Kapitel 021 — Der Aufpasser
Das Parkhaus an der Batteriestraße hatte vier Ebenen, und auf der dritten brannte seit Monaten kein Licht, weil jemand die Leuchtstoffröhren herausgedreht und weiterverkauft hatte. Genau dort wollte Frau Kolb reden. Kerstin fand das vernünftig. Wer ein totes Deck zum Verhandlungstisch machte, rechnete damit, dass die Gegenseite Augen mitbrachte — und rechnete falsch, sobald am Tisch jemand saß, der im Dunkeln ohnehin las.
Kerstin las. Restlichtverstärkung hob die Betonhöhle in ein körniges Grau ohne echte Schatten, das Wärmebild legte sich darüber und sortierte die Menschen aus dem Stein: Kolb, breit und unbewegt neben einem abgestellten Kombi, beide Hände offen auf dem Blech, damit man sie sah. Zwei warme Umrisse im Treppenhaus zur Linken, die sie mitgebracht und nicht erwähnt hatte. Und der Dritte, dünn, das Gesicht zu heiß für den kühlen Beton, ein Mann, der seit Nächten nicht geschlafen hatte und es nicht mehr verstecken konnte.
Jeck stand einen halben Schritt vor ihr und redete, weil das seine Ecke war. Heute hieß er Brenner; der Name aus Grevenbroich saß noch warm. „Sie haben uns über die Schleuse gefunden“, sagte er, „dann kennen Sie den Preis. Sagen Sie mir, wofür.“
„Für einen Mann, der Montag früh noch atmet.“ Kolbs Stimme kam knapp und ohne Fett, jeder Satz ein Befehl, aus dem jemand das Bitte gestrichen hatte. „Drei Nächte. Sie halten ihn warm, Sie halten ihn in Bewegung, Sie halten ihn aus Düsseldorf heraus. Montag um vier setze ich ihn in einen Wagen, den Sie nicht sehen werden. Danach ist er nicht mehr Ihr Problem.“
„Und wer will ihn kalt?“, fragte Jeck.
„Leute, die dafür bezahlt werden, gründlich zu sein.“ Kein Drama, kein Köder, nur die Lage. „Seine alte Stelle. Er ist gegangen und hat etwas mitgenommen, das in seinem Kopf sitzt und das sie lieber begraben als frei hätten. Mehr brauchen Sie nicht. Sie bewachen einen Körper, keine Akte. Sein Name tut nichts zur Sache — nennen Sie ihn Sommer.“
Kerstin hörte mit halbem Ohr auf die Zahlen. Jeck holte sie herein, das war seine Freude; die Summe war gut, besser als gut, und Kolb zahlte die Hälfte sofort, in bar, kein zertifizierter Stick, nichts, das eine Spur zog. Zehn in einem Umschlag, den Jeck nicht zählte, weil Zählen Misstrauen hieß und Misstrauen den nächsten Auftrag kostete. Kerstin spürte die Erleichterung im eigenen Rücken, ohne dass jemand sie zeigte. Drei Nächte Wachdienst, und die Bude war für ein halbes Jahr aus dem Schlimmsten.
Sie brauchten es. Mox lag zu Hause auf der Matratze und heilte an etwas, das kein Verband fand, und würde diese drei Nächte nicht auf einem Dach stehen und Auren lesen. Was blieb, war Handwerk ohne Magie: ein Körper, den man zwischen sich und die Straße nahm. Dafür gab es sie. Dafür war sie an diesem Tisch die Wichtige und nicht die, die hinten stand.
Mit anderthalb Ohren blieb sie beim Dünnen. Sommer stand zwei Schritt hinter Kolb, dorthin gestellt wie Gepäck, und was ihm im Gesicht stand, war nicht der Groll auf einen alten Arbeitgeber. Seine Augen gingen die Ausfahrten ab, eine nach der anderen, immer wieder, und blieben an keiner. Bei jedem Echo im Beton — ein Motor zwei Ebenen tiefer, ein Tropfen von der Decke — zog es ihm die Schultern hoch. Die rechte Hand lag flach über der Brusttasche des Mantels, nicht in ihr, nur darüber, und rührte sich nicht. Das war keine Angst um eine Stelle. Das war Angst um die Haut.
Kerstin trat an ihm vorbei, langsam, damit er sie kommen sah, und stellte ihm die einzige Frage, die für sie zählte. „Haben Sie einen Ort, von dem die nichts wissen? Irgendwas, das nicht auf Ihren Namen läuft und nicht auf den Ihrer Leute?“
Sommer sah sie an, und für einen Moment war in dem übernächtigten Gesicht etwas, das jünger aussah als der Rest von ihm. „Sie waren gestern bei meiner Schwester in Holthausen“, sagte er leise. „Die hat mit alldem nichts zu tun. Sie haben trotzdem geklingelt.“ Dann schwieg er wieder, als hätte er die Luft dafür schon zu teuer bezahlt.
Kerstin nickte, sagte nichts und legte den Satz neben den anderen, der nicht dazu passte. Kolb hatte von einer alten Stelle geredet, von Leuten, die gründlich waren und einen Körper wollten, sauber, drei Nächte, Montag vier Uhr, ein Wagen, den keiner sah. Leute, die gründlich sind, klingeln nicht am Tag davor bei der Schwester in Holthausen, wo nichts zu holen ist. Es sei denn, sie wollten nicht ihn. Es sei denn, sie wollten, dass er es hört und rennt und dabei stolpert.
Sie nahm den Job trotzdem. Das Geld war echt, die Miete war echt, Mox’ Riss hinter den Augen war echt, und ihr ungutes Gefühl war kein Beweis, sondern nur eine Lücke, wo eine Geschichte lückenlos hätte sein sollen. Aber Lücken waren ihr Beruf. Durch Lücken kam das, was den Mann tötete, den man bewachte — und den, der danebenstand. Das war keine Moral. Das war die Rechnung, mit der sie am Leben blieb.
„Drei Nächte“, sagte sie zu Sommer, nicht zu Kolb. „Sie tun, was ich sage, auch wenn es dumm klingt. Und Sie fassen die Tasche über Ihrem Herzen nicht mehr an, solange Fremde zusehen. Sie zeigen ihnen sonst, wo sie schneiden müssen.“
Die Hand fiel herunter. Zum ersten Mal an diesem Abend sah der Mann sie an, als könnte sie ihn bis Montag bringen, und nicht als eine weitere Wand, hinter der er auf das Ende wartete.
Kerstin drehte sich zur Rampe. Der Umschlag wanderte in Jecks Jacke, die zwei warmen Umrisse im Treppenhaus rührten sich nicht, und irgendwo unter drei Ebenen Beton ließ jemand einen Motor an und wieder aus. Sie merkte es sich. Sie merkte sich alles. Dann ging sie voran ins Dunkle, in dem sie sah und die anderen nicht.