Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 022 — Wer den Faden zieht

Dobs ging unter, während Mox in der Ecke saß und atmete.

Das war die ganze Absprache gewesen. Mox konnte drei Nächte lang kein Dach halten und keine Aura lesen, ohne dass ihm der Riss hinter den Augen wieder aufsprang, aber auf einem Stuhl sitzen und einen leeren Körper bewachen kostete keine Magie. Dobs würde eine Weile hier auf der Matratze liegen, den Kopf an die kalte Wand, die Datenbuchse hinterm Ohr warm — und irgendwer, der nicht selbst weg war, sollte danebensitzen, falls jemand die Treppe hochkam. Wach zu sein verlangte keine Kraft. Nur einen Menschen.

„Geh nicht zu tief“, sagte Mox. Zwei Worte mehr, als er sonst verschwendete.

„Ich guck nur“, sagte Dobs, und dann war er weg.

Es gab kein Blech zwischen ihm und dem Netz, hatte es nie gegeben. Andere stülpten sich ein Deck über den Willen und ruderten sich hinein; Dobs machte die Augen zu und war da, so einfach und so wenig erklärbar wie Atmen. Erklärt hatte es ihm auch nie einer. Seine drei Kleinen kamen mit, wie immer — der Späher, der Gräber und der Stille, der Türen offenhielt. Für die Uferkinder waren das Programme. Für Dobs waren sie drei kleine Wärmen, die er nie ganz für Werkzeug gehalten hatte. Er hätte nicht sagen können, warum. Er dachte nicht darüber nach.

Er hatte fast nichts, mit dem er arbeiten konnte. Keinen Namen — Kolb hatte ihn ausgeklammert. Nur eine Schwester in Holthausen und eine „alte Stelle“. Aber Holthausen war ein Ort, und Orte hatten Register, und in den Registern klebte, wer wen besuchte, wer wo gemeldet war, wessen Strom über wessen Zähler lief. Der Gräber ging an die Meldedaten, und Dobs ließ ihn graben.

Er fand die Schwester schnell, weil jemand vor ihm dagewesen war und den Weg breitgetreten hatte. Eine Frau, Mitte dreißig, Sachbearbeiterin bei einer Kasse, nichts an ihr. Und über ihrem Eintrag lag ein frischer Griff — eine Abfrage, keine drei Tage alt, sauber, konzernsauber, die nicht bloß ihren Namen genommen hatte, sondern alles, was an ihr hing: den Bruder, dessen Eintrag daneben stumpf und tot war (jemand hatte ihn ausgeräumt, professionell, aber Dobs sah die Stelle, wo geschnitten worden war), die Eltern, eine zweite Adresse, eine Handvoll Nummern, mit denen sie in den letzten Wochen telefoniert hatte. Wer das gezogen hatte, wollte keinen Bruder abholen. Wer das gezogen hatte, zeichnete eine Landkarte von allen, die ihn kannten.

Kerstin hatte recht gehabt, und Dobs mochte nicht, wie recht.

Er ging dem Griff nach, vorsichtig, nur am Rand entlang, und da war das Zweite, das nicht passte. Die Abfrage auf die Schwester war drei Tage alt. Aber sie hing an einer älteren, an einer Mutter-Abfrage, und die trug ein Datum, das Dobs zweimal las. Sechs Wochen. Sechs Wochen alt war der erste Zug an Sommers Faden. Kolb hatte von einem Mann geredet, der gegangen war und etwas mitgenommen hatte, frisch, diese Woche, letzte Woche — ein Deserteur auf der Flucht. Aber irgendwer hatte schon vor anderthalb Monaten angefangen, alles um ihn herum aufzuschreiben. Entweder war Sommer viel länger weg, als Kolb sagte. Oder man hatte ihn kommen sehen, lange bevor er lief. Oder Kolb wusste beides und hatte dem Team die Hälfte erzählt.

Er hätte es dabei belassen können. Er hatte, wofür er gekommen war: die Jäger waren echt, sie waren gründlich auf eine Art, die keine Wut auf einen Angestellten war, und die Uhr lief länger als drei Nächte. Das reichte, um es heimzutragen.

Aber der Faden lag da, und am anderen Ende saß, wer ihn gesponnen hatte. Mit sechzehn hatte Dobs gelernt, dass man nicht nachsieht, wer am anderen Ende sitzt. Er war nicht mehr sechzehn, und er ging trotzdem hin. Nur ein Blick. Nur sehen, welche Farbe der Host hatte, aus dem die Abfragen kamen.

Der Host hatte keine Farbe. Er war eine glatte, kalte Fläche ohne Naht, und noch bevor der Späher sie berührte, bewegte sich etwas davor. Es kam nicht auf ihn zu — es war einfach schon da, wo er hinsah, als hätte es dort auf jeden gewartet, der zu nah käme. Kein Uferkinder-Wächter, kein müder Werksknoten, den man mit Gesas Klang in den Schlaf summte. Das hier war schnell und geräuschlos und interessiert, und es drehte sich zu ihm, und in dem Bruchteil, in dem es sich drehte, wusste Dobs zum ersten Mal in seinem Leben mit dem ganzen Körper, was Milla gemeint hatte, wenn sie sagte, im Norden sei auch eine Wand.

Er war schneller. Gerade eben. Er riss den Späher zurück, warf dem Stillen die Tür zu, durch die er gekommen war, und fuhr aus dem Netz — alles auf einmal, kein Boden unter den Füßen, keine Luft.

Die Bude kam zurück: der Ofen, die kalte Wand am Hinterkopf, Mox’ Gesicht, das sich aus dem Stuhl vorgebeugt hatte, ohne aufzustehen. Dobs saß da, und seine Hände zitterten, und das ärgerte ihn mehr als der Rest.

„Du warst zu tief“, sagte Mox.

„Ich war schnell genug.“ Dobs hörte selbst, dass es keine Antwort war.

Schnell genug, um herauszukommen. Das war nicht dasselbe wie ungesehen. Sein Leben lang hatte er als Erster gesehen — angeboren, lautlos, das Kind im Netz, das keiner kommen hörte; das war der ganze Trick gewesen, der einzige, den er hatte. Heute hatte ihn etwas angesehen, bevor er es ansah. Es war stehen geblieben, wo seine Spur endete, und hatte, da war er sich sicher, genau das getan, was er die ganze Zeit selber tat: es hatte sich gemerkt, dass jemand da gewesen war. Ein Mäusegang in der Wand. Und jetzt wusste die Wand von der Maus.