Kapitel 007 — Werk Süd von innen
Zwei Straßen hinter dem Hafen roch die Bude nach kaltem Ofen und nach dem Kaffee, den Jeck aufgesetzt und keiner getrunken hatte. Dobs saß mit dem Rücken zur Wand, die Datenbuchse hinter dem Ohr frei, das dünne graue Kabel über die Schulter zu dem Anschluss, den er selbst in die tote Telefonleitung der alten Spedition gelötet hatte. Kein Deck vor ihm auf dem Tisch. Keine Kiste voll Chrom, keine blinkenden Regler. Nur er, die Leitung und das, womit er geboren war.
Mox saß ihm gegenüber, nah genug, um die Hand am Handgelenk zu haben, wenn es sein musste. Nicht weil Dobs darum gebeten hätte. Mox hatte irgendwann etwas über Körper gelernt, die man leer zurücklässt, während der Rest woanders unterwegs ist, und er sah niemanden gern so daliegen.
„Wenn’s kalt wird, zieh ich dich raus“, sagte Mox.
„Wird’s nicht.“ Dobs grinste, halb schon nicht mehr im Raum. „Diesmal geh ich langsam.“
Das war der Unterschied. Beim Kurier war er hineingestolpert und hatte sich unter Beschuss wieder herausgekämpft, mit einem Späher, der hinterher drei Tage brauchte, um sich zu erholen. Er hatte daraus etwas mitgenommen, auch wenn er es niemandem erzählte: dass ein Konzernnetz nicht dafür gebaut ist, dich hinauszuwerfen. Es ist dafür gebaut, dich drin zu behalten, bis jemand kommt.
Er atmete aus und ging über die Leitung.
Grünhoffs Netz hatte keine Zähne, die man von außen sah. Das war das Erste, was ihm auffiel. Ein Konzern, der Nahrung machte, Trockenpulver und Nährflüssigkeit und die grauen Riegel, die man den Arbeitern in die Kantinen stellte — sein Netz war kalt und ordentlich und langweilig, lange Regale voll Lieferdaten und Chargennummern, und irgendwo dazwischen lag das, was Frau Schmidt für einen halben Stick gekauft hatte, zu Gesicht zu bekommen.
Dobs schickte den Späher voraus. Für die anderen war das ein Programm, ein Werkzeug. Für ihn nicht. Der Späher schwamm vor ihm her, tastete an den Kanten der Datenregale entlang, und wenn er auf etwas Hartes stieß, meldete er es zurück, nicht in Worten, in einem Ziehen, das Dobs im Nacken spürte. Er hätte das keinem erklären können, der nicht selbst so geboren war. Er versuchte es auch nicht mehr.
Werk Süd zog er sich Stück für Stück heran. Die Kameras zuerst — er berührte sie nicht, er las nur, welche wohin sah und welche seit Monaten ein totes Bild lieferte, das keiner ausgetauscht hatte. Dann die Türen: die zum Hof, die zur Anlieferung, die Schleusen in den Trakt, den sie Entwicklung nannten. Grundriss hatten sie schon auf Schmidts Stick, aber Papier log, und Dobs wollte wissen, welche Türen im Netz überhaupt vorkamen. Zwei kamen nicht vor. Zwei Türen, die es gab und die das System nicht kannte. Die merkte er sich für Kerstin.
Die Wachrotation lag offen wie eine Speisekarte — Grünhoff bezahlte eine billige Sicherheitsfirma und die führte ihre Schichtpläne im selben Netz wie die Chargennummern, was schlampig war und Dobs entgegenkam. Vier Mann nachts, zwei am Tor, zwei innen, alle zwei Stunden ein Rundgang, der immer denselben Weg nahm. Er zog sich den Weg heraus. Er zog sich die zwei Stunden heraus.
Dann fand er sie.
Kein Name. Er hatte damit gerechnet und es traf ihn trotzdem. Wo eine Personalakte hätte sein müssen, stand eine Nummer und ein Kürzel, und das Kürzel war keines, das man Menschen gab. Aufnahmeprotokolle, hatten sie es genannt. Zufuhrpläne. Kontrollwerte, morgens und abends abgetragen, Kurven, die stiegen und fielen und wieder stiegen. Dazwischen, in einem Feld, das nur einer ausfüllt, der nichts dabei denkt, ein Wort: Bestand. Sie führten das Mädchen in denselben Regalen wie die Trockenpulver. Jeck hatte recht gehabt, und recht zu haben schmeckte hier nach gar nichts.
Dobs schob den Späher näher an den Knoten, in dem all das hing. Er wollte die Zufuhrpläne, die Verlegung, den Termin — das, wofür sie hier waren.
Und der Knoten sah zurück.
Kein Alarm schlug an, kein Wachprogramm fuhr hoch, keine Zähne, kein Zugriff. Etwas Leiseres. Der Späher stockte, kam nicht weiter, kam auch nicht zurück, hing einfach da an der Kante des Knotens, und durch ihn hindurch spürte Dobs im Nacken jenes Ziehen, das er sonst nur von seinen eigenen Konstrukten kannte — das warme, tastende Zurücktasten von etwas, das lebt. Er hatte das noch nie von einem Datenknoten gespürt. Datenknoten waren tot. Dieser hier war es nicht.
Eine Sekunde lang tastete das Ding zurück, als wollte es wissen, wer da war.
Dobs riss den Späher weg.
Er nahm die letzten Werte im Fallen mit, den Zufuhrplan, das Verlegungsprotokoll, packte, was er greifen konnte, und ließ den Rest liegen, weil er nicht noch einmal so nah heran wollte. Das war die Disziplin, die ihm beim Kurier gefehlt hatte. Er hätte tiefer gehen können. Er ging nicht. Er nahm das halbe Bild und die kalte Stelle im Nacken und zog die Leitung hoch.
Der Raum kam zurück, kalter Ofen, ungetrunkener Kaffee, Mox’ Hand einen Fingerbreit über seinem Handgelenk, ohne es zu berühren.
„Kalt“, stellte Mox fest. Keine Frage.
„Ich hab alles.“ Dobs’ Stimme kam kratzig. Er wischte sich über die Oberlippe, kein Blut, nur der Reflex. „Kameras, Türen, die Rotation. Zwei Türen, die’s gibt und die keiner ins Netz eingetragen hat — die gehören Kerstin. Und die Verlegung.“
Jeck war vom Fenster her näher gekommen, Kerstin von der Tür, ohne dass er gehört hatte, wie sie sich bewegten.
„Fünf Tage“, sagte Jeck. „Sag fünf Tage.“
Dobs sah auf die Zahlen, die er mitgebracht hatte, und rechnete sie noch einmal nach, weil er sie beim ersten Mal nicht hatte glauben wollen. Der Termin im Protokoll war nicht der, den Frau Schmidt genannt hatte. Sie hatte fünf Tage gesagt, und sie hatte nicht gelogen, das hatte Mox gelesen — sie glaubte an ihre fünf Tage. Nur glaubte Grünhoff nicht daran. Grünhoff hatte den Transport vorgezogen.
„Drei“, sagte Dobs. „Sie verlegen sie in drei Tagen.“