Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 012 — Der gute Ruf

Die Schleuse roch am Nachmittag nach kaltem Fett und Rheinschlick, und das war ihr ehrlichster Zustand. Abends log sie sich mit Bier und Lärm darüber hinweg, aber um vier hatte sie niemanden zu beeindrucken. Brandt stand hinter dem Tresen und polierte Gläser, die schon sauber waren.

Jeck saß seit zwanzig Minuten in der Ecke unter dem toten Fernseher und trank Wasser. Nicht aus Tugend — er wollte den Kopf klar, wenn der Mann kam. Drei Anrufe hatte er die Woche über gehabt, alle drei nichts wert: ein Botengang, den ein Kind erledigt hätte; eine Sache mit einer Schusswaffe, bei der man am Ende garantiert selbst der Depp war; und einer, der in Reiskörnern zahlen wollte, was immer das heißen sollte. Die Jahresmiete der Bude war bezahlt, das Dach war sicher — aber ein Dach aß nicht, und der Vorschuss vom letzten Job war längst in staubblauen Overalls und in Wenzels Kasse verschwunden. Sie brauchten einen bezahlten Job. Deshalb saß Jeck hier und trank Wasser, statt einen Termin abzusagen, den sein Bauch ihm abzusagen empfahl.

Der Mann kam pünktlich, und Jeck mochte ihn sofort. Genau das machte ihn misstrauisch, denn Jeck mochte niemanden sofort, ohne dass jemand daran gearbeitet hätte.

Er war Mitte fünfzig, gepolstert um die Mitte, ein Gesicht mit Lachfalten an den richtigen Stellen und einem Mantel, der teuer war, ohne es zu rufen. Die Hand streckte er aus, bevor er saß. „Sie müssen der Mann von Brandt sein. Bleiben Sie sitzen, bleiben Sie sitzen.“ Der Griff war trocken und warm und dauerte einen Herzschlag länger als nötig, gerade lang genug, dass man sich gemeint fühlte. „Vogel. Sagen Sie einfach Vogel. Alle sagen Vogel.“

„Kramer“, sagte Jeck, und der Name saß so glatt wie zwanzig andere. „Was trinken Sie?“

„Nichts, nichts, ich halte Sie ja nicht auf.“ Vogel setzte sich trotzdem, breit, behaglich, ein Onkel beim Familienfest. „Ich mach’s kurz, damit wir beide unsere Zeit haben. Ich hab mich umgehört, wissen Sie. Bevor man jemanden fragt, hört man sich um. Und über Ihre Leute hört man Gutes.“ Er beugte sich ein Stück vor. „Leute, die zu Ende denken. Die nicht bei der ersten Kurve das Steuer loslassen. So was ist selten geworden.“

Es war ein Kompliment, schön verpackt — und Jeck spürte trotzdem den Stein, den jemand mit unter das Papier gelegt hatte. Die zu Ende denken. Wer so redete, hatte einen Grund, sich das zu wünschen.

„Man tut, was man kann“, sagte Jeck. „Erzählen Sie mir vom Job, dann erzähl ich Ihnen, ob wir ihn machen.“

„Sehen Sie, das mag ich.“ Vogel lächelte, als hätte Jeck etwas Kluges gesagt. „Es ist eine kleine Sache. Wirklich klein. Eine Kassette, handgroß, verschlossen — was drin ist, geht weder Sie noch mich was an, es gehört meinem Klienten, und mein Klient hätte sie gern zurück. Sie liegt in einem Haus in Meerbusch. Ein Privathaus, kein Werk, kein Konzern. Guter Zaun, ein Wachdienst, der zweimal die Nacht die Runde fährt — nichts, was Ihre Leute nervös macht, nehme ich an.“

„Ein Privathaus.“ Jeck ließ es liegen, damit Vogel es selbst hören konnte. „Mit einem Wachdienst, dessen Runde Sie im Kopf haben. Und einem Safe, dessen Modell Sie mir gleich nennen, weil Sie es kennen.“

