Kapitel 016 — Nicht allein
Dobs saß auf der Fensterbank, weil das der einzige Platz war, von dem aus er die anderen drei gleichzeitig im Blick hatte, und heute wollte er sie im Blick haben. Draußen im Hinterhof rostete das Lastenrad vor sich hin, und der Morgen kam grau über die Dächer, nicht schön, nur hell. Drinnen war es warm. Der Ofen tat seine Arbeit und qualmte nicht; er qualmte nur abends, wenn der Wind aus der falschen Richtung kam.
Jeck war seit einer Stunde zurück aus Büderich und hatte dreißig mitgebracht statt zwanzig. Trotzdem lag über dem Tisch keine gute Laune.
„Sag ab.“ Mox hatte die Hände flach auf den Knien und sagte es zum zweiten Mal, ohne Nachdruck, weil Nachdruck bei Mox nie nötig war. „Ein Privathaus trägt keinen Bann. Keinen frischen, von einem Magier, der sein Handwerk kann. Was hinter so einer Wand liegt, gehört Leuten, die töten, um es liegen zu lassen. Wir nehmen ihr Geld, und danach kennen die uns, mit Kassette oder ohne.“
„Die kennen uns so oder so.“ Jeck saß rittlings auf dem Stuhl, das Kinn auf der Lehne, und für einen Mann, der gerade zehn draufgehandelt hatte, sah er nicht zufrieden aus. „Ich hab dem Boten heute gezeigt, dass wir das ganze Brett sehen. Der hat es weitergegeben, noch bevor ich an der Tür war. Wer immer über Vogel sitzt, weiß ab jetzt, dass in Neuss eine Crew steht, die zählen kann. Absagen macht uns nicht wieder unsichtbar. Es macht uns nur ärmer.“
„Ärmer und am Leben.“
„Vielleicht.“ Jeck zuckte die Achseln. „Vielleicht auch nur ärmer und trotzdem auf einer Liste. Das ist der Teil, den ich nicht weiß.“
Dobs sah zu Kerstin. Sie hatte die ganze Zeit nichts gesagt, die Arme verschränkt, den Blick irgendwo auf der Tischplatte, und das war bei ihr kein Desinteresse, sondern Rechnen. Als sie den Kopf hob, redete sie leise.
„Mir ist die Kassette egal“, sagte sie. „Mir ist egal, wer dafür zahlt. Was mir nicht egal ist: Da sitzt eine alte Frau in einem Haus, um das jemand eine Wand gezogen hat, die sie drinhält, und sie weiß es nicht. Wir sagen ab, und sie sitzt weiter da. Wir gehen rein, und sie sitzt weiter da, nur mit einem leeren Safe. Ich sehe nicht, wo in dieser Rechnung ihr etwas Gutes passiert.“
„Es ist nicht dein Job, dass ihr etwas Gutes passiert“, sagte Mox, nicht hart, nur genau.
„Weiß ich.“ Sie sah ihn an. „Ich sag ja auch nicht, dass wir sie retten. Ich sag, dass ich nicht gern in ein Haus steige, ohne zu wissen, was ich der drin antue. Absagen weiß es auch nicht. Absagen dreht mir nur den Rücken zu und nennt das sauber.“
Es wurde still. Dobs merkte, wie sich die Waage in dem Schweigen neigte, und keiner musste es aussprechen. Absagen ließ die Frage zu; hingehen beantwortete wenigstens einen Teil davon. Und das Geld lag im Raum und aß nicht weniger, nur weil man edel über es hinwegsah.
Er sah es auch an Mox. Der Schamane sagte sag ab, und der Schamane meinte es, und trotzdem war da unter der Warnung noch etwas anderes, das Dobs erst jetzt zu lesen lernte: Snake hütete Geheimnisse, aber Snake wollte sie auch. Ein Kasten, den jemand so gut verschloss, zog Mox an, gerade weil er ihm riet, die Finger davon zu lassen. Mox würde nicht kämpfen, wenn es kippte. Er würde nur sichergehen, dass es zu seinen Bedingungen kippte.
