Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 011 — Ohne Netz

Der Hafen hörte irgendwann auf, ein Konzern zu sein. Dahinter, wo die Kranbahnen rosteten und keine Kamera mehr blinzelte, fing das Land der Uferkinder an — zwei ausgeweidete Lagerhallen hinter Bauzäunen, die niemand mehr zählte, Strom, den keiner abrechnete, Wärme aus Menschen statt aus einem Ofen.

Dobs kannte das Loch im Zaun, seit er klein genug gewesen war, um durchzupassen, ohne sich zu bücken. Er ging hindurch und wurde still. Nicht, weil ihm die Worte fehlten — hier brauchte er keine. Hier musste er keinem beweisen, dass er dazugehörte. Er gehörte dazu, bevor er reden konnte. Die beiden hinter ihm gehörten nicht dazu, und das sah man. Kerstin zählte im Gehen die Ausgänge; das tat sie überall. Mox trug sein Gesicht glatt und geschlossen, aber seine Augen ruhten schon halb im Astralen, lange bevor sie bei Milla ankamen.

Milla saß auf einer umgedrehten Kabeltrommel, eine Decke um die Schultern, und sah zwei Kleineren zu, die sich um einen Bildschirm zankten. Eine Woche hatte ihr etwas Farbe zurückgegeben. Sie war noch zu leicht, aber sie saß aus eigenem Antrieb aufrecht, nicht, weil ein Schlauch sie hielt.

„Dobs.“ Einen Takt zu spät, aber sie sagte den Namen, und das war neu. In der ersten Nacht hatte sie niemanden benannt, nur Zustände. „Du bist wieder im Bild.“

„Ich schau nur, wie’s läuft.“ Er hockte sich neben die Trommel, die Ellbogen auf den Knien, und für einmal fiel ihm nichts ein, was er hätte danebenreden können. Das war seltener, als seine Leute glaubten. „Das hier ist Mox. Er sieht was, das kein Bildschirm zeigt. Okay, wenn er kurz hinschaut?“

Milla drehte den Kopf zu Mox, langsam, prüfend. „Sie prüfen den Bestand“, sagte sie. Dann, eine Pause zu lang, holte sie das Wort selbst wieder ein, mühsam, als läge es in einem hohen Regal: „Nein. Sie schauen mich an. Das ist ein Unterschied. Ich lerne den noch.“

„Guter Unterschied“, sagte Mox. Für seine Verhältnisse war das eine ganze Rede.

Er ging in die Hocke, auf Augenhöhe, und sah sie an — richtig, mit der zweiten Sicht. Dobs kannte das von außen: der Blick, der durch einen hindurchzielte auf etwas dahinter. Es dauerte nicht lang.

„Der Faden ist weg“, sagte Mox leise, mehr zu Dobs als zu ihr. „Die Hälfte, die im Netz hing. Sie wächst nicht nach. Wo sie ansetzte, ist eine Narbe — sauber, aber Narbe. Sie wird da nie wieder so hineingehen wie ihr Jungen. Wenn überhaupt, dann von außen, mit Blech, wie jeder andere auch.“

Dobs’ Magen zog sich zusammen. „Also gefadet. Mit dreiundzwanzig. Erzwungen, aus der Wand gerissen.“

„Verschoben, nicht ungeschehen.“ Mox richtete sich auf. „Heilung schließt eine Wunde. Sie holt nicht zurück, was daran hing. Das weißt du.“

Das wusste er. Er wusste es an sich selbst, ein leises Ticken hinter den Jahren, das ihm sagte, dass auch seine Werte irgendwann aufhören würden. Nur nicht so. Nicht mit einem Schlauch in der Wand und einem Konzern, der die Kurve morgens und abends ablas.

Milla hatte zugehört, einen Takt versetzt, und jetzt sah sie nicht erschrocken aus. „Ich hab’s gemerkt“, sagte sie. „In der ersten Nacht hier. Ich hab nach dem Netz gegriffen, aus Gewohnheit, und da war keins. Nur ich.“ Sie zog die Decke enger. „Es war leiser, als ich dachte. Ich hatte Angst, es wäre leer. Aber es ist nur — leise.“

Über ihnen, an der offenen Hallenkante, standen Kerstin und Mox jetzt beieinander, halb aus dem Licht. Dobs sah nur hin, weil er ohnehin in die Richtung schaute. Kerstin sagte etwas Kurzes, das er nicht hörte, und legte dabei nicht die Hand auf ihn, tat gar nichts — stand nur eine Spur zu nah für zwei Leute, die sich nichts zu sagen hatten. Mox antwortete mit einem halben Nicken und sah einen Moment länger aufs Wasser als nötig. Dann traten beide wieder auseinander, und es war vorbei. Dobs hätte nicht sagen können, was es gewesen war. Er verstand es nicht und merkte es sich trotzdem.

„Was passiert eigentlich“, fragte Milla in die Runde, an niemanden besonders, „wenn die Werte ganz aufhören? Bei euch. Wenn keiner mehr reinkommt.“

Eine der Ältesten war herangekommen, die Codeschmiedin, die sie Gesa nannten — eine hagere Frau mit grauen Schläfen und Händen, die nichts Nervöses taten. Sie war selbst mal drin gewesen, vor zwanzig Jahren, eine von denen, deren Werte längst aus waren.

„Dann bist du raus“, sagte Gesa. „Und bleibst trotzdem. Ich schreib denen die Programme, die noch reinkönnen. Ich weiß noch, wie’s von innen aussah, auch ohne die Tür. Das nimmt einem keiner mehr weg — die Tür ja, das Gesehene nicht.“ Sie klopfte Milla einmal aufs Knie, kurz und trocken. „Du bist nicht kaputt, Kind. Du bist nur früher hier angekommen als die meisten. Der Rest von uns ist auch angekommen, einer nach dem anderen. Wir sind alle noch da.“

Milla dachte darüber nach, einen Takt, zwei. Dann nickte sie, langsam, und sah zum ersten Mal an diesem Tag nicht aus, als suche sie ein Wort in einem Regal — sondern als hätte sie eins gefunden und behalten.

Gesa richtete sich auf und musterte Dobs, dann die beiden hinter ihm, den Straßensamurai mit den stillen Händen und den Schamanen, der eben noch durch ihr Mädchen hindurchgesehen hatte. „Ihr habt sie hergebracht statt verkauft“, sagte sie. „Das rechnet der Stamm euch an. Wenn ihr mal was aus der Matrix braucht, das kein Fixer beschafft — fragt Dobs, der weiß den Weg zu mir.“ Kein Dank, keine Umarmung. Nur eine Rechnung, die von jetzt an in die richtige Richtung lief.

Mox neigte den Kopf, einmal. Kerstin sagte nichts, aber sie hatte längst begriffen, dass das hier mehr wert war als die zweite Hälfte, die Frau Schmidt einbehalten hatte.

Dobs blieb, als die beiden gingen. „Bin morgen wieder in der Bude“, sagte er. „Jeck hängt eh am Telefon und sucht den nächsten Job, da bin ich grad zu nichts nütze. Heut schlaf ich hier.“ Keiner fragte, warum. Er hatte zwei Häuser, das wusste das Team, und heute brauchte das eine ihn mehr als das andere.

Er setzte sich neben Milla auf die kalte Trommel. Sie zeigte ihm, was die zwei Kleinen auf dem Bildschirm falsch machten — einen Knoten, den sie von der falschen Seite aufzogen —, und er ließ sie zeigen, obwohl er es längst gesehen hatte, weil eine Stimme, die einen Takt zu spät kam, hier zum ersten Mal seit Monaten jemand einfach ausreden ließ.