Kapitel 015 — Der Aufschlag
Am Tisch war die Rechnung schnell gemacht und half nichts. Mox hatte gesagt, was er in Meerbusch gesehen hatte, in vier Sätzen, ohne einen zu viel: ein Bann über dem Zimmer, frisch, von einem Magier, und ein Wächter dahinter. Dann hatte er gesagt, was er immer sagte, wenn ein Job nach Konzern roch und nach zwanzig bezahlte. „Sag ab.“ Kerstin hatte die Arme verschränkt und die Sicherung noch einmal umrissen, die um das Haus lag und die alte Frau gleich mit, und niemandem gefiel, was das bedeutete. Und das Konto lag in der Mitte des Tisches und schlief nicht.
Also taten sie, was man tat, wenn man weder Ja noch Nein sagen wollte: Sie schickten ihr Gesicht. „Kein Ja“, hatte Jeck gesagt und die Jacke vom Haken genommen. „Ich seh nur, was das Ding wirklich wert ist. Und ich seh mir den Mann noch mal an.“
Vogel bestand auf einer Konditorei. Natürlich tat er das. Kein Hinterzimmer, keine Kneipe um vier — ein heller Laden in Büderich mit Spitzendeckchen unter dem Gebäck und einer Frau in Schürze, die Kaffee nachschenkte, ohne zu fragen. Vogel saß schon da, den Mantel über der Stuhllehne, und vor ihm ein Stück Bienenstich, halb gegessen. Er strahlte, als käme ein Neffe zu Besuch.
„Herr Kramer! Setzen Sie sich, setzen Sie sich. Nehmen Sie was. Der Bienenstich ist eine Sünde, das sage ich Ihnen als Warnung, nicht als Werbung.“ Er lachte an der eigenen Zeile, und es klang echt, und das war das Handwerk.
Jeck setzte sich und nahm nichts. „Wir müssen über Zahlen reden.“
„Wir haben über Zahlen geredet.“
„Wir haben über die falschen geredet.“ Jeck legte die Hände flach auf den Tisch, ruhig, freundlich, ein Mann, der Zeit hat. „Sie haben mir ein Privathaus verkauft. Alte Dame, alter Safe, ein Wachdienst, der schläft. Für so was zahlt man zwanzig, und für so was hätte ich Ihnen die Hand gedrückt und wäre gegangen. Nur ist das Haus keins von der Sorte.“
Vogel schob den Teller einen Zentimeter beiseite, freundlich unbeirrt. „Alte Häuser haben Macken. Da hakt eine Tür, da klemmt ein Riegel—“
„Da liegt mehr als ein Schloss auf dem einen Zimmer.“ Jeck sagte es leicht, beiläufig, und sah dabei nicht auf das Gebäck, sondern auf Vogels Gesicht. „Und das zweite steht nicht im Katalog.“
Er hatte in seinem Leben viele Leute lügen sehen, und die guten verrieten sich nie im Mund, immer nur einen Wimpernschlag daneben. Vogels Wärme rutschte nicht. Sein Lächeln aber stand für einen Moment still — ein Bild, keine Bewegung, genau die Stelle, die Jeck sich schon in der Schleuse gemerkt hatte. Dann war es wieder da, breit und ölig-gut.
„Sie reden in Rätseln, Herr Kramer. Das mag ich nicht, unter Freunden.“
Und da hatte Jeck, was er gekommen war zu holen, und es war nicht das Geld. Der Stillstand in dem Lächeln war keine Angst gewesen, dass jemand seinem Geschäft zu nah kam. Es war die kurze, blanke Sekunde eines Mannes, der gerade merkt, dass ihm ein Stein fehlt vom Brett. Vogel wusste nichts von einem Bann. Vogel hatte kein zweites Schloss verkauft, weil ihm niemand von einem zweiten Schloss erzählt hatte. Man hatte ihm eine saubere kleine Geschichte gegeben — Familiensache, alte Dame, für Sie eine Kleinigkeit — und er hatte sie weitergereicht, unbesehen, so warm und satt, wie er sie bekommen hatte.
Zwei Boten an einem Tisch, dachte Jeck. Und keiner von uns trägt, was er glaubt zu tragen.
