr zu glauben.“

Sie legte einen schwarzen Chip auf den Tisch, ohne ihn loszulassen, bis Jeck die Hand daneben legte. „Standort, Grundriss, Zeitfenster. Die Hälfte auf diesem Stick, wenn Sie die andere hier drücken.“ Ein zweiter Stick, kleiner. „Die zweite Hälfte, wenn ich sie unbeschädigt zurückhabe. Fünf Tage. Ich melde mich nicht. Sie melden sich, wenn Sie sie haben.“

Sie stand auf, und ihr Stuhl gab kein Geräusch, weil sie ihn beim Aufstehen mit einer Hand hielt. Dann war der graue Mantel an der Kaitür und dann war er weg, und drinnen roch es weiter nach Diesel und Fluss.

Mox kam von der Bar herüber, setzte sich auf den warmen Stuhl und schob die Kapuze zurück. Sein Gesicht war grau vom langen Sehen.

„Sie hat nicht gelogen“, sagte er leise. „Das ist das Schlechte daran. Kein Riss, keine zweite Farbe unter der ersten. Sie glaubt jedes Wort. Für die ist das Ding, das sie holen lässt, kein Mensch, der lügen könnte, sondern Inventar, das falsch spricht, wenn man es bewegt.“ Er sah auf den Chip, den Jeck zwischen zwei Fingern hielt. „Glauben Sie ihr nicht. Wer das sagt, hat vorher gehört, was sie zu sagen hat. Und will nicht, dass ihr es hört.“

Jeck drehte den Chip einmal um sich selbst. „Dreiundzwanzig“, sagte er. „Untergebracht, nicht beschäftigt. Vollständig und unbeschädigt.“ Die Leichtigkeit war noch in der Stimme, aber sie lief jetzt über etwas Hartes. „Das ist kein Job für eine Angestellte, die zu viel weiß. Das ist ein Job für eine Ware, die weglaufen könnte.“

„Dann laufen wir schneller“, sagte Kerstin.

Sie war schon aufgestanden. Nicht weil sie gehen wollte, sondern weil ihre Hände etwas zu tun brauchten und es sonst nichts gab, das man mit ihnen tun konnte — noch nicht. Fünf Tage. Ein Werk, das Menschen unterbrachte wie Fässer im Hof. Eine Frau von dreiundzwanzig, der man gesagt hatte, dass jemand kommt, und der niemand gesagt hatte, dass dieser Jemand bereits bezahlt war, sie herauszutragen wie ein volles Glas, ob sie das nun wollte oder nicht.

Kerstin steckte den halben Stick ein und drückte im Vorbeigehen mit dem Daumen den zweiten, den kleinen, für Frau Schmidt. Der Handel war ihr Teil nicht. Aber wer am Ende die Betreffende die Treppe hinunterträgt, das würde ihrer werden, ob es im Vertrag stand oder nicht — und in dem Moment, in dem sie das dachte, wusste sie schon, dass dieser Job sie mehr kosten würde als fünf Tage.