Kapitel 023 — Die Kontrolle
Sommer saß hinten und atmete zu laut, und Jeck redete, weil Reden das Einzige war, das er in einem fahrenden Wagen tun konnte.
„Ab der nächsten Ampel heißen Sie Radtke“, sagte er über die Schulter. „Uwe. Sie fahren mit Ihrem Schwager und dessen Frau nach Neuss, weil Ihre Mutter im Sterben liegt. Sagen Sie den Namen dreimal vor sich hin, dann glaubt ihn beim vierten Mal auch ein Fremder.“
„Uwe Radtke.“ Sommers Stimme kam flach, seit Nächten ohne Schlaf. „Meine Mutter ist vor sechs Jahren gestorben.“
„Umso besser. Dann müssen Sie nichts spielen. Es steht Ihnen ohnehin im Gesicht.“
Kerstin fuhr, beide Hände am Steuer, den Kopf kaum bewegt, und ihre Augen taten die Arbeit für den ganzen Wagen. Jeck hatte gelernt, ihr das zu lassen. Sie sah die Straße auf eine Art, die ihm verschlossen blieb — warm und kalt, Motoren hinter Hecken, Menschen hinter Glas —, und solange sie schwieg, war nichts. Sie schwieg seit zehn Minuten.
Den Umschlag hatte er noch in der Jacke. Zehn, ungezählt, Kolbs Vorschuss; er hatte ihn vorgestern eingesteckt, ohne nachzusehen, weil Zählen Misstrauen hieß und man einen neuen Auftraggeber am ersten Abend nicht beleidigte. Das war die Entscheidung eines anderen Mannes gewesen. Seitdem war Dobs grau aus dem Netz gekommen, mit zitternden Händen und zwei Sätzen, die alles verschoben: Seit sechs Wochen baute jemand eine Landkarte aus allen, die Sommer kannten, und Kolb hatte von einer Sache diese Woche geredet. Entweder log der Mann hinten im Wagen, oder Kolb log, oder jeder sagte seine Hälfte. Jeck arbeitete für sein Leben gern mit halben Wahrheiten. Nur lieber mit den eigenen.
„Vorne“, sagte Kerstin. Ein Wort.
Jeck beugte sich zwischen die Sitze. Da, wo die Ausfallstraße sich zum Fluss hin verengte, stand Licht, wo um diese Zeit keins stehen sollte: zwei Wagen schräg über die Spur, ein aufgebockter Scheinwerfer, drei Gestalten in dunklem Zeug ohne Hoheitsabzeichen, aber mit der ruhigen Selbstverständlichkeit von Leuten, denen man hielt. Einer trug ein Handgerät, mit dem man an Grenzen Gesichter gegen eine Liste rechnete.
„Keine Polizei“, sagte Kerstin. „Polizei stellt sich ins Licht. Die stehen dahinter.“
„Durchfahren wäre auch eine Antwort“, sagte Jeck. „Die falsche. Runter vom Gas, Fenster runter. Und Sie“ — nach hinten — „nehmen die Hand von der Brusttasche und legen sie aufs Knie, wo ich sie sehe. Sie sind müde, traurig und langweilig. Langweilig ist das Wichtigste, das ein Mensch sein kann.“
Der Wagen rollte aus. Der mit dem Handgerät trat an Kerstins Fenster und beugte sich herein, und Jeck war schon mitten im Satz, ehe der andere den Mund aufbekam — der Schwager, der zu viel redete, weil ihm der Abend über den Kopf wuchs: die Mutter, das Krankenhaus in Furth, der Stau vorhin, ob es hier noch lange dauere, seine Frau wolle vor Mitternacht am Bett sein. Er legte alles hin, freundlich, fahrig, eine Spur zu ausführlich — ein Mann, der nichts zu verbergen hatte, weil ihn seine eigene kleine Katastrophe voll auslastete.
Der Kontrolleur ließ ihn reden und sah dabei nach hinten. Das Handgerät hob sich in Sommers Richtung.
„Der auch aus der Familie?“
„Der andere Schwager. Uwe.“ Jeck ohne Bruch, ohne schneller zu werden. „Reden Sie nicht mit ihm, der ist seit gestern nicht ansprechbar. Ist ja seine Mutter.“
Und Sommer tat das einzig Richtige, das ihm den ganzen Abend gelungen war: nichts. Er sah aus dem Seitenfenster, die Hand auf dem Knie, und ließ das Gerät sein Gesicht nehmen. Nur in seinem Nacken stand der Schweiß.
Das Gerät gab einen Ton. Nicht den langen. Einen kurzen, unentschiedenen. Der Kontrolleur sah darauf, dann wieder auf Sommer, und seine Haltung wurde eine Spur langsamer, aufmerksamer —
— und neben Jeck war Kerstins Hand plötzlich woanders, als sie eben noch gelegen hatte. Die Bewegung selbst hatte er nicht gesehen. Er sah nur das Ergebnis: die Klinge einen Finger weit aus dem Unterarm, matt und ruhig, schon wieder auf dem Rückweg, ehe sein eigener Kopf begriffen hatte, dass da eine Klinge gewesen war. Ihr Körper hatte gezogen und widerrufen, während Jeck noch Luft holte. Wäre der Ton lang geworden, hätte es an diesem Fenster anders ausgesehen, und keiner von ihnen hätte hinterher erklären können, wie schnell.
Der Ton wurde nicht lang. Der Kontrolleur richtete sich auf. „Furth ist dicht seit acht. Nehmen Sie die Fleher.“ Zwei Finger winkten sie durch, die Augen schon beim nächsten Wagen.
Kerstin fuhr an, nicht zu schnell. Der Fluss nahm sie auf, das Licht blieb im Spiegel zurück, und eine Weile sagte niemand etwas. Sommers Atem wurde langsamer, Stoß um Stoß.
„Das waren keine von meiner alten Stelle“, sagte er irgendwann, leise, ins Seitenfenster. „Die tragen keine Handgeräte an Brücken.“ Er sagte es wie eine Wetterlage. „Das ist Grenzhilfe. Die stellt der Plex an die Übergänge, bezahlt vom Konzern, dem die Brücke gehört. Man muss schon wer sein, damit die für einen ein Gesicht in die Liste nehmen.“ Eine Pause, kaum hörbar. „Ich bin niemand. Meine Schwester ist niemand. Und trotzdem stehen wir drin.“
Daran blieb Jeck hängen. Nicht an der Angst darin — die kannte er inzwischen auswendig. An der Rechnung dahinter. Ein wütender alter Arbeitgeber schickt Männer mit Waffen. Er pachtet keine Brücken und füttert keine Kontrolllisten. Wer Sommer wollte, konnte an die Übergänge stellen, wen er brauchte — und Kolb hatte dagesessen und von drei Nächten geredet, von einem Körper, von einem Wagen um vier, als wäre das eine überschaubare Sache.
Jeck holte den Umschlag aus der Jacke. Vorgestern hatte er ihn nicht gezählt, weil Zählen Misstrauen hieß und er zu gut war, um Misstrauen zu zeigen. Jetzt zählte er. Im Wanderlicht der Gegenfahrbahn, Schein um Schein, die zehn langsam durch, während Sommer hinten wieder in einen Takt fand und Kerstin die Fleher Brücke ansteuerte, die ihnen keiner genannt hatte außer dem Mann, der sie eben durchgewunken hatte.
Es waren zehn. Es stimmte alles. Es beruhigte ihn kein bisschen.