Kapitel 028 — Kaltes Chrom
Die Treppe in Halms Keller hatte zwölf Stufen, und Kerstin brauchte keine Lampe für eine einzige davon. Ihre Augen schalteten im Dunkeln um, bevor der Kopf es merkte — aus Schwarz wurde ein grünliches Grau, in dem die Stufen jede ihre eigene Kante behielt, und darunter, als zweite Schicht, die Wärme. Halm oben in der Tür war ein warmer Umriss. Alles unter ihr war kalt.
Jeck war im Wagen geblieben, zwei Straßen weiter, mit Blick auf beide Enden der Gasse. Ich rede oben, du siehst unten, hatte er gesagt, und das war die richtige Aufteilung. Was in diesem Keller stimmte oder nicht stimmte, las man nicht mit Worten.
Der Raum roch nach Kälte und Desinfektion und darunter nach etwas Süßlichem, das die Desinfektion nicht ganz wegbekam. An den Wänden standen Kühlkisten, alte Modelle, an ein Werksnetz geklemmt, das niemand mehr wartete. Auf Regalen lagen Teile in beschrifteten Beuteln. Für Kerstins Wärmebild war der ganze Raum tot — kein einziger warmer Fleck außer Halm und ihr selbst und einer Kaffeemaschine, die seit Stunden auf niemanden wartete.
„Willkommen im Lager“, sagte Halm. Er blieb an der Treppe stehen, die Hände in den Kitteltaschen, und versuchte, das für Gastfreundschaft zu verkaufen. „Nicht anfassen, was in den Beuteln ist. Manches davon hat noch einen Besitzer, der es abholt.“
„Und der Rest?“
„Der Rest hat einen Preis.“ Er zuckte die Schultern. „Ein Bein, ein Arm, ein Auge. Jemand braucht immer was. Ich bin die Sparkasse für Leute, die keiner Bank ein Gesicht zeigen dürfen.“ Er sagte es geschäftig, weil geschäftig besser klang als das, was seine Schultern die ganze Zeit taten — sich hochziehen, jedes Mal, wenn oben ein Wagen durch die Gasse fuhr.
Kerstin ging langsam an den Regalen entlang. Sie kannte Chrom. Sie trug genug davon, um zu wissen, was gutes von schlechtem unterschied, ohne dass jemand es ihr erklären musste. Das meiste hier war schlecht — abgenutzte Straßenware, ausgeschlachtet, verkratzt, die Seriennummern rausgefeilt oder gar nicht erst dagewesen. Ersatzteile für Menschen, die sich Ersatz zweiter Wahl leisteten. Nichts davon war einen ausgeweideten Kollegen aus Krefeld wert.
Auf dem mittleren Tisch war der Stahl frisch geschrubbt, heller als der Rest der Platte. Kerstin sah nicht lange hin. Sie wusste, was dort gelegen hatte, und sie wusste, dass Halm es zwei Tage lang mit Bleiche bearbeitet hatte und der helle Fleck trotzdem blieb.
Vor drei Jahren war sie für diesen Mann vor einen Schuss gegangen. Nicht für eine Rechnung — es hatte keine gegeben, damals nicht. Sie war gegangen, weil ein Alter mit erhobenen Händen zwischen ihr und einem Lauf gestanden hatte und das die einzige Bewegung war, die sie kannte. Sie sentimentalisierte es nicht. Der Erzähler in ihrem Kopf tat es auch nicht. Aber sie sah jetzt, was aus dem Alten geworden war, seit sie ihn das letzte Mal aufrecht gesehen hatte, und irgendwo hinter dem Chrom in ihren Augen zog etwas.
„Sie haben gesagt, einer kommt Ihnen komischer vor als der Rest“, sagte sie. „Zeigen Sie mir den.“
Halm zögerte. Das Feilschen fiel für einen Atemzug weg, und darunter war nur Angst, nackt und ohne Preisschild. „Ich hab so ein Gefühl, wissen Sie“, sagte er. „Nach dreißig Jahren riecht man, wenn ein Teil einem Ärger machen will. Und dieses hier —“ Er ging zur hintersten Kühlkiste, der mit dem eigenen Schloss, und drehte den Griff. „Dieses hier riecht die ganze Zeit.“
Er nahm einen Beutel heraus und legte ihn auf den frisch geschrubbten Fleck, weil er keinen anderen freien Platz hatte, und das war eine Grausamkeit, die er selbst nicht bemerkte.
