Kapitel 008 — Die Legende
Jeck hatte an diesem Vormittag schon unter drei Namen telefoniert, und keiner davon war seiner. Das störte ihn nicht weiter. Den eigenen hatte er nur an schlechten Tagen parat, und heute war kein schlechter Tag. Heute war ein Arbeitstag, und Arbeit machte ihn ruhig.
Der Fehler, den die meisten machten, war, Werk Süd für eine Mauer zu halten. Die Mauer war kein Problem. Die kannten sie längst — Kerstins zwei ungelistete Türen, die Rotation, die alle zwei Stunden denselben Weg lief, die zwei toten Kameras, die Dobs mitgebracht hatte. Über eine Mauer stieg man, wenn man keine bessere Idee hatte. Jeck hatte fast immer eine bessere Idee. Ein Werk, das Nahrung herstellte, ließ nachts Fremde herein, freiwillig, durchs Tor, mit Wagen und Papieren. Es musste. Nährtanks verkeimten, Abfüllstraßen verkrusteten, und irgendwer kam und machte das sauber, während die Produktion stand. Wer als Reinigungskolonne kam, kletterte über gar nichts. Er unterschrieb am Empfang und bekam einen Kaffee.
Das Problem war nur, die richtige Kolonne zu sein. Deshalb fuhr Jeck nach Reuschenberg, in eine Waschhalle, in der es nach heißem Wasser und Industrielauge roch und in der Rieke Wenzel die Arbeitskleidung der halben Neusser Nachtschichten wusch, bügelte und, gegen Aufpreis, mit den richtigen gestickten Namen versah.
„Grünhoff“, sagte Wenzel, ohne aufzusehen. Sie faltete einen Overall, staubblau, ein gesticktes Firmenzeichen über der Brusttasche. „Süd oder Nord?“
„Süd.“
„Süd fährt die Kordes-Kolonne. Feste Tour, jeden zweiten Donnerstag, Sperrreinigung einmal im Quartal.“ Sie warf einen Blick auf einen Wandkalender voller Kürzel. „Nächster Termin in elf Tagen. Willste einsteigen, kostet dich das den Vormann, und der plaudert.“
„Ich hab drei Tage. Nicht elf.“
Wenzel legte den Overall hin und sah ihn zum ersten Mal richtig an, von unten nach oben, ein Preisschild im Blick. „Drei Tage. Dann steigste in keine Tour ein, Junge. In drei Tagen kommt keine Kolonne nach Süd, außer die rufen selber an. Ich verkauf dir Overalls, ich verkauf dir eine Kordes-Auftragsmappe, die jeder Prüfung standhält, und ich verkauf dir das Magnetschild an den Wagen. Was ich dir nicht verkaufen kann, ist ein Grund, warum Grünhoff um zwei Uhr nachts eine fremde Kolonne durchs Tor lässt. Den brauchst du selber.“
Jeck lächelte, weil das genau die Antwort war, mit der er gerechnet hatte. „Und der Trakt?“
„Welcher Trakt?“
„Entwicklung.“
Wenzel schnaubte durch die Nase. „Den machen die selber. Seit dem Frühjahr. Kordes reinigt Süd — bis auf den einen Flügel, da kommt kein Fremder rein, eigene Leute, eigene Schlüssel. Frag mich nicht warum. Ist nicht mein Kittel.“ Sie schob ihm einen Zettel über den Tisch, eine Zahl darauf. „Das hier ist meiner. Bar, heute.“
Er zahlte bar, heute, vom Vorschuss-Stick, dem ersten frischen Geld seit der Jahresmiete, und es tat ihm kurz um jeden Schein leid, aber nur kurz. Ein sauberer Weg hinein war jeden Schein wert, und was Wenzel ihm eben umsonst dazugegeben hatte, war mehr wert als die Overalls: der Entwicklungstrakt ließ keine Kolonne rein. Nicht mal in einem Notfall. Das hieß, sein Weg brachte das Team über das Tor, über den Hof, in die Hallen — aber nicht zu ihr. Der letzte Meter blieb Kerstins, über ihre zwei Türen, die das Netz nicht kannte. Gut. Jeder machte den Teil, den er am besten machte.
Blieb der Grund. Den man selber brauchte.
In der Bude stand der Kaffee wieder kalt, und niemand beschwerte sich darüber, weil sie es alle taten und keiner ihn trank.
„Man drückt so einen Laden nicht auf“, sagte Jeck. Er saß auf der Fensterbank, ein Bein angezogen. „Man klingelt nicht und sagt, hallo, wir würden gern mal durch. Aber man kann ihn dazu bringen, dass er von selber putzen will. Sehr dringend. Nachts. Bevor Besuch kommt.“
„Was für Besuch“, sagte Kerstin. Sie stand an der Tür, wo sie immer stand, den Rücken zur Wand, und schärfte eines ihrer Messer, obwohl es scharf war.
