Kapitel 024 — Die Lieferung
Die Werkstatt roch nach kaltem Öl und nach Katzen, und Kerstin mochte sie aus genau drei Gründen: zwei Ausgänge, ein Dach ohne Fenster und ein totes Rolltor mit einem Vorhängeschloss, hinter dem von der Straße aus nichts zu sehen war. Jeck hatte sie über einen Mann gemietet, der nicht fragte. Zweite Nacht. Noch eine, dann vier Uhr, dann der Wagen, den sie nicht sehen sollten.
Sommer lag hinten auf einer Pritsche und schlief den Schlaf von einem, der seit vier Nächten nicht mehr richtig schlief — in Stößen, mit offenem Mund, immer wieder hochfahrend. Kerstin saß auf einem umgedrehten Ölfass neben dem Tor. Für ihre Augen war die schwarze Halle kein Schwarz, sondern ein mattes Halbdunkel, in dem die Werkbank, der Arm der Hebebühne, die Reifenstapel jeder eine eigene, kühlere Schattierung trug. Warm war nur Sommer hinten und, ganz schwach, der Motor eines Wagens, der irgendwo draußen seit einer Stunde abkühlte. Sie behielt beides.
Jeck stand an der Werkbank, das Ohr am Hörer eines Wegwerf-Comms, und sagte lange nichts. Dann legte er die Hand über das Mikro. „Dobs ist wieder drin. Vorsichtig diesmal. Nur an den Rändern.“
„Und?“
„Und er hat sich angeschaut, was Kolb uns für vier Uhr gegeben hat. Den Kontakt. Das Kennzeichen von dem Wagen, den wir nicht sehen sollen.“ Jeck nahm die Hand weg, hörte noch einen Moment, und etwas in seinem Gesicht wurde glatt. Diesen Zug kannte sie: er kam immer kurz bevor Jeck eine schlechte Nachricht schön verpackte. Diesmal verpackte er sie nicht. „Der Wagen hängt an demselben Host, der ihn vorgestern angesehen hat. Der kalte. Der ohne Naht.“
Kerstin ließ das eine Sekunde liegen und drehte es um. Die Übergabe um vier war keine Übergabe. Es war eine Ablieferung. Kolb hatte kein Team angeheuert, um Sommer vor den Jägern zu schützen. Sie hatte ein Team angeheuert, das Sommer vertraute, damit er ihnen bis zu einem Wagen folgte, in den er allein nie eingestiegen wäre. Sie waren nicht die Wächter. Sie waren der Bote.
Die Kontrolle vorgestern hatte ihnen eine Brücke zugewiesen. Der Korridor, durch den man sie führte, war die ganze Zeit der kurze Weg zu diesem Wagen gewesen.
„Das war keine Moral“, sagte sie leise, mehr zu sich. Es war die Rechnung. Und die Rechnung stimmte jetzt anders.
Sie sah es, bevor Dobs es sagte.
Draußen, an der kalten Grenze ihres Sehfelds, wurde die Straße warm. Nicht ein Umriss. Vier, fünf, tief geduckt, die sich von zwei Seiten dem toten Rolltor näherten, und dahinter, ohne Licht, ein Motor, der eben erst angelaufen war und noch keine Wärme im Block hatte. Kein Mensch, der zufällig kam, bewegte sich so — verteilt, langsam, ohne einen Fuß auf losem Blech. Sie hatte solche Leute schon einmal arbeiten sehen, im Hafen, aber dafür war jetzt keine Zeit.
„Kerstin.“ Dobs’ Stimme kam dünn aus dem Comm auf der Bank, und zum ersten Mal seit vorgestern war Angst darin, die etwas Nützliches tat. „Sie kommen von der Straße. Sie haben euch —“
„Ich seh sie.“ Sie war schon auf den Beinen. „Jeck. Hinten raus. Sommer zwischen dich und die Wand. Jetzt.“
Sie kamen durch die Seitentür, nicht durchs Tor, zwei zuerst, und Kerstin war bei ihnen, ehe der erste den Raum gelesen hatte. Für sie zog sich alles auseinander in einzelne, ruhige Bilder: die Mündung, die aus der Tür schwang, und ihre eigene Schulter, die schon nicht mehr da war, wo die Mündung sie suchte. Der Sporn fuhr aus dem Unterarm, ohne dass sie ihn rief. Sie ging nicht auf den Schuss zu, sie ging an ihm vorbei, drehte das Handgelenk des Mannes nach innen, bis die Waffe in die Reifen bellte statt in sie, und der Sporn tat das, wofür er gemacht war, kurz und ohne Ausholen. Der Mann klappte um die Klinge zusammen. Der zweite war schneller als der erste, professionell schnell — aber Kerstins Reflexe liefen auf einem Takt, den kein Nervenstrang ohne Chrom hielt, und sie war neben ihm, wo er sie vorne erwartete, und nahm ihm die Waffe und das Knie in derselben Bewegung.
Hinter ihr rasselte das kleine Tor. Jeck hatte Sommer, gut. Vorne, im Rahmen der Seitentür, stand jetzt der dritte, ruhig, und hob die Hand mit dem, was Kerstin zu spät als Waffe las, weil sie den ersten noch nicht ganz losgelassen hatte.
Der Schuss traf sie hoch, seitlich, riss ihr die Jacke und ein Stück Fleisch über den Rippen auf und warf sie gegen den Stapel. Heiß, dann kalt, dann egal — der Chrom fraß den Schmerz für ein paar Sekunden und schob die Rechnung nach hinten. Mehr konnte er nicht; später kam sie zurück. Sie kam vom Stapel hoch, warf dem Dritten einen Bremskeil ins Gesicht, den ihre Hand fand, ohne dass sie hinsah, und war durch die kleine Tür, ehe er nachsetzte. Draußen der Wagen, Jeck am Steuer, die Tür offen. Sommer hinten, das Gesicht in den Händen.
„Fahr“, sagte sie, und Jeck fuhr, mit Licht aus, den Hinterhof hinaus, an dem kalten Motor vorbei, der ihnen nicht schnell genug ansprang.
Sie hielt die Hand gegen die Rippen. Zwischen den Fingern wurde es warm und dann nass, und sie sah selbst zu, mit den Augen, die im Dunkeln sahen, wie viel es war. Nicht wenig. Nicht das Schlimmste. Mox würde es schließen können, wenn er es sich leisten könnte, und er konnte es sich nicht leisten, und das war eine Rechnung für später.
„Wohin“, sagte Jeck. Kein Scherz. Er kannte die Antwort schon und wollte sie trotzdem von ihr hören.
„Nicht um vier.“ Kerstin drückte fester. „Nicht zu dem Wagen. Wir sind nicht mehr die, die geliefert werden.“ Sie sah nach hinten, zu Sommer, der zwischen zwei Atemzügen war, und dann nach vorne, wo die Straße sich zum Fluss hin öffnete und keine Kontrolle mehr stand. „Kolb hat uns gekauft, damit wir ihn tragen. Also trägt sie jetzt, was wir bringen. Ruf sie an. Sag ihr, die Übergabe ist verschoben. Und sag ihr wohin.“