Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 027 — Der Schuldner

Brandt rief nie an. Brandt schrieb, und er schrieb wenig. Der Fleischer sitzt bei mir. Fragt nach der mit der Klinge, die vor Schüsse springt. Zahlt sein Bier selbst. Das war die ganze Nachricht, und Jeck brauchte keine längere.

Der Fleischer war Halm. Die mit der Klinge war Kerstin. Und dass Halm sie über eine drei Jahre alte Geschichte suchte statt über einen Preis, hieß nur eines: Es ging um die Schuld, nicht um Arbeit.

Jeck ging trotzdem allein. Man schickte den Gläubiger nicht zu dem, der um etwas bat — das machte die Bitte teuer, ehe sie ausgesprochen war. Man schickte den, der zuhörte.

Halm saß im hintersten Winkel der Schleuse, den Rücken an der Wand, den Blick auf die Tür, und das war schon die halbe Geschichte. Halm verließ seinen Keller nicht. Ein Ripper-Doc, der bei Tageslicht in einer Hafenkneipe hockte und das Bier selbst bezahlte, hatte unten etwas gefunden, mit dem er nicht mehr allein sein wollte.

„Sie schicken den Redner“, sagte Halm, als Jeck sich setzte. „Nicht die Klinge. Schade. Ich hätte lieber wen gehabt, der was tut, als wen, der was sagt.“

„Die Klinge tut nichts umsonst“, sagte Jeck. „Der Redner manchmal. Kommt drauf an, was Sie zu sagen haben.“

Halm drehte das Glas in den Fingern. Die Hände waren ruhig genug, aber sie waren zu ruhig. Er hielt sie fest, damit man nicht sah, dass sie es sonst nicht gewesen wären. „Ich hab ein Inventarproblem“, sagte er. „So nenn ich das. Klingt besser als das andere Wort.“

„Welches andere Wort?“

„Enteignung.“ Er trank. „Es sind Leute in Nordost. Von drüben, von der Maas. Vor einem halben Jahr noch niemand, jetzt gehört ihnen der Kaltware-Handel zwischen Hafen und Grenze. Sie schneiden Ware aus Leuten, die keiner vermisst, machen sie sauber, verkaufen sie nach oben weiter. Für das Saubermachen brauchen sie einen Keller mit einem Tisch und einen Mann, der weiß, wo die Nerven sitzen.“ Er hob das Glas ein Stück, als stieße er an. „Ich hab so einen Keller. Ich bin so ein Mann. Sie finden, das passt zu gut, um mich zu fragen.“

„Sie haben nein gesagt.“

„Ich häute Leute, die auf meinen Tisch kommen und wieder runter wollen“, sagte Halm. „Ich häute keine, die schon tot reingetragen werden, damit ihr Chrom weiterlebt. Das ist ein Unterschied, den außer mir keiner mehr wichtig findet, aber es ist meiner.“ Er stellte das Glas ab. „Sie haben mir eine Frist gegeben. Und damit ich sie ernst nehme, haben sie mir was auf den Tisch gelegt. Nachts. Bei verschlossener Tür — die kommen durch verschlossene Türen, das war die eigentliche Nachricht.“

„Was lag da?“

„Ein Kollege.“ Halm sagte es flach. „Einer, der auch nein gesagt hat, in Krefeld. Ordentlich aufgemacht, alles Brauchbare raus, sauber gearbeitet, muss ich zugeben. Mit einem Zettel drin, wo bei mir die Brieftasche sitzt. Sie wollten, dass ich weiß: Sie wissen, wie ich von innen aussehe.“

Jeck sagte eine Weile nichts. Ein Trupp, der einen sturen Keller-Doc wollte, brach ihm ein Fenster ein oder zündete den Verschlag an. Man legte keinen ausgeweideten Kollegen mit Landkarte hin, nicht für ein bisschen Saubermacher-Arbeit. Man tat das, wenn man etwas Bestimmtes brauchte und keine Zeit mehr für Höflichkeit hatte. Halm erzählte ihm die halbe Geschichte, und Jeck war ziemlich sicher, dass Halm die andere Hälfte selbst noch nicht ganz sah.