„Amtlicher.“ Jeck breitete die Hände aus, als läge das Ganze schon fertig darin. „Ein Werk, das Nahrung macht, hat genau eine Angst, die größer ist als Konzernspione: die Lebensmittelaufsicht, unangemeldet, mit Tupfern und Formularen. So ein Werk, das im Keller was stehen hat, das kein Mensch in einem Prüfbericht sehen soll —“ er ließ das offen, weil sie alle wussten, was im Keller stand, oder wen „— so ein Werk holt vorher seine eigene Kolonne rein und macht blitzblank. Nachts. Diskret. Bevor der Amtsmann kommt. Nur ist Kordes elf Tage weg. Und wer springt ein, wenn der eigene Reiniger nicht kann und die Aufsicht schon in der Post steht?“
„Wir“, sagte Dobs vom Boden, wo er saß, den Rücken an der kalten Ofenwand. Er sagte es ohne Freude. Seit dem Lauf durch Grünhoffs Netz trug er eine kalte Stelle im Nacken mit sich herum, und die Vorstellung, wieder in die Nähe dieser Regale zu gehen, ließ ihn die Schultern hochziehen.
„Du gehst nirgends tief rein“, sagte Jeck schnell. „Du legst der Verwaltung eine Vorwarnung in den Eingang, eine amtliche, eine, die aussieht, als käme sie aus dem richtigen Büro. Randnah. Kein Knoten, keine Regale, kein Entwicklungstrakt. Rein, ablegen, raus. Den Schreck machen die sich selber.“
Dobs dachte darüber nach, an die warme, tastende Sache, die aus dem Knoten zurückgetastet hatte, und daran, wie weit der Verwaltungseingang davon weg lag. Weit genug. „Randnah“, sagte er. „Und wenn ich das Ding auch nur riechen — bin ich draußen.“
„Bist du draußen.“ Mox hatte bis dahin nichts gesagt. Jetzt sah er nur Dobs an, kurz, ein Einverständnis ohne Worte, und Dobs nickte, weil das zwischen ihnen genügte.
Kerstin klappte das Messer weg. „Und der Preis?“
Jeck ließ die Leichtigkeit einen Moment ruhen, weil sie recht hatte, danach zu fragen. „Der Amtsschreck ist echt genug, um zu wirken. Das heißt, er ist echt genug, um Wellen zu schlagen. Wenn wir Glück haben, verpufft er, sobald wir raus sind. Wenn wir Pech haben, schaut irgendwann tatsächlich ein Amt bei Grünhoff vorbei und fragt, wer da eine Kontrolle angekündigt hat, die es nie gab.“ Er zuckte die Achseln. „Dann suchen sie eine Kolonne, die es nicht gibt. Wir sind bis dahin Luft.“
„Luft“, sagte Kerstin, und in dem Wort lag der Rest eines alten Beschlusses, keine Legenden zu wechseln, keine Spuren zu legen — und die Kenntnis, dass sie hier eine legten, eine kleine, mit Absicht. Jeder Job kostete. Dieser kostete eine Spur im Amt und ein Bündel vom Vorschuss. Dafür brachte er sie durchs Tor, statt über die Mauer, und schenkte ihnen etwas, das blieb: eine Kolonne, staubblau, mit gestickten Namen, die sie ein zweites Mal anziehen konnten.
Es war halb elf, als Dobs die Vorwarnung ablegte, randnah, sauber, wieder heraus in unter einer Minute, ohne dass ihm ein Härchen im Nacken kalt wurde. Um kurz nach elf lief bei Grünhoff Werk Süd das erste Telefon heiß, dann ein zweites, und irgendwo suchte ein Werkleiter mit klammen Händen die Nummer seiner Reinigungsfirma und bekam eine Ansage.
Jeck wartete, bis die Panik reif war. Dann nahm er das Wegwerftelefon, atmete einmal durch, und der Mann, der ausatmete, war nicht mehr Jeck. Es war ein müder, freundlicher Vorarbeiter einer Kolonne, die keinem etwas Böses wollte, der nur seinen Dienst tat und zufällig heute noch einen Wagen frei hatte.
„Grünhoff, Werk Süd?“, sagte er in einem Rheinisch, das Jeck nie gehabt hatte. „Guten Abend. Ich hör, Sie brauchen kurzfristig eine Sperrreinigung, und die Kordes-Leute sind bis nach dem Ersten dicht — deswegen ruf ich an. Wir hätten morgen Nacht was frei.”