Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 033 — Namentlich

Dobs war schon zweimal in der Schleuse gewesen, und beide Male hatte er draußen im Wagen gewartet. Drinnen roch es nach altem Fett, verschüttetem Bier und dem Fluss, der zwei Straßen weiter gegen die Kaimauer schlug. Er blieb einen Schritt hinter Jeck stehen und ließ den Raum durch sich hindurchgehen. Abstellen konnte er es ohnehin nicht: die uralte Kasse hinter dem Tresen, die einmal in der Minute nach einem Netz tastete, das es hier gar nicht gab; ein Commlink in der Jackentasche eines Manns am Fenster, stumm geschaltet und trotzdem wach; die Kühlung im Keller, die brummte. Er brauchte kein Kabel, um zu wissen, wer in einem Raum ein Gerät trug und ob es zuhörte. Das war einfach da, ob er wollte oder nicht.

Und das war das Unangenehme: dass er hier drin stand, wo man ihn sehen konnte, statt zwei Straßen weiter im Dunkeln, wo er hingehörte.

Brandt stand am Tresen und wischte ein Glas, das schon trocken war. Er sah Jeck an, nicht Dobs. „Der hinten“, sagte er und hob das Kinn Richtung Ecke. „Zahlt bar, trinkt nicht, redet viel. Zweimal gefragt, ob der Raum sauber ist. Mehr weiß ich nicht, und mehr will ich nicht.“ Damit wandte er sich wieder seinem Glas zu. Es war Brandts Art, einen Raum zu verlassen, ohne zu gehen.

Der Mann in der Ecke war Mitte fünfzig, randlose Brille, ein Sakko, das teuer war, ohne dass man es sofort sah. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Notizbuch. Ein echtes, aus Papier, mit einem Gummiband darum. Dobs hatte noch nie einen Schmidt gesehen, der etwas mitbrachte, in das man hineinschreiben konnte.

„Setzen Sie sich“, sagte der Mann. „Beide. Ja, auch der junge Herr. Streng genommen sitze ich hier vor allem seinetwegen.“ Er lächelte kurz und freudlos. „Nennen Sie mich Domke. Es ist nicht mein Name, aber es ist einer, den ich für heute konsequent verwende, und Konsequenz ist mir lieber als Wahrheit, wenn man sich das eine oder das andere aussuchen muss.“

Jeck setzte sich, entspannt, und nannte sich Wende. Dobs setzte sich langsamer und behielt die Hände unter dem Tisch.

„Ich fasse mich kurz, wobei kurz relativ ist“, sagte Domke. „Ein Mandant von mir — den ich nicht benenne, und fragen Sie nicht, es spart uns beiden Zeit — hat einen Wettbewerber. Dieser Wettbewerber erwartet in den nächsten Tagen eine Lieferung. Einen Kühlbehälter. Biologische Ware, genauer gesagt Zellkulturen, aber welche, ist für unsere Zwecke unerheblich, und ich bitte Sie ausdrücklich, sich nicht dafür zu interessieren.“ Er tippte einmal auf das Notizbuch, öffnete es aber nicht. „Das Interessante an dieser Ware ist nicht, was sie ist. Das Interessante ist, dass sie pünktlich ankommt. Mein Mandant hätte gern, dass sie das nicht tut.“

„Verschwunden“, sagte Jeck. „Oder verdorben?“

„Eine ausgezeichnete Frage, und die einzige, die zählt.“ Domke hob einen Finger. „Verschwunden wäre ein Diebstahl, und ein Diebstahl ruft nach einem Dieb, den man suchen kann. Verdorben ist eleganter. Kühlware, die einen halben Tag zu warm liegt, ist kein Verbrechen. Sie ist ein Malheur. Eine Panne in der Kette, ärgerlich, niemandes Schuld. Der Wettbewerber steht mit vierhundert Ampullen Matsch da, sein Partner verliert das Vertrauen, und mein Mandant“ — er breitete die Hände aus — „hat mit nichts davon etwas zu tun. Das ist der ganze Auftrag. Eine Kühlkette, die an genau einer Stelle für genau lange genug versagt.“

Es war sauber. Dobs merkte, dass er trotzdem nicht atmete. Denn Domke hatte den halben Satz noch nicht gesagt, den jeder Schmidt am Ende nachschob.

„Und der Haken“, sagte Jeck freundlich.

