Kapitel 010 — Unbeschädigt
Mox kam mit, weil einer die Frau lesen musste, und er war der Einzige, der sah, was unter einem grauen Mantel lag.
Die Halle war ein toter Umschlagplatz am Hafenrand, die Rolltore halb herabgelassen, der Boden weiß von altem Streusalz. Frau Schmidt hatte den Ort genannt und gut gewählt: kein Nachbar, zwei Ausfahrten, nichts, worin einer stecken konnte, den sie nicht selbst mitgebracht hatte. Sie stand unter der einzigen Lampe, die noch brannte, und neben ihr zwei Männer, die schwiegen und die Hände vor dem Gürtel hielten.
Kerstin trug Milla, in eine Decke gewickelt, und trug sie leicht, weil Milla nichts wog. Jeck ging voraus, die Hände offen, das Gesicht schon im richtigen Ausdruck — höflich, ein wenig gelangweilt, ein Mann kurz vor Feierabend.
„Frau Schmidt. Vollständig, unbeschädigt, wie bestellt.“ Er blieb stehen, gerade so weit, dass zwischen ihm und den beiden Schweigern Platz für einen dritten Gedanken blieb. „Sie sehen selbst.“
„Ich sehe.“ Ihre Stimme war so flach wie in der ersten Nacht in der Schleuse. Kein Gruß, kein Dank, kein Bedürfnis nach beidem. „Legen Sie die Betreffende ab. Meine Leute prüfen den Bestand, dann wird die zweite Hälfte freigegeben. Sie kennen die Bedingung. Unbeschädigt heißt vollständig. Jede Naht, jeder Wert.“
Mox öffnete die zweite Sicht.
Der Astralraum legte sich über die Halle, und die Auren traten hervor. Die beiden Schweiger brannten schmal und wachsam, bezahlte Härte, nichts weiter. Milla flackerte, ein Licht mit einem Faden daran, der ins Leere lief, dorthin, wo bis vor zwei Nächten ein Netz gewesen war; Mox hatte so etwas nie gesehen und wusste sofort, dass Dobs, wäre er hier und nicht in der Bude, dasselbe getragen hätte.
Und Frau Schmidt. Mox suchte in ihrer Aura nach dem, worin man greifen konnte, und fand fast nichts — glatt, kühl, nach innen gebunden, jede Kante abgeschliffen. Ganz tief eine dünne Spur Furcht, nicht vor ihnen, vor etwas über ihr. Sie log nicht. Sie war nicht einmal grausam. Sie war nur leer an der Stelle, wo bei anderen ein Mensch anfing, sobald sie „Bestand“ sagte. Das war das Schlimmere.
Milla hob den Kopf von Kerstins Schulter. Ihre Augen fanden Schmidt und lagen auf ihr, bevor die den Satz zu Ende hatte. „Sie stehen im Plan“, sagte sie, flach, ruhig, einen Takt zu spät. „Ich kenne Ihre Stimme nicht. Aber ich kenne den Plan. Sie tragen mich in den Norden. Da sind die Werte besser.“ Eine Pause, zu lang. „Im Norden ist auch eine Wand.“
Schmidt sah sie nicht an. Man sah Bestand nicht an; man prüfte ihn. „Man hat Sie gewarnt“, sagte sie zum Team, kühl, jeder Konsonant an seinem Platz. „Legen Sie sich nicht darauf fest, was sie sagt. Ich wiederhole es ungern.“
„Nein“, sagte Kerstin.
Nur das Wort, in die Stille der Halle. Sie legte Milla nicht ab. Sie trat auch nicht zurück — sie stand nur, das Gewicht auf beiden Beinen, die Decke fest an sich, und wiederholte nichts, weil sie nie etwas zweimal sagte.
Jeck hielt einen Moment die Haltung des Mannes, der abschließt. Dann ließ er sie fallen. Keine Hektik, kein Wortschwall — er trat einen halben Schritt zur Seite, neben Kerstin, sodass sie zu zweit dastanden und nicht mehr Verkäufer und Muskel. Und sagte nichts. Für Jeck, der ganz aus Reden gebaut war, war das die längste Rede, die Mox je von ihm gehört hatte. In seiner Aura war für einen Atemzug all die glatte Farbe weg, und darunter lag nur das eine, das Jeck nie verhandelte: seine Leute, und auf welcher Seite er stand, wenn es klemmte.
