Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 019 — Häutung

Hinter dem Bann war die Luft anders. Mox hatte nicht dagegengedrückt, hatte keinen Riegel gefunden, den man umlegt; er war hindurchgegangen, langsam, als gehöre er dahin, und die Haut aus Mana hatte ihn durchgelassen, weil er sich nicht gegen sie stemmte. Jetzt stand er auf der anderen Seite, im Zimmer, das laut Register leer war, und das andere Auge sah, was hier wohnte.

Der Safe war ein alter Ostmann, grau, dreistellig, für Dobs’ Finger eine Sache von Minuten. Aber Mox sah nicht das Blech. Er sah, was darin lag, und es hatte eine Aura.

Klein. Zusammengefaltet. Nicht das kalte Nichts eines Gegenstands, sondern ein leises, gedämpftes Glimmen von etwas, das einmal ein Mensch gewesen war und jetzt zusammengedrückt in einer Schachtel aus Blech und Bann steckte, wach genug, um zu leiden, zu klein, um noch etwas zu wollen. Er hatte so etwas schon gesehen, an einem Mädchen am Hafen, das man aus einem Netz geholt hatte. Aber das hier war weiter gegangen. Das hier war kein Mensch mehr, den man herausholen konnte. Das hier war der Rest von einem.

Und von dem Rest lief ein Faden.

Mox folgte ihm astral, und der Faden führte nicht in den Safe hinein, sondern aus dem Zimmer hinaus, den Flur entlang, zu dem schwachen, zehrenden Licht, das sich eben aus seinem Bett gelöst hatte. Der Bann hielt nicht nur die Schachtel. Er hielt die beiden aneinander. Und die alte Aura brannte nicht deshalb so niedrig, weil sie alt war. Sie brannte niedrig, weil seit Jahren etwas an ihr zog. Adele Voskuhl war nicht die Bewohnerin, die man sicherte. Sie war der Anker. Sie war das, woran das Ding im Safe hing, damit es nicht rausatmete, und es hatte sie dafür Stück für Stück aufgebraucht.

Das Haus hatte gesagt, was Adele war, bevor der Safe offen war. Genau das hatte Mox verlangt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Antwort ihn so treffen würde.

Die Tür ging. Kein Schlüssel, keine Hast — sie kam herein ohne Eile, mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die jede Nacht in diesem Zimmer steht, und blieb stehen, als sie den Mann am Safe sah. Klein, gebeugt, im Nachthemd, das Haar dünn, die Augen klar. Sie erschrak nicht. Sie sah ihn an, als hätte sie lange auf jemanden gewartet, nur nicht auf diesen.

„Sie sind nicht einer von den Ruhigen“, sagte sie.

„Nein.“

„Die Ruhigen fassen mich nicht an. Sie messen nur. Kommen mit ihren kleinen Kästen und messen die Wände und gehen wieder.“ Sie trat einen Schritt näher, ohne Angst. „Sechs Wochen. Erst fuhren die Wachleute anders. Dann kamen die Ruhigen. Ich hab gewusst, dass sie ihn holen. Man holt sich, was man gemessen hat.“

„Wen“, sagte Mox. Keine Frage, ein Angebot.

„Theo.“ Der Name kam aus einem Regal, in das sie jeden Tag griff. „Einundfünfzig Jahre. Und dann war er weg, und ich konnte es nicht. Ich hab damals einen gefunden, einen, der so was kann, und der hat mir gesagt, ich darf das Letzte von ihm behalten, wenn ich ihn trage. Ich hab ja gesagt. Man sagt ja.“ Sie sah zum Safe. „Ich hab nicht gewusst, dass tragen heißt: er nimmt sich, was er braucht. Ich dachte, ich werd alt. Ich werd nicht alt. Ich werd leer.“

Mox sah es, während sie redete. Den Faden, straff und uralt, und den frischen Bann eines fremden Magiers darübergelegt, ein zweites Schloss über ein altes — nicht um Theo bei ihr zu halten, sondern um ihn festzuhalten, bis die alte Frau ausging und der Rest sich abnehmen ließ wie eine reife Frucht. Sie hatten ihr Sterben eingeplant. Sie warteten darauf.

