Kapitel 031 — Abschluss
Halm saß in einem Hinterzimmer über einer Kneipe in Grimlinghausen, die einem Cousin von Brandt gehörte, und war zum ersten Mal seit Wochen nicht die Adresse, die ein Ding jedem zuschrie, der ein Ohr dafür hatte. Jeck hatte ihn hingefahren, ohne Umweg, und ihm nicht erklärt, warum sein Keller ab heute jemand anderes Sorge war. Neben dem Alten döste Mox auf einer Bank, blass, noch nicht feldtauglich, in eine Decke gewickelt, die nicht ihm gehörte. Beide in Sicherheit. Das war der leichte Teil gewesen.
Der schwere lag noch im Beutel, und der Beutel rief.
Kerstins Satz stand seit dem Morgen im Raum. Nicht hier, und nicht umsonst. Den ersten Teil mochte Jeck. Der zweite gehörte ihm.
Man gewann nicht mit Blei gegen einen, der nachzählte, was er ausgab — das hatte Kerstin über dem Toten im Aufgang gelesen, und Jeck glaubte ihr aufs Wort. Gegen so jemanden gewann man nicht, indem man teurer wurde, als er zahlen wollte. Man gewann, indem man ihm den billigsten Ausgang hinlegte und ihn selbst rechnen ließ.
„Wir laden ihn ein“, hatte Jeck am Morgen gesagt. „Das Ding ruft ohnehin. Dann soll es dahin rufen, wo wir stehen und nicht er.“
Kerstin suchte die Halle aus, eine tote Lagerhalle am Hafen, in der seit einem Jahrzehnt nichts umgeschlagen wurde außer Regenwasser. Zwei Tore, ein Laufgang über der Verladerampe, von dem aus sie alles sah und aus dessen Dunkel niemand sie. Dobs trug den Beutel in die Mitte und legte ihn ins einzige Licht, damit die frischen Rufe genau dorthin zeigten, unter Kerstins Rampe. Dann setzte er sich mit dem Rücken an einen Pfeiler und hörte dem Ding zu, das keiner sonst hörte.
„Er kommt“, sagte er nach einer Stunde. „Ein Wagen. Langsam. Vorsichtig.“
Jeck zog das Jackett gerade, das heute einem Mann namens Wende gehörte, und ging ins Licht.
Der Graue, der hereinkam, ließ zwei Stille an den Toren stehen und kam allein weiter, die Hände frei. Er sah sich in der Halle um, ohne dass ihm etwas ins Gesicht stieg — nicht die Rampe, nicht der Beutel, nicht Jeck. Er suchte den Raum nach Ausgängen und Kosten ab und schrieb, so wirkte es, beides in dieselbe Spalte.
„Es ist ein Aufbau“, sagte er. Kein Vorwurf. Eine Feststellung.
„Natürlich ist es einer.“ Jeck ließ die Hände sehen. „Ein Aufbau, an dessen Ende Sie mit weniger Ärger rausgehen, als Sie reingekommen sind. Rechnen Sie’s nach, bevor Sie’s Ihren Leuten am Tor überlassen.“
Der Graue blieb stehen. „Nennen Sie mich Merten, wenn Sie einen Namen brauchen. Ich kaufe nicht. Ich schließe eine Position.“
„Ich weiß. Deshalb komme ich Ihnen entgegen.“ Jeck ließ die Ruhe in der Stimme, die er immer hatte, weil sie das Einzige war, was durch jeden seiner Namen hindurch gleich blieb. „Der Kopf, aus dem das da stammt, ist weggelaufen und wollte nicht gefunden werden, nicht mal von sich selbst. Er hat einem Ripper das Dreifache gezahlt, damit das Ding aufhört zu existieren. Der Ripper konnte nichts wegwerfen und hat’s behalten, und seit sieben Wochen brüllt es Ihre Wäsche in den Hafen, an jeden, der zuhört. Sie wollen es nicht in einem Safe. Sie wollen es still. Ich verkaufe Ihnen Stille.“
Zum ersten Mal blieb Merten einen Takt zu lang ruhig. Nicht erschrocken. Nachrechnend.