„Dann ist die Bedingung nicht erfüllt“, sagte Schmidt. „Keine Übergabe, keine zweite Hälfte. Den Vorschuss behalten Sie; ich kaufe keine Vergangenheit zurück.“ Ihre Sätze wurden kürzer, schärfer, nicht lauter. „Sie sollten wissen, was Sie sich da eben aufgeladen haben. Grünhoff sucht bereits eine Reinigungskolonne, die es nicht gibt. Und die Stelle, für die ich arbeite, vergisst einen ausgefallenen Posten nicht. Sie tragen das jetzt. Nicht ich.“
Da fragte Milla sie etwas.
„Hat man Sie auch getragen?“ Flach, ruhig, ohne Bosheit, kindlich und direkt, weil sie die Antwort wirklich wissen wollte. „Vorher. Vor Ihren Werten.“
Und für einen Wimpernschlag lagen Schmidts Hände, die den ganzen Abend flach an den Nähten ihres Mantels geruht hatten, nicht mehr ganz flach. Nur einen Wimpernschlag. Mox sah es im Astralen zuerst — eine Falte in dem glatten Grau, dort und wieder fort. Dann ruhte die Hand erneut, und die Stimme war schon zurück auf ihrer Ebene.
„Ich arbeite“, sagte Schmidt. „Das ist alles, was eine Stimme über mich wissen muss.“ Sie wandte sich ab. „Die Herren gehen zuerst. Kommen Sie uns nicht nach.“
Die beiden Schweiger lösten sich rückwärts, dann drehte sich der graue Mantel und ging, ohne Eile, in das Dunkel jenseits des Lampenkegels, und war nach vier Schritten nicht mehr da. Mox ließ die zweite Sicht sinken. Der Astralraum wich, die Halle wurde wieder nur kalt und leer und roch nach Salz und Tauben.
Kein Schuss. Kein zweiter Stick. Ein Feind mehr, einer ohne Gesicht, mit Geld dahinter — und Grünhoff, das schon an einer Kolonne zog, die es nicht gab. Der teuerste Ausgang, den dieser Job hatte haben können, knapp vor dem, bei dem jemand blutet. Mox rechnete ihn nach und fand ihn richtig. Manche Preise zahlte man nicht, weil man sie sich leisten konnte, sondern weil die Alternative teurer war, an einer Stelle, die kein Stick abtrug.
„Los“, sagte Kerstin. „Erst mal raus. Wie gehabt.“ Und diesmal, in der leeren Halle, sagte sie den zweiten Teil, den sie zwei Nächte lang hinuntergeschluckt hatte, doch noch: „Nicht zu ihr. Nie zu ihr.“
Zwei Tage später brachten sie Milla an den Hafen, zu den Uferkindern, weil ein geschundener Otaku dort besser aufgehoben war als in einer Speditionsbude mit rauchendem Ofen. Dobs ging voraus und redete den ganzen Weg, zu viel, wie immer, wenn ihm etwas naheging; er stellte sie den Ältesten vor, dem Deckmeister, der Codeschmiedin, und Milla hörte zu und kam einen Takt zu spät und fügte sich trotzdem sofort dazwischen, weil sie alle dieselbe Sprache aus derselben Sorte Wand mitgebracht hatten.
Mox blieb am Rand und sah es sich an, weil Ansehen sein Handwerk war. Er sah, wie Milla die Datenbuchse hinter ihrem Ohr berührte, kurz, prüfend — und die Hand wieder sinken ließ, ohne sich anzuschließen. Zum ersten Mal seit Monaten hing sie an keinem Netz, das ihre Werte abtrug. Später, auf einer Matratze zwischen zwei Kindern, die keine SIN hatten und keine vermissten, schlief sie ein, ohne dass morgens und abends eine Kurve davon eine Zahl machte. Niemand trug sie irgendwohin. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit stand sie in keinem Plan.