Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 034 — Kaltstelle

Sie hatten zugesagt, und Domke hatte den Ort genannt, so trocken, als läse er ihn aus seinem Notizbuch ab. Ein Kühlhaus am toten Ende des Hafenbeckens, eingeklemmt zwischen einem stillgelegten Tanklager und einer Bahnrampe, über die seit Jahren nichts mehr rollte. Umschlag von temperierter Ware, stand offiziell an dem verrosteten Schild. Inoffiziell, hatte Domke gesagt, wechsele hier alles den Besitzer, was keinen Zoll sehen wollte und Kälte brauchte.

Kerstin lag flach auf dem Dach des Tanklagers und ließ ihre Augen die Arbeit tun. In der Dunkelheit war das Kühlhaus für sie kein Schwarz, sondern ein körniges Grau mit einer harten kalten Linie, wo die gekühlte Wand die Nachtluft schnitt. Zwei Kameras an der Verladerampe, beide alt, beide auf die Tore gerichtet, keine auf den blinden Streifen an der Nordseite, wo ein Rohrgraben bis fast an die Mauer lief. Kein Wachmann im Wärmebild, nur die Kühlmaschinen auf dem Dach, die einen breiten, gleichmäßigen Fleck warm hielten, und darunter das Haus selbst, kälter als alles ringsum.

„Zwei Tore, eine Tür an der Nordseite“, sagte sie leise. „Kameras kann ich blenden. Der Graben bringt uns bis auf zehn Meter ran, ohne dass uns die Rampe sieht. Für ein Kühlketten-Malheur reicht das dicke.“

Neben ihr sagte Mox nichts. Er lag auf dem Bauch, den Mantel über den Schultern, den sie ihm nicht mehr überzuwerfen brauchte, weil er ihn diesmal selbst mitgenommen hatte, und sah das Haus an, ohne es anzusehen. Es war das erste Mal seit der Bootswerft, dass er im Feld lag statt in der Ofenecke. Sie hatte ihn nicht gefragt, ob er so weit sei. Er war mitgekommen, und der Ort war einer, den nur er lesen konnte, und das war die ganze Rechnung.

„Sag, wenn du drin bist“, sagte sie. „Ich hab deinen Rücken.“

Das war ihr Teil. Nur der Rücken. Sie legte die Hand ans kalte Rohr des Grabens, das Wärmebild auf die Rampe, und wartete, während er neben ihr flacher atmete und sein Blick etwas verlor, das kein Chrom sah.

In ihrem Ohr war Dobs, weit weg und trocken. „Netz ist mager. Die Kühlung telefoniert stündlich mit einem Wartungsdienst in Krefeld, sonst schläft das Haus. Nichts, was zuhört.“ Eine Pause. „Also elektrisch nichts. Für das andere seid ihr zuständig.“

Mox brauchte lange. Länger, als das Sehen ihn kosten durfte — denn Sehen kostete ihn fast nichts, das hatte er ihr selbst beigebracht; nur Wirken tat weh, das war die ganze Rechnung seit Wochen. Aber er lag da, und die Sekunden zogen sich, und Kerstin sah, ohne hinzusehen, dass seine Finger sich langsam in den Kies gruben.

„Mox“, sagte sie. Der Werkzeug-Ton. Zeit.

Er kam zurück, zu langsam — nicht mit einem Ruck, sondern als müsse er den Weg von sehr weit unten nehmen, aus kaltem Wasser herauf. Er blinzelte einmal, und in seinem Gesicht stand etwas, das sie an ihm noch nicht gesehen hatte, und Kerstin sah viel.

„Das Haus ist nicht leer“, sagte er.