Er sagte nichts davon. „Was bieten Sie.“

„Was ich hab.“ Halm zählte es an den Fingern ab, geschäftig, weil Geschäftigkeit besser klang als Betteln. „Kaltware auf Kredit, ein Jahr, ohne Aufschlag. Diskrete Medizin für Ihre Leute, wenn mal einer ein Loch hat, das kein Amt sehen soll. Ich richte Ihnen was, das andere nicht mehr hinkriegen. Bar hab ich —“ Er brach ab und sah in sein Glas. „Bar hab ich, was für einen wie Sie kein Geld ist.“

Und da war es, das, weswegen er sie über Kerstins alten Streifschuss gesucht hatte und nicht über einen ehrlichen Preis. Halm konnte nicht sagen, ich schulde euch was, ich brauche es zurück. Ein Mann, der in Ersatzteilen dachte, hatte keine Worte für eine Schuld, die man nicht in bar begleichen konnte. Also versuchte er, sie sich als Auftrag zu kaufen, damit sie wieder eine Rechnung wurde, mit der er umgehen konnte.

Das Team brauchte Halms Kaltware nicht. Das Geld lag daheim noch auf dem Tisch, und keiner musste diesen Winter ein fremdes Chrom auf Kredit tragen. Genau deshalb konnte Jeck es sauber nehmen — es gab nichts, das die Sache verbog. Kein Vorschuss, den man nachher nachzählte. Nur eine Schuld, die einmal in die richtige Richtung lief.

„Sie wissen, dass Sie uns nichts schulden würden“, sagte Jeck leise. „Wenn Sie es einfach fragen. Kerstin ist damals nicht für eine Rechnung vor den Schuss gegangen. Es gab keine. Sie ist gegangen, weil sie das ist.“

Halm sah ihn an, und für einen Moment fiel das Feilschen weg, und darunter war nur ein alter, müder Mann, der zu lange allein in einem Keller mit anderer Leute Teilen gesessen hatte. „Ich häute Leute, seit ich denken kann“, sagte er. „Teil rein, Teil raus, und jeder Teil hat einen Preis. Und jetzt sitz ich hier und bin selber das Stück, das keiner mehr will und keiner ganz wegwirft. Kommt ihr, weil ich blute? Oder muss ich erst richtig bluten, damit das bei euch eine Rechnung wird, die ihr bezahlt?“

„Sie müssen nicht bluten“, sagte Jeck, und es war eine von den seltenen Zeilen, die er nicht spielen musste, weil sie stimmte. „Genau das ist der Punkt. Deswegen kommen wir. Nicht weil auf dem Tisch was liegt, sondern weil damals eine für Sie was riskiert hat, ohne dass jemand sie schuldig gemacht hätte. So was gibt man nicht zurück, indem man es kauft. Man gibt es zurück, indem man mal daneben steht, wenn es einen trifft.“

Er stand auf und ließ das Bier stehen, das er nicht bestellt hatte. „Wann läuft die Frist?“

„Freitag.“ Halm sagte es, als spucke er einen Zahn aus. „Fünf Tage. Danach kommen sie nicht mehr fragen.“

„Dann sehen wir uns Ihren Keller an, bevor Freitag jemand anders ihn sich ansieht.“ Jeck knöpfte den Mantel zu. „Räumen Sie nichts weg, was Ihnen komisch vorkommt. Das Komische ist meistens das, weswegen sie wirklich kommen.“

Halm lachte, kurz und ohne Freude, und schob sich aus der Bank. „Bei mir kommt einem alles komisch vor, Junge. Ich verkauf Körperteile im Keller. Nur die letzten paar Wochen —“ Er hielt inne, und Jeck sah, wie ihm eine Frage durch den Kopf ging, die er sich selbst noch nicht gestellt hatte. „Die letzten paar Wochen kommt mir einer davon komischer vor als der Rest.“