„Die von der Maas wollten es in einen Safe legen“, sagte Jeck. „Nach oben weiterverkaufen, an den Nächsten mit einem Ohr. Das ist Ihr Problem, das weiterlebt und mit jeder Woche teurer wird. Ich mache es heute zu null, vor Ihren Augen. Der Preis ist kleiner als eine zweite Nacht wie die in meiner Bude.“
„Und der besteht?“
„Sie nehmen die Hand von dem Alten aus dem Keller. Der ist ab heute Luft, den kennen Sie nicht. Sie pfeifen die Maas von ihm weg — die hören auf Sie, sonst hätten die uns nicht ihre Leute geborgt. Und Sie legen etwas Bares dazu, weil meine Partnerin gesagt hat, nicht umsonst, und ich tue, was meine Partnerin sagt.“
Merten sah zum ersten Mal zum Beutel. „Ich habe zwei Leute am Tor. Ich könnte es mitnehmen und nichts dazulegen.“
„Könnten Sie.“ Jeck nickte, als hätte der andere etwas Vernünftiges gesagt, denn er hatte. „Dann geht mein Junge da hinten in dem Moment, in dem es laut wird, ein letztes Mal an das Ding. Und das Letzte, was es tut, bevor es zerbricht, ist schreien — alles auf einmal, ungetaktet, an jedes Ohr im Hafen gleichzeitig. Sie bekämen es dann auch. Nur nicht still. Sie hätten einen Sack Blech und eine Stadt voll Leute, die gerade gehört haben, was drinstand. Halten Sie das gegen ein paar Scheine und ein Wort an die Maas.“
Es war zur Hälfte gelogen. Dobs kam an die Naht nicht heran; das letzte Paket würde niemand entziffern. Aber Merten wusste das nicht, und ein Mann, der Kosten in Spalten schrieb, kaufte keine Zeile, deren Ausgang offen war, wenn die andere sauber und billig danebenlag.
Er rechnete. Man sah es nicht am Gesicht; man sah es daran, dass er eine ganze, lange Minute nichts tat, während das Ding unter der Rampe weiterrief.
„Schließen wir“, sagte er.
Kerstin kam die Rampe herunter und kippte das Ding aus dem Beutel auf den Beton ins Licht — ein Stück Gehäuse, kaum größer als ein Daumen, unscheinbar für etwas, das eine Woche lang alle wachgehalten hatte. Sie setzte den Absatz darauf, mit ihrem Gewicht und dem, was der Chrom dazugab, und drehte, bis kein Gehäuse mehr da war, nur Splitter und ein feiner, bitterer Geruch.
Dobs’ Kopf hob sich. Er lauschte auf etwas, das aufgehört hatte. „Still“, sagte er, und da war etwas fast Ungläubiges darin, weil er dem Ding zugehört hatte, das seit sieben Wochen nicht aufgehört hatte, und sich der Raum jetzt anders anfühlte. „Zum ersten Mal ist es still.“
Merten hob zwei Finger ans Ohr, hörte seinem eigenen Horcher zu und ließ die Hand wieder sinken. Die Position war zu, in beiden Büchern. Einer der Stillen legte einen Umschlag auf eine leere Palette und trat zurück. Es war nicht viel. Es war nicht umsonst.
„Den Alten kennen Sie nicht mehr“, sagte Jeck.
„Ich kenne viele Leute nicht.“ Es war weder Drohung noch Versprechen, nur ein Satz, der galt, solange er sich rechnete. Merten ging, die beiden Stillen mit ihm. Draußen sprang ein Motor an, kaum zu hören, und wurde leiser.
Kerstin schob den Umschlag mit dem Fuß zu Jeck, ohne ihn zu zählen. Durch die hohen Fenster wurde es hell.
Jeck steckte das bisschen Geld ein und dachte an die zwei Spalten, die Merten überall sah. In der einen stand jetzt ein alter Ripper, der wieder in seinem Keller schlafen konnte, ohne dass über ihm ein Ding seine Adresse buchstabierte — und der ihnen schuldete, was man nicht in bar zurückgab, sondern indem man mal danebenstand, wenn es einen traf. In der anderen stand das Team: sauber abgeschlossen, bezahlt, und eingetragen. Männer wie Merten warfen nichts weg. Sie hoben jede Zeile auf, auch die erledigten, für den Fall.
Die Bude war verbrannt, und in einem grauen Buch stand ihr Name jetzt unter geschlossen — kompetent, teuer genug, es beim nächsten Mal woanders zu versuchen. Dafür würde Halm leben, in einem Keller, der keine Adresse mehr war. Und das Ding, das nicht hatte aufhören können zu rufen, war endlich das, was ein ausgebauter Speicher sein sollte.
Ein Stein. Still.
Für einen Job, der mit einer Schuld angefangen hatte und ohne einen einzigen Schein hätte enden sollen, dachte Jeck, war das ein ordentlicher Abschluss. In beiden Büchern.