„Gut“, sagte er, und jetzt lächelte er selbst, weil das billiger war als Erklären. „Dann reden wir Klartext, und Sie geben es weiter an den, der es hören muss. Das Objekt ist besser gesichert, als in Ihrem Preis steht. Nicht ein bisschen besser. Eine ganze Etage. Das kostet uns Leute, die zwanzig nicht bezahlen. Dreißig. Fünfzehn jetzt, fünfzehn bei Übergabe.“
Vogel legte eine Hand auf die Brust, gekränkt, herzlich. „Dreißig. Junge, Junge. Für eine Kassette, die in eine Manteltasche passt.“
„Für die Wände drumrum.“ Jeck lehnte sich zurück und ließ ihn zappeln, freundlich, geduldig. „Sie können auch jemand Billigeren schicken. Der kommt bis an die Wand und nicht weiter, und dann wissen Sie und Ihr Klient, dass jemand versucht hat, an die Kassette zu gehen, und der Klient zieht die Rollläden runter, und Sie haben Ihre Kleinigkeit für immer verloren. Oder Sie zahlen dreißig an Leute, die reinkommen.“ Er zuckte die Achseln. „Ist Ihr Bienenstich.“
Vogel aß den letzten Bissen, kaute, dachte, und das Nachdenken sah aus wie Genuss. „Fünfundzwanzig.“
„Dreißig. Ich handle nicht runter, was mich das kostet.“
„Achtundzwanzig, und ich lade Sie ein hier.“
„Dreißig, und den Kaffee zahl ich selbst.“ Jeck stand halb auf.
„Setzen Sie sich, setzen Sie sich.“ Vogel winkte ihn zurück, und die Wärme war ungebrochen, aber unter ihr hatte er längst gerechnet und war fertig. „Dreißig. Weil Sie mir gefallen, und weil Leute, die den Preis eines Hauses am Haus ablesen, seltener sind als Leute, die ihn am Angebot ablesen.“ Er streckte die Hand über die Decke. „Mein Klient wird zufrieden sein. Er schätzt Gründlichkeit.“
Jeck nahm die Hand. Der Druck hielt einen Herzschlag länger als nötig, so wie beim ersten Mal.
„Eine Frage noch.“ Jeck ließ los, ganz leicht, ein Nachgedanke. „Die alte Dame. Adele. Was ist mit ihr, wenn die Kassette weg ist?“
Und jetzt tat Vogel, was Vogel tat: Er wurde wärmer und vager in einem Atemzug. „Ach, die Gute.“ Er faltete die Serviette. „Wissen Sie, ich hatte eine Tante, die saß auch so in einem viel zu großen Haus, und wir haben alle gesagt, das ist nichts für sie allein, und sie ist hundertzwei geworden und hat uns alle überlebt. Manche Menschen sind Häuser, Herr Kramer. Man nimmt ein Bild von der Wand, das Haus steht trotzdem.“ Er lächelte. „Sie geht Sie nichts an. Das ist das Schöne an ihr.“
Es war keine Antwort. Es war eine Geschichte statt einer Antwort, und Jeck hörte den Unterschied, weil er selbst den ganzen Tag Geschichten statt Antworten verkaufte. Er nickte, als hätte ihn das beruhigt, und stand auf, und weil Vogel ihn nicht nach einem Namen fragte, den es nicht gab, blieb ihm die kleine unangenehme Pause diesmal erspart.
An der Tür, mit der Hand am kalten Messing, sah er zurück. Vogel hatte den Mantel noch nicht angezogen. Er saß über dem leeren Teller, hielt sich etwas Kleines ans Ohr und sprach hinein, leise, und das Gesicht dabei war nicht mehr das vom Neffenbesuch. Es war das eines Mannes, der jemandem etwas meldet, der nicht zurücklächelt. Die dreißig, begriff Jeck, würden ihm nicht von diesem freundlichen Onkel bewilligt, sondern von einer Hand dahinter, die er nie sehen und nie sprechen und nie an einem Tisch würde lesen können — und die schon von einem zweiten Schloss gewusst hatte, als sie Vogel die saubere kleine Geschichte in den Mund legte.