Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 029 — Leuchtfeuer

Der Beutel lag mitten auf dem Tisch, im Kegel der einen Lampe, die Jeck nachts nie ausmachte, und Dobs saß seit einer halben Stunde davor, ohne ihn anzufassen.

Er kannte das Netz. Das Netz war weit und laut und voller Türen, und wenn er hineinging, war er auf eine Weise zu Hause, die er keinem erklären konnte. Das hier war das Gegenteil. Ein Ding, klein genug für eine Handfläche, abgetrennt von allem, an kein Kabel geklemmt, an keinen Host. So etwas gehörte still zu sein. Ein ausgebauter Speicher war ein Stein.

Dieser war kein Stein.

Kerstin lehnte an der Wand, die Arme verschränkt. Sie hatte das Teil aus Halms Keller getragen, in zwei Tüten und einer Kühlkiste, weil sie ihm nicht über den Weg traute, und jetzt wollte sie wissen, was sie getragen hatte. „Kriegst du’s auf?“

„Anschauen kann ich’s“, sagte Dobs. „Aufmachen ist was anderes. Das ist kein Türschloss. Das ist eine Konzern-Naht.“

„Dann schau.“

Aus der Ofenecke kam kein Wort. Mox saß dort, in eine Decke gewickelt, blass und wach, und heilte an etwas, das langsamer heilte, als es ihm lieb war. Er sah nur zu. Aber als Dobs die Finger endlich an den Beutel legte, sagte Mox leise: „Es hat sieben Wochen gewartet. Es hat keine Eile. Hab du auch keine.“

Das war fast schon eine Rede, für Mox.

Dobs schloss die Augen und ging nicht ins Netz. Er reichte nur hin.

Hinter seiner Stirn wurde die Datenbuchse warm, und der leise Ton, den außer ihm keiner hörte, hob an. Seine drei rührten sich — der Späher, der Gräber, der Stille. Er hatte sie nie ganz Programme nennen können, auch wenn er wusste, dass es welche waren. Den Späher und den Gräber ließ er ruhen. Er schickte nur den Stillen vor, den, der nichts aufriss und nichts ausgrub, der sich danebenlegte und horchte.

Normalerweise brauchte man ein Kabel, eine Buchse, einen Reader — irgendein Blech, das einem toten Speicher Strom gab und ihn zum Reden zwang. Dobs brauchte das nicht, und zwar aus einem einzigen Grund. Das Ding gab schon Strom von selbst. Es sendete. Ein dünner, gleichmäßiger Faden, seit Wochen, so leise, dass ein Reader ihn übersehen hätte — aber Dobs war kein Reader. Er hörte die leisen Sachen. Er folgte dem Faden nach innen, so weit er ihn ließ.

Da war eine Wand. Sofort, glatt, kalt, ohne Kante, an der man ansetzen konnte. Er tastete sie ab, ohne zu drücken. Früher hätte er gedrückt — eine Schicht tiefer, noch eine, bis irgendwas nachgab oder ihn ansah. Er drückte nicht mehr. Er wusste inzwischen, was passierte, wenn man an einer Konzern-Wand eine Schicht zu tief ging, und er hatte nicht vor, es dem Ding auf dem Tisch beizubringen. Er blieb außen und las, was außen zu lesen war.

Und die Wand war nicht das Interessante. Interessant war, was sie tat, während sie ihn nicht hineinließ. Sie atmete. In Abständen, sauber getaktet, schob sie ein kleines Paket nach draußen, immer dasselbe, immer in dieselbe Richtung — nicht ins Leere, sondern hinaus, an jemanden, der zuhörte. Keine undichte Stelle. Kein Speicher, der langsam ausblutete. Das war Absicht. Das Ding rief.

Dobs blieb ganz ruhig, weil sein Körper wusste, dass Ruhe das Einzige war, was ihn hier nicht verriet, und sah dem Rufen zu. Was in den Paketen stand, konnte er nicht lesen; das lag hinter der Naht, und die Naht war teurer, als er allein bezahlen konnte. Aber er musste es nicht lesen. Er musste nur zählen. Und als er zählte, wurde ihm kalt.

Am Anfang, vor sieben Wochen, war der Takt langsam gewesen. Ein Ruf, dann lange nichts, dann wieder einer. Über die Wochen waren die Abstände kürzer geworden, Stück für Stück, so leise verschoben, dass es keinem aufgefallen wäre, der nicht den ganzen Verlauf auf einmal vor sich hatte. Und in den letzten Tagen war der Takt schnell geworden. Nicht mehr ein Ruf und langes Warten. Ruf. Ruf. Ruf.

Er zog sich zurück, Schicht um Schicht, ohne Hast, und ließ los. Die Buchse kühlte ab, der leise Ton verstummte, und der Raum kam zurück — der Ofen, die Lampe, Kerstin an der Wand, Mox in seiner Decke.

„Und?“, sagte Kerstin.

Dobs rieb sich die Augen, obwohl da nichts zu reiben war; die Gewohnheit war älter als der Grund. „Halm hat gedacht, das Ding blutet aus“, sagte er. „Tut es nicht. Es ruft. Seit sieben Wochen sagt es jemandem da draußen, wo es liegt — leise, getaktet, immer wieder. Deshalb kommen sie durch verschlossene Türen. Sie müssen nicht suchen. Es sagt’s ihnen selber.“

Kerstin löste die Arme von der Brust. „Dann bringen wir’s weg. Woandershin.“

„Das ändert nichts an dem, was schon rausgegangen ist. Sie haben die Stelle. Seit Wochen.“ Er sah auf den Beutel, und das Kalte in ihm wurde nicht wärmer. „Und es ruft schneller als am Anfang. Viel schneller, seit ein paar Tagen. So was macht ein Ding nicht von allein. So was macht es, wenn am anderen Ende einer zuhört und dichter rankommt.“

Mox in der Ecke bewegte sich nicht, aber seine Stimme war eine Spur wacher. „Freitag“, sagte er.

„Freitag ist höflich.“ Dobs schüttelte den Kopf. „Freitag ist, was man einem alten Mann sagt, damit er ruhig sitzen bleibt, bis man da ist. Das Ding hält sich nicht an Halms Frist. Es hat seine eigene.“

Niemand sagte etwas. Der Ofen knackte. Kerstin sah zur Tür, kurz, die Rechnung im Kopf, die sie immer im Kopf hatte — wie viele Wege rein, wie viele raus.

Dobs streckte die Hand aus und legte zwei Finger auf den Beutel, nicht um hineinzugehen, nur um nachzufühlen, ob er es sich eingebildet hatte. Er hatte es sich nicht eingebildet. Unter dem Stoff, unter dem Gehäuse, tief in dem kleinen wachen Ding, lief es weiter, geduldig und gleichmäßig und einen Takt schneller als vorhin. Es hatte ihn nie gebraucht. Es hatte nie auf ihn gewartet. Es rief nach jemand anderem — und der war fast da.