Kapitel 026 — Luft
Drei Tage nach der Bootswerft roch die Bude zum ersten Mal seit Wochen nicht nach Sparen. Das lag am Kaffee. Jeck hatte echten gekauft, gemahlen, aus einer Tüte mit einem Bild von Bergen darauf, und das Zeug stand jetzt auf dem Ofen und blubberte und machte den ganzen oberen Stock zu einem Ort, an dem Leute wohnten statt sich versteckten.
Das Geld lag noch auf dem Tisch. Bar, und immer noch da. Jeck hatte es zweimal weggeräumt und beide Male wieder hervorgeholt, weil es sich falsch anfühlte, etwas zu verstecken, das man endlich einmal hatte.
Dobs sah es an und dachte an eine kalte Wand.
Er saß am Stahlfenster, die Beine hochgezogen, und hätte es nicht sagen können, aber sein Körper wusste, wo die nächste Datenbuchse war. Andere Leute merkten sich, wo der Notausgang lag; er merkte sich das hier. Er brauchte kein Blech dafür. Er brauchte nur Ruhe und ein bisschen Wut, und beides hatte er.
Zweimal war er in den letzten drei Tagen bei den Uferkindern ins Netz gegangen, vorsichtig, nur an den Rändern — der Rückzug, den er sich in der Werkstatt-Nacht endlich beigebracht hatte. Er hatte nach dem Host gesucht, der ihn gesehen hatte. Nach dem, der jetzt irgendwo eine Karte führte, auf der vier Gesichter standen, die umgesprungen waren. Beide Male hatte er nichts gefunden, und das war das Schlimmste: nicht zu wissen, ob nichts da war oder ob er nur nicht gut genug hinsah.
„Du machst das Geräusch wieder“, sagte Mox.
Er saß in der Ecke, wo er seit drei Tagen saß, aufrecht, aber langsam, den Rücken an der warmen Ofenwand. Sein Gesicht hatte immer noch keine richtige Farbe. Wenn er sich bewegte, tat er es, als koste jede Bewegung Wechselgeld, das er nicht mehr hatte.
„Welches Geräusch?“
„Das mit den Zähnen.“ Mox trank einen Schluck von dem teuren Kaffee, ohne dass ihm anzusehen war, ob er ihn schmeckte. „Du willst nachsehen.“
Es hatte keinen Sinn, es abzustreiten. Mox las Leute, ohne dass sie den Mund aufmachten. „Sie kennen uns“, sagte Dobs. „Kolb hat es selbst gesagt. Der zählt Gesichter. Und ich —“ Er brach ab. „Ich hab denen die Tür gezeigt. In der Recon. Ich bin zu tief rein und der hat mich gesehen, und jetzt weiß ich nicht, ob er nur zufällig da war oder ob er seither weiß, dass jemand von uns —“
„Nein“, sagte Mox.
„Was, nein?“
„Nein, du gehst nicht nachsehen.“ Mox stellte den Becher ab, zwei Hände, vorsichtig, ein Mann, der wusste, was Fallenlassen kostete. „Ich weiß, wie das ist. Man liegt wach und hört die Wand ticken und denkt, wenn ich nur einmal hinschaue, dann weiß ich, woran ich bin. Und dann schaut man hin, und die Wand schaut zurück, und ab da weiß sie, dass man wach ist. Vorher hat sie es nur vermutet.“
Kerstin saß am anderen Tisch und zog einen Lappen durch die Teile ihrer Pistole, langsam, weil schnelle Bewegungen an der frischen Narbe zogen. Sie sagte nichts. Aber sie hörte auf zu wischen, und das war bei Kerstin fast dasselbe wie zustimmen.
„Wir sind das schon einmal durch“, sagte Jeck vom Ofen her. Er goss nach, für alle, auch für Dobs, der keinen wollte und ihn trotzdem nahm. „Nach dem Kurier. Da kannten uns auch welche. Vier Profis, lautlos, kannten unsere Gesichter. Und weißt du, was wir gemacht haben?“
„Nichts“, sagte Dobs.
„Nichts“, bestätigte Jeck, und es klang bei ihm wie eine Auszeichnung. „Wir sind Luft geblieben. Kein neues Gesicht, keine neue Legende, kein Umzug. Denn in dem Moment, wo du anfängst zu rennen, sagst du der anderen Seite: Ihr habt mich erschreckt. Und wer jemanden erschreckt hat, weiß, dass es sich lohnt weiterzudrücken.“ Er setzte sich, den Becher zwischen beiden Händen. „Solange wir nichts tun, sind wir eine Rechnung, die nicht aufgeht. Ein Team, das umgesprungen ist und dann verschwunden. Man jagt so was nicht. Zu teuer, zu langweilig.“
„Und wenn sie trotzdem kommen?“
„Dann kommen sie, ob ich nachsehe oder nicht.“ Mox’ Stimme war knapp und trocken und ließ keine Ritze offen. „Nachsehen verhindert es nicht. Es lädt es nur früher ein.“
Dobs zog die Knie enger. Es war leicht für die drei, das zu sagen. Sie mussten die Wand nicht in sich tragen. Für ihn war das Netz kein Ort, an den man ging — es lag hinter seinen Augen, immer, ein Zimmer, dessen Tür sich nie ganz schloss. Nichtstun hieß für die anderen: die Hände in den Taschen lassen. Für ihn hieß es, an einer offenen Tür zu sitzen und nicht hindurchzugehen.
Aber er sah Mox an, der drei Tage tiefer verletzt in der Ecke saß, weil er einen Preis übernommen hatte, den keiner von ihm verlangt hatte. Und er sah Kerstins Narbe, und das Geld auf dem Tisch, das diesmal liegen blieb. Alle hatten bezahlt. Der Einzige, der noch etwas verlangen wollte, war die Wand, und die bekam heute nichts.
Am Abend spielten sie Karten um Streichhölzer, weil das Geld auf dem Tisch zu echt war, um es einzusetzen. Jeck gewann, betrog dabei, wurde erwischt, gewann trotzdem. Mox schlief zwischendurch mit offenen Augen ein, was ein Schamanen-Trick war oder einfach Erschöpfung, und keiner weckte ihn. Es war, für ein paar Stunden, kein Team, das etwas schuldete oder etwas eintrieb. Nur vier Leute in einem warmen Raum, die für einmal nichts verloren.
Später lag Dobs auf der Pritsche und spürte die Tür hinter seinen Augen. Sie war offen, wie immer, und dahinter lag alles — die Register, die Ströme, die kalte glatte Fläche irgendwo da draußen, die vielleicht seinen Namen kannte und vielleicht nicht. Er brauchte nur hinzugehen. Ein Zug, weniger als ein Atemzug.
Er ging nicht.
Er blieb, wo er war, auf seiner Seite, und ließ die Wand eine Wand sein und sich selbst nichts — kein Suchender, keine Spur, keine Maus, die an ihr kratzte. Niemand-sein hatte Sommer bis über die Gleise gebracht. Es würde auch ihn durch die Nacht bringen. Draußen atmete das Team im Schlaf, ungezählt, und Dobs zählte mit, bis er selbst dazugehörte.