„Wachmann?“

„Nein.“ Er schluckte trocken, als müsse er erst etwas hinunterbringen, das kein Wasser wegspülte. „Etwas ist da drin. In der Kälte. Es liegt still und wartet, und es ist gebunden — jemand hat es dort festgemacht, dass es aufpasst. Es sieht nicht wie ein Mensch. Es sieht die ganze Zeit, in alle Richtungen, und es hat keine Eile.“ Er wischte sich mit dem Handrücken über die Nase, obwohl da nichts war. „Und als ich es angesehen habe, hat es zurückgesehen.“

Kerstin hielt das Wärmebild auf die Rampe, weil ihr das etwas gab, worauf sie schauen konnte. Auf dem Dach liefen die Kühlmaschinen. Unten war es ruhig. Alles an dem Haus, was sie sehen konnte, war in Ordnung.

„Es hat dich bemerkt“, sagte sie.

„Es bemerkt jeden, der hinsieht. Darum ist der Letzte umgedreht.“ Mox’ Stimme war knapp, aber sie hörte, was darunter lag, weil sie ihn kannte. „Er hat hingeschaut, es hat zurückgeschaut, und dann wollte er kein Geld mehr. Nicht in Ordnung. Das ist die höflichste Art, es zu sagen.“

Dobs in ihrem Ohr, jung und zu schnell: „Was heißt das, es sieht zurück? Kann es —“

„Es kann nichts von hier oben“, sagte Mox. „Es ist gebunden. Es kommt nicht durch die Mauer. Aber wer da rein geht und offen ist — im Astralen offen, offen genug, um zu wirken —, der steht in seinem Raum. Und dann ist es keine Frage mehr, ob es etwas kann.“

Es wurde still auf dem Dach. Kerstin dachte die Sache durch: nicht, was sie fühlte, sondern was auf dem Tisch lag. Die Kameras waren alt. Der Graben war gut. Die Kühlung ließ sich an einer Stelle sabotieren, das war Handwerk. Kühlware, die einen halben Tag zu warm lag — das konnte sie liefern, mit verbundenen Augen, gegen zwanzig und die Hälfte bar.

Aber die eine Stelle, an der die Kette versagen musste, lag in einem Raum, in dem ein gebundenes, geduldiges Etwas jeden ansah, der hineinkam. Und der Einzige, der so etwas normalerweise beiseiteräumte, bevor sie überhaupt durch die Nordtür ging, lag neben ihr und konnte es sehen und sonst nichts.

„Kannst du es wegmachen“, sagte sie. Keine Frage. Eine Rechnung, die sie laut aussprach, damit er sie hörte.

Mox sah weiter das Haus an. „Um so etwas zu lösen, müsste ich wirken. Und wenn ich wirke, geht der Riss wieder auf, und ich stehe offen in seinem Raum, während er aufgeht.“ Er sagte es ohne Selbstmitleid, nur als das, was es war. „Ich kann dir sagen, wo es liegt. Ich kann dir sagen, wenn es wacher wird. Anfassen kann ich es nicht. Noch nicht.“

Noch nicht. Sie hatte den Satz jetzt zweimal von ihm gehört, an zwei kalten Orten, und beide Male hatte er dasselbe geheißen: dass die eine Sache, die dieser Job brauchte, die eine war, die er gerade nicht geben konnte, ohne dafür zu bezahlen, was er sich nicht leisten durfte.

Sie zog das Wärmebild vom Haus zurück und ließ die Augen normal werden, bis das Kühlhaus wieder nur ein dunkler Kasten am toten Ende des Beckens war. Zwei Tore, eine Tür, ein blinder Streifen, gute Kameras für einen, der sie blenden konnte. Und ein Zimmer, das sie nicht sehen konnte, mit etwas darin, das alles sah.

„Wir sagen Jeck, es ist kein sauberes Ding“, sagte sie und schob sich rückwärts vom Dachrand. „Wir sagen ihm nicht, dass wir aussteigen. Erst rechnen, dann reden.“

Mox nahm den Mantel enger und folgte ihr, langsamer als früher, weil schnell noch nicht ging. An der Leiter blieb er einen Schlag zu lange neben ihr stehen, und sie ließ ihn, sagte aber nichts, und er sagte auch nichts, und dann stiegen sie beide hinunter in den warmen, mundanen Dreck des Hafens, wo die Dinge, die einen ansahen, wenigstens Augen dafür hatten.