Kerstin sah ihn an, bevor sie das Teil ansah. „Wo kommt es her.“
„Von einem, der lebte“, sagte Halm schnell, fast beleidigt. „Ich nehm keine Toten rein, das hab ich Ihrem Redner gesagt. Der kam auf eigenen Beinen. Vor sechs, sieben Wochen. Wollte was raus haben, aus dem Kopf, und wollte, dass es danach nicht mehr existiert. Hat das Dreifache gezahlt fürs Nicht-mehr-Existieren.“ Halm rieb sich den Nacken. „Ich hab’s rausgenommen. Sauber, er hat nichts gemerkt. Und dann —“
„Und dann haben Sie’s behalten.“
„Jeder Teil hat einen Preis.“ Er sagte es leise, und zum ersten Mal klang der Satz nicht nach einem Geschäftsmann, sondern nach einer Krankheit. „Ich kann nichts wegwerfen. Nie gekonnt. Ich wollt’s ausbauen, die brauchbaren Sachen verkaufen, den Rest verschrotten. Aber ich hab’s nicht ruhig gekriegt.“
Kerstin schaltete das Restlicht weg und ließ nur das Wärmebild stehen.
Der ganze Keller war kalt. Die Kisten kalt, die Beutel kalt, die abgeschraubten Arme und Beine, alles auf der Temperatur des Steins ringsum. Nur zwei Dinge in diesem Raum gaben Wärme ab, hatte sie gedacht, sie und Halm.
Es waren drei.
In dem Beutel auf dem Tisch, mitten im toten Chrom, saß ein schwacher, geduldiger Fleck, nicht viel wärmer als die Luft, aber wärmer, als etwas Ausgebautes nach sieben Wochen im Kühlschrank sein durfte. Etwas darin lief noch. Zog seit sieben Wochen einen dünnen Faden Strom aus irgendeiner Reserve, die längst hätte leer sein müssen, und hielt sich am Leben, ohne dass jemand es angeschlossen hätte.
„Deshalb kriegen Sie’s nicht ruhig“, sagte Kerstin. „Es ist nicht aus.“
Sie beugte sich über den Beutel, schaltete das Restlicht wieder dazu und sah das Teil zum ersten Mal richtig. Ein Kopfspeicher, kompakt, das Gehäuse ohne Kratzer, ohne rausgefeilte Nummer — im Gegenteil, die Prägung war noch da, sauber, ein Werkscode und darunter eine zweite Kennung, die kein Straßendoc je zu Gesicht bekam. Kein Ausschuss. Nichts, das ein Mensch trug, der bei Halm das Dreifache fürs Verschwinden zahlte. Das war Ware, die in einem Kopf saß, den ein Konzern gebaut und bezahlt hatte, bis der Kopf weggelaufen war.
Und es war verriegelt. Voll, versiegelt, nie gelöscht. Straßenware wischte man leer und verkaufte sie blank weiter — ein leerer Speicher war Geld, ein voller war Ärger. Dieser hier hatte den Ärger behalten und lief weiter, sieben Wochen lang, allein im Dunkeln, und wartete auf jemanden, der ihn öffnete.
Kerstin richtete sich auf. Halm sah sie an, wehleidig und hoffnungsvoll zugleich, ein alter Mann, der darauf wartete, dass ihm jemand sagte, sein Gefühl sei Unsinn.
„Sie haben nicht einen sturen Keller behalten“, sagte sie. „Sie haben das hier behalten. Und irgendwer da draußen weiß, dass es nie aufgehört hat zu senden — leise, aber genug. Deshalb kommen sie durch verschlossene Türen. Nicht wegen Ihres Tisches, Halm. Wegen dem, was noch wach ist in Ihrem Kühlschrank.“
Sie nahm den Beutel vom hellen Fleck, weg von der Stelle, wo der Kollege gelegen hatte, und hielt ihn ins Wärmebild. Der kleine, geduldige Fleck darin gab seine Wärme zurück, schwach und unbeirrt. Totes Chrom gab nichts zurück. Dieses hier tat es seit sieben Wochen — und wartete.