Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 018 — Offen

Um Viertel nach eins stand Meerbusch so still, dass Kerstin ihr eigenes Herz hörte — den leisen Über-Takt, den die Reflexverstärkung im Leerlauf hielt, geduldig, bis jemand sie brauchte.

Der Wagen stand hinter der Feldscheune, die Schnauze zur Straße, wo sie ihn beim ersten Mal geparkt hatten. Von dort bis zum Zaun waren es achtzig Meter nasser Acker. Sie hatte die drei einzeln hinübergebracht, durch den toten Winkel der Nordseite, in der Viertelstunde, in der der Wachwagen von Sécurité Rheinland am anderen Ende der Siedlung seine Runde fuhr — halb eins, auf die Minute, seit sechs Wochen so und keine andere. Der Zaun war weich. Ein Kind wäre drübergekommen. Sie hob Dobs am Kragen über den oberen Draht, als wöge er nichts, und setzte ihn lautlos ins Gras.

Über dem Garten lag das Haus dunkel und kalt. Kerstins Augen machten aus der Nacht ein graues Zimmer: die Hecke, der Plattenweg, die Terrassentür, hinter der kein warmer Fleck saß, kein Mensch, der wachte. Nur hinten, tief im Haus, ein schwaches Glimmen — die alte Frau in ihrem Bett, ein Docht, der niedrig brannte. Allein, so wie Mox es astral gelesen hatte.

Sie brachte die beiden an die Terrassentür des Zimmers, in dem laut Register nichts stand und laut Mox alles.

Mox kniete an der Schwelle. Für Kerstin war da nur eine Tür mit einem billigen Riegel. Für ihn war da eine Haut aus Mana über dem ganzen Raum, straff und frisch, und an der Schwelle ein kleiner gebundener Wächter, der auf nichts anderes wartete, als etwas zu bemerken. Mox würde nicht dagegendrücken. Er würde hindurchgehen, langsam, als gehöre er dahin. Das war seine Kunst, und es war die einzige, die hier durchkam.

Dobs setzte sich mit dem Rücken an die kalte Hauswand, direkt unter das Fenster, und zog die Knie an. Er nahm den Klang aus der Jacke, das kleine handgemachte Ding von Gesa, legte es neben sich ins Gras und schloss die Augen. „Wenn ich drin bin, bin ich offen“, hatte er in der Bude gesagt, ohne es wegzulächeln. „Ganz. Keine Tür im Rücken. Holt mich keiner raus.“ Jetzt sagte er nichts mehr. Sein Atem ging langsamer, gleichmäßiger, bis er nicht mehr ganz nach ihm klang, sondern nach dem leisen Vor-sich-hin, das Gesa ihm mitgegeben hatte. Er machte sich nicht klein. Er machte sich gleich. Dann war er weg, hinter den Augen, und sein Körper saß im Gras und gehörte niemandem mehr.

Damit waren zwei von ihnen nicht mehr da. Mox stand mit dem Gesicht zur Tür, den Rücken zu ihr, und in dem Moment, in dem er hindurchträte, würde er nichts mehr von der Welt dahinter mitbekommen — kein Geräusch, keinen Schritt, keine Hand auf der Schulter. Dobs saß im Gras und war offen wie eine Tür. Beide hatten alles abgelegt, was einen Menschen schützt, und beide taten es, weil sie darauf zählten, dass der eine, der noch da war, sie deckte.

Das war ihr Teil. Kein Zaun, kein Safe, keine Matrix. Nur der Rücken. Sie stellte sich so, dass zwischen den beiden und dem offenen Garten nichts stand als sie, ließ die Sporne eine Handbreit aus dem Unterarm und wieder hinein, prüfte den Sitz, und dann stand sie still und wurde zu dem, was sie am besten konnte: eine Frau, die wartete und alles sah.

Ein Vogel fuhr aus der Hecke. Sie hatte die Klinge halb draußen, bevor sie den Vogel als Vogel erkannt hatte — der Körper schneller als der Gedanke, immer, das war der Preis und der Wert des Chroms. Sie ließ die Klinge zurückgleiten. Nichts. Nur die Nacht, der nasse Acker, das Ticken des abkühlenden Motorblocks hinter der Scheune.

Mox trat durch die Tür. Kein Öffnen, kein Knarren, kein Riegel — er ging einfach hinein, und die Terrassentür blieb zu. Kerstin sah nur, wie sich sein Rücken straffte und sein Atem stehenblieb, und dann war auch er nicht mehr ansprechbar, halb hier, halb in einer Wand aus etwas, das sie nie sehen würde.

Sie zählte die Minuten an dem ab, was sie sehen konnte. Dobs’ Brust, die zu langsam ging. Mox’ Schultern, reglos an der geschlossenen Tür. Das schwache Glimmen hinten im Haus.

Dann bewegte sich das Glimmen.

Kerstin verkantete sich, ohne einen Muskel zu rühren. Der warme Fleck löste sich aus dem Bett, wurde zu einer Gestalt, zu einer Wärme, die durch die Wände wanderte — unscharf, ein Schmieren aus Rot und Gelb hinter Stein und Putz, aber unverkennbar. Die alte Frau war auf. Um halb zwei. Und sie ging nicht zur Treppe, die zur Haustür führte, nicht ins Bad, nicht zu einem Telefon. Sie kam den Flur entlang, langsam, mit der schleifenden Gleichmäßigkeit von jemandem, der den Weg im Schlaf kennt, und sie kam geradewegs auf das Zimmer zu, an dessen Außenwand Dobs mit geschlossenen Augen im Gras saß und in dessen Mana-Haut Mox hing und aus dem keiner von beiden heraus konnte, ohne dass alles auf einmal losging.

Adele Voskuhl kam zum Safe.

Kerstin hatte zwei Männer neben sich, die sie nicht anrühren durfte, und keine drei Sekunden, um zu entscheiden, was eine achtundsiebzigjährige Witwe um halb zwei nachts zu einem verschlossenen Kasten trieb, von dem sie nichts wissen sollte — und ob das, wovor sie hier den Rücken freihielt, überhaupt noch ein Einbruch war oder längst etwas anderes.