„Wenn“, sagte Mox schließlich, „dann rühre nur ich den Bann an. Keiner sonst. Nicht Dobs, nicht ein Werkzeug, nicht ein Brecheisen. Und wenn das Haus uns sagt, was die Alte da drin ist, bevor wir den Safe haben, reden wir noch mal. Kein blindes Greifen und Weglaufen. Ich nehme kein Geheimnis mit, das ich nicht wenigstens angesehen habe.“
Jeck grinste schmal. „Das ist ein Ja mit Fußnoten.“
„Das ist ein Ja, wenn ihr die Fußnoten unterschreibt.“
Kerstin nickte einmal, kurz. Jeck sah in die Runde, wartete auf Widerspruch, bekam keinen, und legte den zertifizierten Stick vom Rand des Tisches in die Mitte, näher zu sich, endgültig. Damit war er angenommen. Kein Zurückgeben mehr. Das Geld war jetzt echt und gebunden, und der Job gehörte ihnen.
„Also der Plan“, sagte Jeck und wurde geschäftig, weil das der Teil war, den er mochte. „Wände drumrum. Reden wir über die Wände.“
Sie sprachen sie durch, und es war schnell klar, dass es keinen einzelnen Weg gab. Kerstin brachte sie an den Zaun, über den toten Winkel an der Nordseite, in dem Fenster zwischen halb eins und halb vier, in dem der Wachwagen woanders war. Mox ging durch den Bann, weil sonst keiner durchkam, langsam, ungestört, mit einem Rücken, den ihm jemand freihielt. Blieb der Host. Und der Host lag genau über derselben Stelle wie der Bann, abgestimmt, und wenn der Host schrie, während Mox in der Mana-Wand hing, wachte alles auf einmal auf, und dann war niemand mehr allein und niemand mehr umsonst da, sondern nur noch schnell tot.
„Der Host ist deiner“, sagte Jeck zu Dobs, beiläufig, als wäre das die leichteste Vergabe von allen.
Dobs sah aus dem Fenster auf das rostende Rad und dann zurück in die Runde, und er sagte den Satz, den zu sagen ihn drei Wochen zuvor noch Überwindung gekostet hätte.
„Nicht allein.“
Jeck hob eine Braue. Kerstin sah ihn an, wach. Mox sagte nichts, was bei Mox oft hieß: weiter.
„Ich hab ihn mir angeschaut, den Host“, sagte Dobs. „Einmal, kurz, von außen. Er hat mich bemerkt. Nicht geschlagen, nur bemerkt, und sich gemerkt. Das ist kein alter Kasten, der schläft. Das ist gepflegt und wach und über meinem Niveau, und wenn ich reingehe und ihn allein halten soll, während Mox in der Wand hängt, dann halte ich ihn vielleicht drei Minuten, und drei Minuten reichen nicht.“ Er zwang sich, es nicht wegzulächeln. „Ich will das nicht schönreden. Solo verliere ich das.“
Es war das Gegenteil von dem, was der Sechzehnjährige gesagt hätte, der er vor einem Jahr gewesen war, und er sah an Kerstins knappem Nicken, dass sie genau das mitbekam.
„Und was brauchst du?“, fragte Jeck.
„Was aus der Matrix, das kein Fixer beschafft.“ Dobs sagte es fast wörtlich, wie Gesa es angeboten hatte, damals bei den Uferkindern, als der Gefallen zwischen ihnen geöffnet worden war und keiner ihn hatte anfassen wollen. „Die Alten wissen, wie man in einem wachen Host bleibt, ohne dass er losgeht. Das haben die gemacht, als es das noch angeboren gab. Gesa kann mir was geben, das ich habe und der Host nicht kennt.“
„Das ist ein Favor, den man nur einmal zieht“, sagte Mox.
„Ja.“ Dobs rutschte von der Fensterbank. In Kapitel dreizehn hatte er es sich selbst verboten, die Alten wegen einer Kleinigkeit zu rufen — man ruft die Alten nicht wegen der Post, hatte er gedacht, stolz darauf, den Unterschied zu kennen. Das hier war nicht die Post. Das hier war der ganze Job, der an drei Minuten hing, die er allein nicht hatte. Wenn es einen Moment gab, den Gefallen einzulösen, dann diesen. „Und darum ziehe ich ihn jetzt. Ich fahr zum Hafen.“