Kapitel 014 — Der zweite Zaun
Der Wagen stand ohne Licht im Windschatten einer Feldscheune, da wo Meerbusch aufhörte, reich zu sein, und in nasse Äcker überging. Kerstin hatte ihn rückwärts hineingesetzt, die Schnauze zur Straße — ein Fluchtweg schon beim Parken. Auf der ganzen Fahrt hatte sie kaum etwas gesagt, und das war Mox recht. Er brauchte den Kopf leer für das, wofür er mitfuhr.
Zugesagt hatten sie nicht. Jeck hatte es dreimal wiederholt, als müsste er es selbst erst glauben: erst sehen, dann reden. Dobs war blass aus der Matrix zurückgekommen und hatte etwas an den Tisch gebracht, nach dem keiner mehr tat, als sei das eine Sache für einen Nachmittag. Man schickte Kerstins Augen nicht allein an einen Zaun, hinter dem etwas saß, das schon einmal zurückgesehen hatte. Man schickte ein zweites Paar mit, das anders las.
„Da.“ Kerstin nickte durch die Windschutzscheibe, ohne den Finger zu heben. Zweihundert Meter weiter lag das Haus, ein breiter alter Kasten mit Walmdach, ein Licht oben, sonst dunkel. Ein Zaun, mannshoch, ehrlich, kein Konzernzaun. Sie taxierte ihn. Für Kerstin war alles eine Rechnung. „Zwei Kameras am Tor, eine überm Wintergarten. Toter Winkel an der Nordseite, wo die Hecke drübersteht. Der Wachwagen ist um halb eins gekommen, auf die Minute. Zwei Mann, keiner ist ausgestiegen.“ Sie lehnte sich zurück. „Von außen ist es weich. Ein Kind käme über den Zaun.“ Eine Pause. „Und genau das stört mich.“
„Weil außen nicht die Frage ist.“ Mox löste den Gurt. „Gib mir einen Moment am Zaun. Halt den Motor warm.“
Sie sah ihn an, kurz, und was in dem Blick lag, war keine Sorge, sondern Arbeitsteilung. „Nordseite. Die Hecke deckt bis fünfzig Meter ran. Weiter nicht.“ Sie griff nach hinten, legte ihm etwas Dunkles über die Schultern — seinen eigenen Mantel, den er im Aufstehen vergessen hatte. „Es ist kalt für einen, der nicht ausgestopft ist.“
Er stieg aus. Der Boden gab unter den Sohlen nach, und der Wind roch nach nassem Acker und fernem Fluss. Mox ging gebückt die Hecke entlang, unauffällig, ohne Eile — das war das Einzige, was er wirklich gut konnte, sich bewegen, als gehörte er nicht dazu. An der Stelle, wo die Hecke am dichtesten stand, ging er in die Hocke, legte die Handflächen flach auf die kalte Erde und öffnete das andere Auge.
Die Nacht verdoppelte sich.
Über der stummen Welt aus Schwarz und Grau lag jetzt die zweite, in der die Dinge leuchteten, die lebten. Die Hecke war ein niedriges, geduldiges Glimmen. Weit rechts, unsichtbar hinterm Haus, zwei kleine harte Lichter — die Wachleute im Wagen, gelangweilt, mundan, unwichtig. Und oben, hinter dem einen erleuchteten Fenster, eine einzelne warme Aura, die Adele Voskuhl sein musste. Alt. Dünn an den Rändern, ein Docht, der tief unten brannte und langsam an sich zehrte. Kein zweiter Mensch im Haus. Niemand, der bei ihr war.
So weit war es genau das, was Vogel verkauft hatte. Eine alte Frau, allein.
Dann sah Mox, was um sie herum stand.
Es klebte am Erdgeschoss, an einem Raum zur Gartenseite, und es lebte nicht, und es leuchtete trotzdem — eine Haut aus gesetztem Mana, straff über die Wände gezogen, still und dicht, eine Wand, die kein Kletterer je bemerken würde und durch die kein Kletterer je käme. Ein Bann. Frisch. Jemand hatte ihn gelegt, der sein Handwerk verstand, und er hatte ihn nicht vor Jahren gelegt, sondern erst kürzlich; die Kanten waren noch scharf, noch nicht rundgeschliffen von der Zeit. Mox konnte nicht hindurchsehen. Das war der Sinn eines Banns: dahinter war eine blinde Stelle, ein Loch in der leuchtenden Welt, und genau in diesem Loch lag, worauf es ankam. Der kleine Host, den Dobs gefunden hatte. Der Safe. Die Kassette. Die Magie deckte exakt die Stelle, die auch die Matrix bewachte, und das war kein Zufall, das war eine Abstimmung.