Für einen halben Wimpernschlag hielt Vogels Lächeln still — nicht kürzer, nur reglos, ein Bild statt einer Bewegung. Dann war es wieder da, wärmer denn je. „Mein Klient war dem Haushalt einmal nahe“, sagte er. „Man weiß dann Dinge. So ist das mit Familien, nicht wahr. Man kennt die Türen.“ Er tippte sich an die Schläfe. „Sécurité Rheinland fährt die Runde, halb eins und halb vier. Der Safe ist ein Ostmann-Dreier, alt, gut, dumm — Ihr Junge wird lachen. Sehen Sie, ich hab nichts zu verstecken vor Leuten, die für mich arbeiten.“

Außer dem Namen deines Klienten, dachte Jeck. Er hatte ihn zweimal angefragt, einmal offen und einmal schräg, und beide Male hatte Vogel eine kleine warme Geschichte darübergelegt — ein Klient, der einen dauere; eine alte Ungerechtigkeit, die man geradebiege; nichts, woran ein Name klebte. Jeck kannte den Trick, weil er ihn selbst benutzte. Man erzählte, damit der andere aufhörte zu fragen. Zwei Betrüger an einem Tisch, und keiner davon zeigte seine Karten — nur dass Jeck wenigstens wusste, dass er log.

„Und die Bezahlung.“

„Zwanzig. Zehn jetzt, zehn bei Übergabe.“ Vogel schob einen Credstick über die Narben im Tisch, klein, matt, warm von seiner Manteltasche. „Und bevor Sie fragen: die zweite Hälfte kommt. Ich hab gehört, dass Ihnen einer neulich die zweite Hälfte schuldig geblieben ist. Bei mir nicht. Ich lebe von Wiederkommen, nicht von einem Coup.“ Er stand auf, knöpfte den Mantel zu. „Prüfen Sie den Stick. Er ist zertifiziert. Denken Sie eine Nacht drüber, ich hab’s nicht eilig — na ja, ein bisschen. Drei Tage.“ Das Lächeln zum Abschied war das wärmste des ganzen Gesprächs. „Grüßen Sie Ihre Leute. Die mit dem Rückgrat.“

Dann war er zwischen den leeren Tischen hindurch und durch die Tür, und die Schleuse roch wieder nur nach Fett und Fluss.

Jeck steckte den Stick ein und ließ ihn stecken. Er sah ihn sich nicht an. Ein Mann, der so viel Wärme in einen Nachmittag legte, verkaufte etwas, und Jeck wollte erst wissen, was, bevor er sich vom eigenen Bauch bestechen ließ.

Brandt kam mit dem Lappen herüber und wischte den Ring weg, den Jecks Glas hinterlassen hatte, obwohl kein Ring da war. „Und?“

„Was weißt du über ihn?“

„Dass er zahlt.“ Brandt hielt das Glas gegen das graue Licht vom Fenster. „Zweimal hat er hier vermittelt, zweimal ist Geld geflossen. Was er verkauft, weiß ich nicht, und ich frag nicht. Ist gesünder.“

„Warum wir?“ Jeck sah ihn an. „Er hatte die Wahl. In diesem Sprawl laufen härtere Teams rum als meins, billigere auch. Warum ruft er die an, von denen es heißt, sie denken zu Ende?“

Brandt setzte das Glas ab, sauber in die Reihe. Er war ein Mann, der Leute nach ihrer Funktion nannte und nicht nach ihrem Herzen, und für einen Moment sah er aus, als würde ihm die eigene Antwort nicht ganz schmecken.

„Er hat nach dem Team gefragt, das das Mädchen an den Hafen gebracht hat“, sagte er. „Statt es zu verkaufen.“ Er hängte den Lappen über die Zapfhähne. „Weiß nicht, ob das ein Kompliment war oder ein Preisschild. Ist nicht mein Bier.“