Er konnte den Kasten nehmen. Das war der Auftrag. Er konnte den Rest von Theo in einer Schachtel zu Vogels Klient tragen, versiegelt, sich fünfzehn abholen und nie erfahren, wofür ein Konzern den letzten Atem eines Toten kauft.

Oder er konnte tun, was Snake mit Geheimnissen tat, die zu lange in Blech steckten. Er konnte sie häuten.

„Es tut nicht weh, wenn er geht“, sagte Mox. Er wusste nicht, ob es stimmte. „Aber es kostet. Mich. Nicht Sie.“

Sie sah ihn lange an. „Wird er dann fort sein? Ganz?“

„Ja.“

„Gut“, sagte Adele Voskuhl, und es war das Klarste, was sie in dieser Nacht sagte. „Ich hab ihn lang genug getragen. Er ist müde. Ich bin müde. Lassen Sie ihn atmen.“

Mox legte die Hand nicht auf den Safe. Er legte sie auf den Faden, den nur er sah, und griff nach der Bindung des fremden Magiers, um sie aufzumachen — und das war zu viel. Das war über ihn hinaus. Fremde Arbeit aufzumachen, frisch und fest, ist nicht Lesen, ist nicht Kleinsein; es ist Greifen, und wer greift, wird gegriffen. Etwas riss hinter seinen Augen, tief, kein Nasenbluten diesmal, kein Kupfer auf der Zunge — ein heißer, nasser Schmerz, der blieb, als hätte man ihm innen eine Naht aufgezogen, die sich nicht gleich wieder schloss. Er schmeckte Blut, das nicht aus der Nase kam. Er hielt trotzdem.

Die Bindung gab nach. Der Faden löste sich, und für einen Wimpernschlag war das kleine, zusammengefaltete Etwas im Safe nicht mehr klein — es dehnte sich, atmete ein einziges Mal aus, lang, und war fort. Nicht zerstört. Fort, hindurch, dahin, wohin Dinge gehen, die man endlich loslässt.

An der Schwelle riss der Wächter die Augen auf. Der Host unter dem Haus zuckte durch das ganze Gebäude, ein Ruck im Astralen, und Mox spürte draußen im Gras, wie Dobs’ Atem stolperte und sich wieder fing — der Junge ritt es aus, atmete weiter mit einem Ding, das gerade seinen Grund verloren hatte, wach zu sein. Der Bann sackte in sich zusammen, eine leere Haut, aus der das Tier heraus war.

Adele hielt sich am Türrahmen. Das Licht in ihr brannte nicht heller — sie war eine alte Frau, die starb, und das ändert sich nicht. Aber es brannte ruhig. Nichts zog mehr an ihm.

Dann war Kerstin an der Tür, weil das Glimmen und das Zucken und der einbrechende Bann alles auf einmal gewesen waren, was ein Wächter meldet, und die drei Minuten waren zu Ende. Sie sah den offenen, leeren Safe, sah Mox, der stand und nicht gut stand, sah die alte Frau am Rahmen. Sie fragte nichts. Sie legte Mox’ Arm über ihre Schulter, hart, funktional, und trug die Hälfte von ihm zur Tür.

Adele Voskuhl sagte nichts mehr. Sie stand in ihrem Zimmer, in dem jetzt kein Bann mehr war, kein Faden, kein Theo, nur ein alter Safe mit offener Tür und nichts darin, und sah aus, als könne sie zum ersten Mal seit Jahren einfach schlafen.

Im Wagen hinter der Feldscheune, den heißen Riss hinter den Augen, der nicht nachließ, saß Mox und rechnete nach, was sie hatten. Keine Kassette. Es hatte nie eine gegeben, nur einen Mann, den jemand verkaufen wollte, und den sie stattdessen hatten gehen lassen. Jeck würde die zweite Hälfte abschreiben. Der Klient über Vogel würde einen leeren Safe finden und begreifen, dass ihm jemand die Frucht vom Baum genommen hatte, einen Tag zu früh — und dass es dieselbe Crew war, die schon in Meerbusch das ganze Brett gesehen hatte.

Sie hatten wieder auf Geld verzichtet, das sie brauchten. Und in einem Haus am Rand der Felder schlief zum ersten Mal seit langem eine Frau, an der nichts mehr zog. Beides war wahr. Mox lehnte den Kopf ans kalte Fenster und ließ es beides sein.