Kapitel 009 — Der letzte Meter
Die Kolonne war durchs Tor gekommen, hatte am Empfang unterschrieben und Kaffee bekommen, genau wie Jeck es versprochen hatte. Um Viertel nach zwei hörte Kerstin auf, eine Reinigungskraft zu sein.
Sie ließ den Wagen mit den Eimern stehen, dort, wo eine Kamera seit Monaten dasselbe tote Bild lieferte, streifte die staubblauen Handschuhe ab und ging nicht weiter den Gang hinunter, den die Kolonne schrubben sollte. Sie ging quer. Zu einer Tür, die im Netz nicht vorkam.
„Erste Tür“, sagte Dobs in ihrem Ohr. Seine Stimme kam von zwei Straßen hinter dem Hafen, über die Leitung, dünn und ein bisschen zu wach. „Dahinter sieht keine Kamera mehr. Ab da bist du blind für mich — ich hab nur noch das Netz.“
„Dann sieh das Netz“, sagte sie leise und drückte die Klinke.
Der Trakt hinter der zweiten Tür lag im Notlicht, und für die meisten Menschen wäre das dunkel gewesen. Für Kerstin nicht. Ihre Augen legten das Restlicht um, bis der Gang in kaltem Grün vor ihr stand, jede Kante scharf; wo Wärme durch eine Tür sickerte, brannte sie rot am Rand. Sie las den Gang, bevor sie ihn betrat. Kein Atem hinter den ersten drei Türen. Hinter der vierten Wärme, tief und gleichmäßig.
Dann Schritte. Der Rundgang, Zwei-Stunden-Takt, immer derselbe Weg — nur ging er heute eine Minute zu früh.
Kerstin stand schon in der Nische neben einem Löschkasten, bevor sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte. Das war das Chrom in ihr, die Reflexe, die reagierten, ehe der Kopf mitkam. Der Wachmann bog um die Ecke, die Taschenlampe tief, den Kopf halb im Nacken. Sie las seinen Gang, sein Gewicht, die Hand, die nicht an der Waffe lag. Ein bezahlter Mann, kein Soldat. Einer, der um zwei Uhr nachts an nichts dachte außer an das Ende der Schicht.
Sie ließ die Sporne, wo sie waren.
Als er an der Nische vorbei war, nahm sie ihn von hinten, den Unterarm an die Kehle, die andere Hand am Hinterkopf, und drückte, nicht lange, nur bis das Gewicht in ihre Arme sackte. Sie legte ihn auf die Seite, ordentlich, damit er sauber atmete. Kein Blut. Er würde mit Kopfweh aufwachen und einer Lücke, und beides ging vorbei. Wer nichts mit der Sache zu tun hatte, blieb heil. So einfach war ihr Kodex, und so teuer.
„Vierte Tür“, sagte Dobs. Seine Stimme war schmaler geworden. „Da ist der Knoten. Der, an dem ich abgebrochen hab. Er ist wach.“
Sie öffnete die vierte Tür.
Der Raum war klein, sauber und geruchlos — einer für Dinge, die nicht verderben sollen. Ein Bildschirm warf Kurven an die Wand, die stiegen und fielen, morgens und abends abgetragen. Ein dünner Schlauch lief von einem Beutel herab. Und darunter, auf einer schmalen Liege, unter einer grauen Decke, lag kein Frachtstück.
Es lag ein Mädchen.
Dünn, das Haar kurz und stumpf geschnitten, die Haut zu blass für jemanden, der je Sonne gesehen hatte. Hinter dem Ohr eine Datenbuchse, und aus der Buchse ein Kabel, das nicht in ein Gerät führte, sondern in die Wand, in das Werk, in das Netz. Sie schlief nicht. Ihre Augen waren offen und auf Kerstin gerichtet, und sie hatten auf der Tür gelegen, bevor die Tür aufging.
