Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 020 — Ebbe

Der Regen kam vom Rhein herüber und stand in dünnen Fäden vor den Stahlfenstern der Bude, und Jeck saß am Tisch und zählte etwas, das sich nicht lange zählen ließ, weil zu wenig davon da war.

Drei Tage seit Meerbusch. Der zertifizierte Stick lag vor ihm auf dem Holz, das, was von Vogels Vorschuss übrig war, und Jeck kannte die Zahl auswendig. Er hatte sie am ersten Tag gekannt und am zweiten, und rechnete sie trotzdem noch einmal durch, als würde sie beim dritten Mal von allein wachsen. Fünfzehn. Sauber, echt, seins. Die andere Hälfte, die er in Büderich über einem halb gegessenen Stück Bienenstich auf dreißig hochgeredet hatte, gab es nicht mehr — es hatte nichts zu liefern gegeben, weil ein Mann, den jemand kaufen wollte, stattdessen hatte gehen dürfen.

Zweimal jetzt. Bei der Betreffenden, weil Kerstin an einem Kai gesagt hatte, nein, nicht zu ihr. Und hier, weil Mox in einem fremden Zimmer allein entschieden hatte, dass ein Toter keine Ware war. Jeck war der, der die Deals nach Hause brachte. Er war seit Neuestem auch der, der ihnen beim Verdunsten am Küchentisch zusah, und das war eine Rolle, für die er sich nicht beworben hatte.

Er sagte nichts davon. Das war das Handwerk: wissen, was man denkt, und es nicht auf den Tisch legen, bevor es sich lohnt.

Mox lag auf der Matratze am anderen Ende des Raums, den Unterarm über die Augen, und atmete flach und gleichmäßig. Der Riss hinter den Augen — so hatte er es einmal genannt, knapp, und danach nicht mehr — heilte nicht in dem Tempo, das Mox von sich gewohnt war. Er sah krank aus, ausgezehrt, nur war keine Krankheit zu sehen, kein Loch, kein Verband, nichts, das ein Doc verstanden hätte.

„Halm häutet Leute“, hatte Mox am zweiten Tag gesagt, als Jeck vorsichtig den Namen ins Zimmer geschoben hatte. „Das hier häutet sich selbst. Lass es.“ Damit war das erledigt gewesen. Man drückte Mox nicht zweimal.

Dobs hockte neben der Matratze auf dem Boden, seit drei Tagen, und redete. Nicht laut, nicht viel, nur dieses stetige junge Vor-sich-hin, das er hatte, wenn ihm etwas naheging und er es nicht sagen wollte — über einen Host in Duisburg, den er mal gesehen hatte, über eine Sicherung, die kein Mensch so bauen würde. Mox antwortete alle paar Minuten mit einer Silbe. Es schien beiden zu reichen.

Dann brach Dobs mittendrin ab, drehte den Kopf zu Jeck und fragte, ohne Anlauf, weil Sechzehnjährige keinen brauchen: „Wie heißt du eigentlich richtig?“

Jeck hatte die Frage schon oft gehabt, von Marks, von Fixern, von Frauen an Bartresen, und für jede von denen hatte er eine Antwort, glatt, sofort, meistens lustig. Für diese hier fand er keine. Es entstand die kurze Pause, die er kannte und nicht mochte, der eine Herzschlag, in dem er nach dem Namen griff, den es geben müsste, und die Hand ging durch ihn hindurch. Kramer. Brenner. Ein Dutzend Legenden, jede prüfungsfest, jede echter beglaubigt als die vorige. Und darunter, wo eigentlich einer stehen sollte, ein sauber gemachter leerer Platz.

„Kommt drauf an, wen du fragst“, sagte er endlich und lächelte, und es war ein gutes Lächeln, er wusste es, es überspielte die Sekunde davor mühelos. „Ich hab für jeden Tag einen. Heute ist mir noch keiner eingefallen.“

Dobs grinste und ließ es gehen, weil er jung war und weil es lustig geklungen hatte. Kerstin, die am Fenster stand und in den Hof sah, ließ es nicht ganz so schnell gehen — sie sah kurz herüber, knapp, ohne Kommentar, und dann wieder hinaus. Sie war eine der wenigen, bei denen Jeck sich nie sicher war, was sie mitbekam. Bei ihr tippte er auf: alles.

Er stand auf, bevor jemand nachhaken konnte, und ging zu seinem Kram in der Ecke, zu der Kiste mit den Stempeln und den Blankos und dem Laminiergerät, das er von einem Bürgermeisteramt hatte, das nie gemerkt hatte, dass es ihm fehlte. Arbeit. Es gab noch die andere Art, die kleine, langweilige, die keinem etwas kostete außer einer Nacht am Tisch.

Brandt hatte am Morgen angerufen. Zwei Sätze, rheinisch, keiner davon warm. „Der, der zahlt, fragt rum. In Meerbusch stimmt was nicht mit seinem Schrank.“ Und dann, weil Brandt sich nie einmischte, nur benannte: „Ist nicht mein Schrank. Wollt’s nur gesagt haben.“ Aufgelegt.

Also fragte der Klient herum. Natürlich tat er das. Jeck hatte es in Büderich kommen sehen, an Vogels Lächeln, das eine Sekunde stillgestanden hatte. Aber Herumfragen war nicht Suchen, und Suchen war nicht Finden, und diese Crew hatte in fünf Jahren keiner gefunden, der sie nicht finden sollte. Man blieb Luft. Man machte weiter, klein, unauffällig, langweilig. Man nahm die Art Job, bei der niemand nach oben meldete, weil es nach oben nichts zu melden gab.

Und so einen hatte er. Eine Spedition in Grevenbroich brauchte drei Fahrer, die es auf dem Papier gab und in der Kabine nicht — schwarz gefahrene Touren, für die jemand saubere Legenden wollte, damit die Versicherung schlief. Kein Konzern, kein Magier, kein gebundener Toter. Nur Overalls, Führerscheine, ein Steuerkennzeichen, das einer Prüfung standhielt. Dreitausend für drei Nächte Arbeit. Lächerlich neben den dreißig, die zerlaufen waren. Aber die dreißig waren nie echt gewesen, und die dreitausend würden es sein.

Er setzte sich, schaltete die Lampe an, legte den ersten Blanko zurecht. Das hier war das eine, das durch alle Namen hindurch dasselbe blieb — nicht wer er war, sondern was seine Hände konnten. Ein Führerschein wuchs unter ihnen, Zeile für Zeile, ein Mensch, den es nicht gab und den morgen ein Amt für real halten würde.

„Brenner“, sagte er halblaut, probierte den Namen für die Grevenbroicher, hörte, ob er trug. Er trug.

Vom Boden neben der Matratze kam Dobs’ Stimme, trocken jetzt, nicht mehr grinsend. „Hab ich mir gemerkt. Brenner. Für heute.“

„Für heute“, sagte Jeck.

Und von der Matratze, ohne den Arm von den Augen zu nehmen, sagte Mox das Einzige, was er den ganzen Nachmittag von sich aus sagte, knapp, mit dem Rest einer Stimme: „Uns nennst du keinen davon.“ Es war keine Frage. Kerstin am Fenster nickte einmal, kaum, für niemanden bestimmt, und Jeck merkte, dass sie recht hatten, alle beide, und dass es das war, was blieb, wenn die Namen abfielen und die Konten leer waren und der Regen gegen die Fenster stand: vier Leute in einem Raum, die wussten, wer er war, ohne dass er es selbst wusste. Er ließ den Blanko liegen, schob ihnen die Kaffeekanne über den Tisch, und niemand fragte weiter.