Kapitel 025 — Die Rückgabe
Mox hörte den Wagen in den Hinterhof rollen, ehe er ihn sah — Licht aus, der Motor gleich still, dann die zwei Treppen, die falsch klangen. Zu viele Füße. Einer schleppte.
Er stand auf, langsamer, als ihm recht war. Drei Tage hatten den Riss hinter seinen Augen nicht geschlossen, nur stumpfer gemacht, ein Ziehen, das er tagsüber vergaß und nachts nicht. Sonst war niemand da. Dobs hing bei den Uferkindern über einem Comm, Jeck fuhr, Kerstin —
Kerstin kam durch die Tür, und die rechte Seite ihrer Jacke war schwarz und schwer.
„Streifer“, sagte sie, ohne Gewicht darauf zu legen. „Höher als beim letzten Mal.“ Sie setzte sich, ehe ihre Knie es entschieden.
Mox musste nichts wirken, um zu sehen, was er sah. Er ging nah heran, schob den nassen Stoff beiseite. Fleisch über den Rippen, offen, aber nicht tief; kein Loch, das weiterging; keine Luft, die falsch pfiff. Sie würde nicht daran sterben. Sie würde nur bluten, langsam, den Rest der Nacht, und langsam war bei einer Schusswunde ein Wort, das log.
„Lass“, sagte sie, weil sie sein Gesicht las. „Du bist selbst noch offen. Ich näh’s mir zu und leg mich hin.“
Er antwortete nicht. Er legte die Hand flach auf die Wunde.
Heilung nahm den Schmerz nicht weg. Sie trug ihn von einem zum anderen, und Snake, die Schlange der Geheimnisse und der Häutung, gab für nichts einen Rabatt. Mox sammelte das zerrissene Fleisch unter seiner Hand, führte es zusammen, hielt es — und der Preis suchte sich den kürzesten Weg zurück in ihn, dorthin, wo drei Tage etwas mühsam zugewachsen war. Es ging in einem Atemzug wieder auf. Nicht als Schnitt. Als Gewicht, das ihn nach unten zog, in etwas Kaltes ohne Grund.
„Halt still, Kerstin“, sagte er, und benutzte den Namen, den er benutzte, wenn sonst keiner zuhörte.
Als er fertig war, war die Wunde eine rosige, dumme Linie, und Mox saß nicht mehr; er kniete, und der Raum stand schräg. Kerstins Hand kam unter seinen Arm, fest. Beim letzten Mal hatte sie ihn zur Tür getragen, den halben Weg; jetzt hielt sie ihn nur, bis der Stuhl unter ihm war, und ließ die Hand einen Moment länger, als das Hochziehen dauerte.
Dann klingelte Jecks Comm auf dem Tisch, und der Abend war noch nicht zu Ende.
Jeck hatte den Ort gewählt, und Jeck wählte Orte, an denen die andere Seite mehr zu verlieren hatte als er: eine abgesoffene Bootswerft am Hafenrand, ein Dach ohne Wände, ein einziger Weg hinein am Wasser entlang. Kerstin las ihn von einem Stapel Paletten aus in Wärme. Kam Kolb mit Leuten, sah Kerstin sie, ehe sie da waren. Kolb kam ohne. Das allein sagte Mox schon etwas.
Sie blieb drei Schritt vor Jeck stehen, in denselben unauffälligen Kleidern. „Sie haben die Übergabe verschoben“, sagte sie. „Das war teuer für alle, die daran hängen.“
„Erzählen Sie mir von denen, die daran hängen“, sagte Jeck. Er hieß heute wieder Brenner, und Brenner war freundlich. „Fangen Sie oben an.“
Mox stand hinter Jecks Schulter und tat das Einzige, was ihn heute nichts mehr kostete: Er sah. Astral nahm Kolb sich nicht anders als körperlich — knapp, ganz, kein Ausfransen an den Rändern. Er hatte einmal eine Frau Schmidt gelesen, die leer war an der Stelle, wo ein Mensch anfängt, und unter der ein Boden voller Furcht lag vor jemandem weiter oben. Kolb war das Gegenteil. Sie war ganz da, und über ihr war nichts — kein Boden, keine Furcht, keine Hand, die sie decken würde. Was hier schiefging, ging bei ihr schief und nirgendwo sonst.
Mox legte Jeck zwei Finger kurz in den Rücken. Ihr Zeichen: Sie kann liefern. Keine Deckung.