„Du bist nicht die Nacht“, sagte das Mädchen. Ihre Stimme war flach und ruhig und kam einen Takt zu spät, als spräche ein Teil von ihr aus einem anderen Raum. „Nachts kommt niemand. Nachts sind die Werte niedrig. Du stehst nicht im Plan.“
„Nein“, sagte Kerstin. „Ich steh in keinem Plan.“
In ihrem Ohr ging Dobs’ Atem schnell. „Das lebendige Ding, das ich damals gespürt hab — das ist keine Maschine. Das ist sie. Ein Teil von ihr sitzt im Netz und arbeitet für die, Tag und Nacht.“ Seine Stimme kippte fast, und das hatte nichts mit Drain zu tun. „Sie ist wie ich, Kerstin. Eine von uns. Grünhoff hat eine Otaku in die Wand gelötet.“
Kerstin ging neben der Liege in die Knie. Das Mädchen sah sie an, ohne Angst — aber das war keine Ruhe, das war etwas, das man einem wegnimmt, wenn man ihn lange genug als Posten führt.
„Sie tragen mich morgen“, sagte das Mädchen. „In den Norden. Da sind die Werte besser, haben sie gesagt.“ Eine Pause, zu lang. „Ich will nicht in den Norden. Im Norden ist auch eine Wand.“
Schmidts Anweisung aus der ersten Nacht dieses Jobs saß Kerstin plötzlich im Nacken: Legen Sie sich nicht darauf fest, was sie sagt. Nicht, ihr zu glauben. Jetzt verstand Kerstin. Nicht, weil das Mädchen log. Weil es redete. Weil Fracht, die einen ansieht und sagt, sie will nicht, keine Fracht mehr ist.
„Wie heißt du?“, fragte Kerstin. In der Akte stand es nicht — sie hatte nachgesehen. Da standen eine Nummer, ein Kürzel und das Wort Bestand.
Das Mädchen brauchte einen Moment, als müsste sie den Namen aus einem Regal holen, in das lange niemand mehr gegriffen hatte. „Milla“, sagte sie. „Vorher. Vor den Werten.“
„Milla.“ Kerstin sagte es einmal, damit es einen Ort hatte. Dann, ins Ohr: „Dobs. Den Schlauch krieg ich ab. Das Kabel nicht. Wenn ich das rausziehe —“
„Zieh nichts.“ Dobs war sofort scharf. „Ein Teil von ihr hängt da drin. Reißt du das Kabel, lässt du die Hälfte von ihr in Grünhoffs Netz und trägst nur den Körper raus. Unbeschädigt, hat die Schmidt gesagt. Das hier wäre das Gegenteil.“ Ein Atemzug. „Lass mich ran. Ich hol den Teil, der noch drinsteckt, zu ihr zurück. Aber ich geh diesmal ganz an den Knoten, und wenn er zurücktastet, dann geh ich nicht weg. Halt sie fest, Kerstin. Egal, was passiert.“
Kerstin nahm Millas Hand. Sie war kalt und viel zu leicht und schloss sich sofort um Kerstins Finger, fest, viel zu fest für so eine kleine Hand.
Dann sagte Dobs nichts mehr. In ihrem Ohr blieb nur sein Atem, und dann auch der nicht. Auf dem Bildschirm sprangen die Kurven, stiegen steil, ein Wert, den kein Mensch morgens und abends abträgt, weil kein Mensch dafür gebaut ist. Milla zuckte, ein einziges Mal, ihre Finger krallten sich in Kerstins Hand, und Kerstin hielt, wie man es ihr gesagt hatte.
Dann glitt das Kabel aus der Buchse. Nicht gerissen — von der anderen Seite gelöst.
„Draußen“, sagte Dobs, heiser und weit weg. „Beide Hälften. Los, bring sie raus.“
Kerstin schob Schlauch, Beutel und Decke beiseite und hob Milla von der Liege. Das Mädchen wog nichts, so wenig, dass es Kerstin für einen Schlag lang wütend machte. Milla legte den Kopf an ihre Schulter, ohne zu fragen, wohin.
Erst im Gang, an dem schlafenden Wachmann vorbei, fragte sie es doch. „Wohin trägst du mich?“ Flach, ruhig, einen Takt zu spät — aber es war eine echte Frage, und sie wartete auf eine echte Antwort.
Kerstin hatte eine. Sie hieß Frau Schmidt, grauer Mantel, halbe Bezahlung noch offen, unbeschädigte Übergabe. Sie trug den Namen die zwei Türen hinaus, bis in die kalte Nachtluft des Hofs, und sprach ihn nicht aus.
„Raus“, sagte sie. „Erst mal raus.“