Und an der Schwelle des Banns wachte etwas.
Es war klein. Ein gebundenes Etwas, kaum mehr als ein Auge ohne Körper, gesetzt und gehalten, um zu bemerken. Es hing über der Grenze und drehte sich langsam, ein weicher, tastender Kegel Aufmerksamkeit, der über den Garten strich, über den Zaun, über die Hecke. Über Mox.
Er rührte sich nicht. Nicht mit den Händen, nicht mit dem Blick, nicht mit dem, was tiefer saß. Snake lehrte Geduld und lehrte, ungesehen zu bleiben, und das war keine Kraft, die man wirkte, sondern eine, die man nicht wirkte. Dobs hatte hingesehen, und das Haus hatte zurückgesehen. Mox sah auch hin — aber er machte sich klein, still, uninteressant, eine kalte Stelle in einer kalten Nacht, und der tastende Kegel strich über ihn und fand nichts, wofür es sich lohnte, langsamer zu werden. Er zog weiter. Mox atmete erst wieder, als er vorbei war.
Er hätte den Bann anfassen können. Ein Finger an die Membran, ein Tasten nach der Signatur dessen, der ihn gelegt hatte — er hätte vielleicht ein Gesicht bekommen, einen Namen, eine Richtung. Aber der Wächter hing gleich dahinter, und wer an einen Bann rührt, ruft, was ihn bewacht. Snake nahm sich Geheimnisse nicht mit Gewalt. Man wartete, bis sie einem in die Hand fielen. Mox ließ die Membran, wo sie war.
Das Letzte, was er sah, bevor er das Auge wieder schloss, war die Anordnung des Ganzen. Der Bann und der Wächter standen nicht nur nach außen. Sie lagen um das Haus wie eine Faust, und die alte, dünne Wärme oben lag mitten drin. Was hier gebaut worden war, hielt die Welt vom Haus fern — und die Frau im Haus.
Er zog die zweite Sicht zurück, und die Nacht wurde wieder flach und schwarz. Kupfer auf der Zunge, eine Kälte hinter den Augen, mehr nicht; er hatte nichts gewirkt, nur gesehen. Er ging gebückt zurück zum Wagen und ließ sich auf den Sitz fallen.
„Nun?“ Kerstin.
„Dobs’ Host ist nicht der einzige Wächter.“ Mox rieb sich die Augen. „Da liegt ein Bann über dem Zimmer mit dem Safe. Ein Magier hat ihn gelegt, gut, und vor Kurzem. Kein Zaun der Welt bringt dich durch den. Und etwas Kleines hängt dahinter und passt auf, dass keiner rührt.“
Kerstin verarbeitete das ohne eine Miene. „Kann Dobs da durch?“
„Dobs kommt vielleicht durch den Host. Durch die Wand kommt von uns keiner. Außer mir.“ Er sagte es ohne Stolz, als Bestandsaufnahme. „Und ich nicht allein und nicht umsonst.“
Sie ließ den Motor an, aber sie legte nicht ein. Beide sahen sie noch einmal zu dem Haus hinüber, das von außen so weich dalag, ein Kind käme über den Zaun. Oben im erleuchteten Fenster ging eine kleine, gebeugte Gestalt durchs Bild, langsam, mit einer Hand an der Wand — Adele Voskuhl, allein in einem großen Haus, das ein Zaun schützte, den sie kannte, und ein Host und ein Bann und ein Wächter, von denen sie nichts wusste, und keins davon stand da für sie.
„Mox.“ Kerstin, flach, ihr Werkzeug-Ton. „Zeit.“
Er nickte, und sie rollten ohne Licht die Feldstraße hinunter, und im Rückspiegel blieb das eine warme Fenster stehen, bis die Hecke es nahm.