„Es gibt kein Oben“, sagte Jeck, mehr Feststellung als Frage, und Mox sah es treffen — nicht als Schreck, Kolb erschrak nicht, sondern als eine Zahl, die sie längst selbst gerechnet hatte. „Sie haben den Auftrag genommen und weitergereicht. Sitzt der Mann heute nacht nicht in dem Wagen, erklärt das keiner für Sie nach oben, weil es kein Nachoben gibt.“
Kolb sagte eine Weile nichts. Als sie sprach, war jedes Wort ein Posten. „Was wollen Sie.“
„Ihr Wagen bekommt heute nacht niemanden. Und Sie erzählen dem, der ihn geschickt hat, die Wahrheit — dass die Leute, die Sie angeheuert haben, umgesprungen sind und mit dem Mann weg. Das kostet Sie einen Körper. Es kostet Sie nicht den Kopf, denn ein Team, das umspringt, ist niemandes Schuld als Ihre eigene, und mit der eigenen Schuld kann man leben. Dafür bezahlen Sie uns aus. Den Rest, den Sie uns schulden, und obendrauf das, was es wert ist, dass wir die waren, die umgesprungen sind — und nicht die, die geredet haben.“
Kolb rechnete, und Rechnen war das, worin sie zu Hause war. Ein Team, das den Körper verlor, war eine langweilige Geschichte, die ihr Klient schlucken würde. Ein Team, das den ganzen Plan durchschaut hatte und darüber redete, war etwas anderes. Sie kaufte das Erste, um das Zweite loszuwerden.
Sie zahlte in bar, weil sie nichts anderes bei sich trug, und es war mehr, als der Rest allein gewesen wäre — nicht großzügig, nur der Preis, den Schweigen an diesem Abend hatte. Jeck zählte es diesmal, vor ihren Augen, Schein um Schein. Es stimmte, und diesmal war das keine schlechte Nachricht.
Kolb steckte nichts weg; sie hatte nichts mitgebracht außer sich. Einmal ging ihr Blick an Jeck vorbei, dorthin, wo Sommer im Schatten der Paletten stand, und dann weiter, der Blick schon woanders. „Der Wagen kommt nicht von hier“, sagte sie. „Und er zählt Gesichter, nicht Aufträge. Sie haben sich heute welche gemacht, die länger reichen als ich.“ Es war keine Drohung. Es war eine Position auf einer Karte, die sie weitergab, weil es sie nichts mehr kostete. Dann ging sie, allein, den Weg am Wasser zurück.
Sommer war die ganze Zeit still gewesen. Jetzt trat er aus dem Palettenschatten, und in seinem Gesicht stand nichts von dem, was Mox erwartet hatte — kein Bruch, keine Wut. Nur das Rechnen, das bei müden Leuten übrigbleibt, wenn alles andere weg ist.
„Sie hat mich verkauft“, sagte er. Keine Frage.
„Ja“, sagte Kerstin.
Er nickte. Er hatte es seit Holthausen geahnt und nur auf jemanden gewartet, der es laut sagte. „Meine Schwester. Solange sie mich haben wollten, war sie das Netz. Was ist sie jetzt?“
„Wieder niemand“, sagte Jeck. „Sobald der Wagen leer bleibt und Kolb ihre Geschichte erzählt, seid ihr beide keine Rechnung mehr, die sich lohnt. Man jagt keinen, den man schon abgeschrieben hat. Nicht für den Preis.“
Sommer sah die drei an, einen nach dem anderen, und Mox sah ihn rechnen, ob er bleiben, sich anhängen, um etwas bitten könnte. Er tat es nicht. Er war lange genug niemand gewesen, um zu wissen, dass niemand-sein das Einzige war, was ihn bis hierher am Leben gehalten hatte. „Dann bin ich lieber wieder das“, sagte er. „Sagen Sie mir nur, wo ich heute nacht keinem in die Liste laufe.“
Kerstin nannte ihm zwei Straßen und eine Brücke, die die Grenzhilfe nach vier Uhr nicht mehr besetzte, und einen Namen in Reuschenberg, der gegen bar einen Overall und keine Fragen verkaufte. Mehr gab sie ihm nicht, und mehr wollte er nicht. Er ging nicht den Weg, den Kolb gegangen war, sondern den anderen, über die Gleise, und keiner hielt ihn auf.
In der Bude lag das Geld auf dem Tisch, bar, und diesmal blieb es liegen. Dobs kam von den Uferkindern zurück, sah den Stapel Scheine, sah Kerstins zugewachsene Seite, sah Mox auf dem Stuhl mit dem leeren Gesicht und den Lippen ohne Farbe. „Wer hat diesmal bezahlt?“, fragte er, weil er gelernt hatte, dass immer jemand bezahlte.
„Alle ein bisschen“, sagte Jeck. „Zur Abwechslung auch die richtige Seite.“
Mox sagte nichts. Der Riss hinter den Augen war wieder ganz offen, drei Tage weiter, als er hatte sein wollen, und irgendwo hing sein Team jetzt an einer kalten Wand voller Gesichter, die sich merkte, wer umgesprungen war. Das war der Preis, und er war echt. Aber das Geld auf dem Tisch war auch echt, und es blieb liegen, und Kerstin atmete gleichmäßig neben ihm, ohne Pfeifen. Zwei Runs lang hatte das Prinzip die Bezahlung gefressen. Diesen hier hatten sie sich bezahlen lassen und trotzdem keinen geliefert.
Mox schloss die Augen. Er hatte schon Schlimmeres getragen für weniger.