„Der Haken.“ Domke nickte, beinahe zufrieden, dass es einen gab. „Die Übergabe findet an einem Ort statt, den mein Mandant bereits einmal von jemandem hat ansehen lassen. Der Betreffende kam zurück, wollte das Doppelte, und als man ihm das Doppelte anbot, wollte er gar nicht mehr. Er sagte, der Ort sei — ich zitiere ihn ungern, weil es unpräzise ist — nicht in Ordnung. Was das heißt, weiß ich nicht. Ich handle mit Präzision, und das hier ist mir zu unscharf, um es zu verkaufen. Ich gebe es Ihnen deshalb weiter, wie ich es bekommen habe: als Lücke, nicht als Wissen.“

Dobs sah, wie Jeck das wegsteckte, ohne das Gesicht zu bewegen. Ein Ort, der jemanden umdrehte, der schon das Doppelte in der Hand hatte. Mox würde das lesen müssen, dachte Dobs, und dann fiel ihm ein, dass Mox noch nicht konnte, was man dafür brauchte, und er ließ den Gedanken liegen.

„Warum wir“, sagte Jeck. Nicht misstrauisch. Nur gründlich.

Und jetzt drehte Domke sich zum ersten Mal ganz zu Dobs. Er tat es höflich, ohne Wärme, und rückte Dobs dabei in ein besseres Licht, als wäre er ein Werkstück und kein Mensch.

„Man hat mir gesagt“, sagte er, „es gebe in Neuss jemanden, der im Netz arbeitet und keine Spur zurücklässt. Der nach einer Sache nicht auffindbar ist. Kein Handle, das irgendwo hängen bleibt, keine Signatur, nichts, woran man ihn festmachen kann.“ Er legte den Kopf ein wenig schief. „Sie verstehen die Ironie. Ich musste einen finden, der sich nicht finden lässt. Ich habe drei Wochen gebraucht, und am Ende hatte ich keinen Namen, nur eine Beschreibung, die immer wieder dieselbe war: der Junge, der Luft ist. Und da wollte ich sehen, ob es ihn wirklich gibt oder ob die Straße sich nur etwas erzählt.“ Er lehnte sich zurück. „Es gibt ihn. Gut. Ich zahle für das, was es gibt, nicht für Legenden.“

Dobs sagte nichts. In seinem Ohr war es still — Kerstin hielt draußen die Tür im Blick und redete nur, wenn es etwas gab. Es gab nichts. Es gab nur diesen Mann, der drei Wochen gesucht hatte, um herauszufinden, dass Dobs sich nicht suchen ließ, und der dann trotzdem hier saß und ihn ansah.

Jeck übernahm wieder, leicht, und redete über Zahlen, weil das der Teil war, den er mochte. Zwanzig, die Hälfte jetzt, in bar, kein Stick, keine Spur — das ließ sich Domke abringen, und er ließ es sich abringen, als hätte er die Ziffer ohnehin schon im Notizbuch stehen. Drei Tage. Den Ort nannte er noch nicht; den gäbe es, sobald das Team zusagte. „Ich verkaufe die Landkarte nicht an Leute, die nur schauen wollen“, sagte er. „Kein Vorwurf. Eine Regel.“

Sie gaben noch keine Zusage. Sie gingen mit der Hälfte des Vorschusses im Kopf und dem Rest offen hinaus in die Nachmittagssonne, die auf dem Hafenwasser lag und weh tat nach dem Halbdunkel drinnen.

Kerstin schob sich von der Wand ab, an der sie gelehnt hatte. „Und?“

„Bezahlt anständig“, sagte Jeck. „Weiß mehr, als er sagt, aber er lügt nicht. Und irgendwas an dem Ort hat den Letzten das Geld ausschlagen lassen.“

Dobs hörte kaum zu. Er dachte an die drei Wochen. Er hatte sich Mühe gegeben, niemand zu sein — hatte es bei den Uferkindern gelernt, hatte es sich in schlaflosen Nächten gegen die eigene Angst beigebracht, hatte kein einziges Mal nachgesehen, wenn er es gewollt hatte. Luft bleiben. Und jetzt saß in einer Kneipe ein Mann mit einem Notizbuch, der über ihn geschrieben hatte: der Junge, der Luft ist. Man konnte sich nicht auffindbar machen, indem man verschwand. Man wurde bloß eine andere Art von Adresse — eine ohne Straße, aber mit einem Namen, den die Leute weitergaben.

„Was?“, fragte Kerstin, weil er stehen geblieben war.

„Nichts“, sagte Dobs. „Nur — er hat mich gesucht, weil ich mich nicht finden lasse. Und gefunden hat er mich genau deswegen.“

Kerstin sah ihn einen Moment an, dann nickte sie knapp, als wäre das eine Rechnung und keine Klage, und ging zum Wagen. Sie hatte recht. Es war eine Rechnung. Dobs merkte nur zum ersten Mal, dass auch das Nicht-Existieren auf einer Liste stehen konnte, und dass jemand jetzt seinen Posten darin führte.