Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 032 — Nichts wert

Die Bude roch noch nach ihnen, und das war das Problem.

Mox stand in der Tür des alten Speditions-Obergeschosses und sah, was ein Fremder sähe: zwei Matratzen, den kalten Ofen, Jecks Lampe, die Kerbe im Türrahmen, wo Kerstin vor Monaten einmal einen Wimpernschlag zu schnell gewesen war. Ein Jahr Miete steckte in diesen Wänden, im Voraus bezahlt, damals, als sie sich entschieden hatten zu bleiben statt zu rennen. Es hatte sich richtig angefühlt, und es war auch richtig gewesen. Nur stand die Adresse jetzt in einem grauen Buch, und die Leute von der Maas kannten sie ebenfalls, und eine Wohnung, die der Feind kennt, ist kein Versteck mehr. Sie ist ein Briefkasten.

„Wir geben sie nicht auf“, sagte Jeck. Er saß auf der Fensterbank, den Mantel noch an, und trank aus einer Tasse, die er nicht mitnehmen würde. „Ein Jahr bezahlt. Und eine Adresse, die sie ohnehin schon haben, ist die Einzige, die uns nichts mehr kostet, wenn einer draufschaut.“

Mox begriff, wohin das lief, bevor Jeck es aussprach. Snake mochte den Gedanken. Man verbarg eine Sache nicht am besten, indem man sie wegtrug — man verbarg sie, indem man etwas Auffälligeres danebenstellte, auf das alle sahen.

„Die Bude bleibt bewohnt genug, dass sie lebt“, sagte Jeck. „Ein Licht, das an- und ausgeht, Post, die jemand holt. Wenn einer nachsieht, findet er vier Leute, die zu bequem zum Umziehen waren. Und wir schlafen woanders.“

„Und woanders ist wo“, sagte Kerstin. Sie stand schon an der Tür, den Beutel über der Schulter. Sie hing an keinem Raum.

„Das“, sagte Jeck und stand auf, „zeige ich euch jetzt.“

Das Woanders lag in Weckhoven, am Rand, über einer Werkstatt, die Rasenmäher und Kettensägen reparierte und im Winter halb leer stand. Man ging durch einen Hof, in dem altes Öl und nasses Laub den Boden schwarz machten, eine Außentreppe hoch, in zwei Zimmer, die nach nichts rochen. Keine Kerbe im Türrahmen. Keine Matratze, die sich jemanden gemerkt hatte. Ein Raum, den man verlassen konnte, ohne dass er einem nachsah.

„Wem gehört’s“, fragte Mox. Es war das Erste, was er sagte, seit sie losgefahren waren. Reden kostete auch etwas, und er zählte in diesen Tagen jeden Schein.

„Einem, der einem etwas schuldet, der mir etwas schuldet“, sagte Jeck. „Drei Ecken weit weg von jedem Namen, den wir tragen. Bar, monatlich, keine Papiere. Er weiß nicht, wer wir sind, und er will es nicht wissen. Das ist der ganze Deal — dass keiner den anderen fragt.“

Mox ging durch die zwei Zimmer, langsam, weil schnell nicht ging. Er tat das, was ihn nichts kostete: er sah hin, richtig hin.

Der Astralraum lag über den Zimmern. Er lag über allem, sobald Mox die Augen dafür öffnete — und das war nur Sehen, das nahm ihm nichts. Kein Nachhall in den Wänden. Hier war keiner vor Angst gestorben, keiner hatte lange genug gehasst, dass etwas blieb. Der Ort war so leer, wie ein Ort nur sein konnte, an dem seit Jahrzehnten nichts geschah außer Motoren, die wieder ansprangen. Gut. Leer war gut. Leer sah niemand an.

Er hätte mehr tun können. Er wusste, wie man einen Raum stiller machte, als er ohnehin war — einen dünnen Schleier legte, an dem ein suchender Blick von der Tür abglitt, ohne zu merken, dass er abglitt. Er spürte die Formel am Rand liegen, griffbereit. Und er spürte den Riss hinter den Augen, der noch nicht zu war, und wusste ohne Nachdenken, dass die Formel ihn wieder aufziehen würde, und ließ sie liegen. Sehen war umsonst. Alles andere trug einen Preis, den er gerade nicht bezahlte.

Das war der Teil, den keiner sah, wenn er langsam durch ein leeres Zimmer ging. Er konnte den Raum lesen. Schützen konnte er ihn nicht. Noch nicht.

Kerstin hatte die Zimmer unterdessen anders gelesen als er. Sie stand am Fenster zum Hof und maß mit den Augen, was Mox nicht sah: die Sichtlinie von der Außentreppe, den toten Winkel hinter dem Schornstein, die zweite Tür, die auf ein Flachdach ging und von dort in die Gasse. Ihre Cyberaugen taten die Arbeit im Halbdunkel des leeren Raums, ohne dass sie Licht brauchte.

„Zwei Wege raus“, sagte sie. „Der Hof allein wäre einer zu wenig, aber das Dach gleicht es aus.“ Sie sah sich noch einmal um und traf dann eine Entscheidung, die sie nicht zur Abstimmung stellte. „Du schläfst da.“ Sie deutete auf die Ecke am weitesten von beiden Türen, Wand im Rücken, Ofen daneben. „Wer kein Blech hat, gehört nach innen. Das ist die Rechnung, nicht die Höflichkeit.“

Mox sagte nichts. Er nahm die Ecke. Sie war die richtige Ecke, aus jedem Grund, den Kerstin genannt hatte, und aus einem, den sie nicht genannt hatte und er auch nicht.

Dobs meldete sich vom Stamm her über Comm, wo er seit dem Morgen bei Gesa saß. Er hatte die Adresse durch das gedreht, was man von außen über sie finden konnte — Meldeamt, Netz, die kleinen Spuren, die eine Wohnung im System hinterlässt. „Sauber“, sagte er in Mox’ Ohr, und man hörte, dass ihm der Befund gefiel. „Der Laden unten zahlt Strom für beide Etagen. Keiner fragt, warum oben mehr läuft. Ihr seid da nicht verzeichnet. Also seid ihr da.“ Sechzehn oder neunzehn, Mox wusste es nie genau, und in solchen Sätzen hörte man das Alter.

Sie trugen nichts hinüber an diesem Tag. Das war die Regel, die keiner aussprechen musste: Man richtete das neue Zimmer nicht ein. Ein eingerichtetes Zimmer war ein Zimmer, an dem ein Herz hing, und ein Herz hatte eine Adresse. Zwei Decken, ein Wasserkanister, sonst nichts. Der Rest blieb in der Bude und durfte gesehen werden.

Am Abend fuhren sie zurück und schliefen dort, laut und sichtbar, damit die Adresse weiteratmete. Jeck ließ das Licht brennen. Kerstin holte die Post herein, die niemand ihnen schrieb, und legte sie ungeöffnet auf den Tisch, damit sie morgen wieder jemand holen konnte.

Mox legte sich auf die Matratze, die nach ihm roch, und sah an die Decke, die er kannte. Vor einem Jahr hatten sie sich hier eingerichtet, weil Weglaufen Angst zeigte und Angst die Jagd einlud. Das war richtig gewesen. Der Fehler war leiser gekommen, über Monate: dass ein Raum, in dem man ein Jahr atmet, anfängt, einem zu gehören, und dass alles, was einem gehört, irgendwann eine Adresse trägt.

Die zwei kalten Zimmer über der Werkstatt würden nie nach jemandem riechen. Das war ihr ganzer Wert. Man konnte sie verlassen, ohne etwas zurückzulassen, weil das, worauf es ankam, ohnehin nicht in den Wänden saß, sondern morgen früh mit ihm die Außentreppe hinunterging.

„War es leer?“, fragte Kerstin aus ihrer Ecke. Sie meinte astral. Sie fragte nie umsonst.

„Leer“, sagte Mox.

„Gut.“

Und das war es, dachte er, als sie schon nicht mehr redete. Vor einem Jahr wäre leer das Schlechteste gewesen, was einer über ein Zuhause sagen konnte. Jetzt war es das Beste, was er über eine Adresse zu bieten hatte, und der Abstand zwischen beidem war genau der Preis, den die letzten Wochen sie gekostet hatten. Er machte die Augen zu. Über ihm brannte das Licht weiter, für jeden, der zusah. Sollte es.