Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 036 — Malheur

Der Rohrgraben brachte sie bis auf zehn Meter. Die letzten nahm Kerstin über den blinden Nordstreifen, flach am Boden, ohne Eile — Eile machte Wärme, und Wärme wurde gesehen.

Auf dem Dach kehrte sich alles um. Unten war das Haus kälter als die Nacht gewesen, eine harte Linie im Grau. Hier oben lag die Wärme in Schwaden über den Maschinen, drei fette warme Blöcke im Wärmebild, Rohre dazwischen, die pulsten. Das Kühlhaus machte seine Kälte, indem es hier oben heiß wurde, und sie musste in diesem Durcheinander aus Warm das eine finden, das zählte.

„Ich bin oben“, sagte sie ins Comm, kaum lauter als der Wind.

Jeck, irgendwo unten an der Zufahrt, in einem geliehenen Overall neben einem geliehenen Wagen mit einem Firmenschild, das es erst seit heute Nachmittag gab. „Verstanden. Ich bin der Notdienst, falls einer fragt. Bisher fragt keiner.“

Dobs, weiter weg, in seiner eigenen Dunkelheit. „Haus ruft normal. Temperatur, Druck, gute Nacht. Nichts drin, was ich nicht schon kenne.“ Eine Pause. „Kein Behälter. Nichts.“

Mox war eine dritte Stimme, tief und langsam, von der Tanklager-Seite, wo er lag und sah. „Es ist wach, aber es liegt“, sagte er. „In der Kälte, unten. Bis hier oben reicht es nicht. Das Dach ist nur ein Dach. Geh, wohin du musst.“

Das war die Erlaubnis, auf die sie gewartet hatte. Sie ging.

Sie fand den Kompressor an der Ostmaschine — den einen warmen Block, dessen Rohr am dünnsten pulste, weil er die meiste Arbeit trug. Kein Zauber, kein offener Rücken. Nur ein Gehäuse, vier Schrauben, ein Riemen und eine Leitung, die man an genau einer Stelle so lösen konnte, dass es nach Material aussah und nicht nach Hand. Sie legte die Finger daran und wartete.

„Dobs“, sagte sie. „Ich bin bereit. Sag, wann.“

„Warte.“

Sie wartete. Auf dem Dach war es kalt trotz der Maschinen, der Wind kam vom Rhein und roch nach Öl und totem Wasser. Unter ihren Fingern lief der Kompressor, warm und dumm und ahnungslos. Tötete sie ihn zu früh und lag in den zwei Stunden ohne Kühlung nichts in der Kammer, hatten sie nur die Stromrechnung des Wettbewerbers gesenkt.

Minuten. Sie zählte sie nicht, ihr Chrom zählte sie für sie, ein stilles Ticken hinter den Augen.

Dann Dobs, und seine Stimme hatte den Ton verloren, der jung klang. „Er ist drin. Gerade eben. Eine Einheit mehr am Netz, ein Fühler, der vor einer Minute noch nicht da war, mehr Last. Der Behälter ist in der Kammer.“ Ein Atemzug. „Jetzt, Kerstin. Jetzt zählt es.“

Sie löste die Leitung.

Es machte kein Geräusch, das der Rede wert war — ein Zischen, ein Nachlassen, der warme Block unter ihrer Hand wurde langsamer, dann still. Auf dem Dach fiel das Pulsen der Ostmaschine aus dem Takt der anderen. Im Wärmebild begann der kalte Kasten unter ihr, ganz allmählich, seine harte Linie zu verlieren.

„Es ist aus“, sagte sie. „Es wird warm da unten.“

„Krefeld kriegt gleich den Alarm“, sagte Dobs. „Die Anlage meldet den Ausfall automatisch, das kann ich nicht halten. Aber den Rückruf halte ich. Sagt Krefeld, sie hätten schon einen Mann geschickt — dann ist Jeck der Mann.“

„Sag mir, wenn du ihn hältst“, sagte Jeck, ganz ruhig, aus seinem Wagen. „Ich steige nicht aus, bis ich der Mann bin, den es schon gibt.“

Und dann kam Mox’ Stimme, und sie war anders.

„Kerstin. Es bewegt sich.“

Sie erstarrte, die Hand noch an der stillen Maschine. „Du hast gesagt, es reicht nicht bis hier.“

„Als die Kälte stand, reichte es nicht.“ Er sprach langsam, aber schnell für ihn, und das allein sagte ihr genug. „Die Kälte hält es. Jetzt fällt die Kälte, und es sucht. Es langt. Nach der Wärme, nach oben, in die Richtung, aus der die Kälte nicht mehr kommt.“ Eine Pause, in der sie ihn atmen hörte. „Es weiß nicht, dass du da bist. Aber es langt dahin, wo du stehst.“

Kerstin sah auf ihr Wärmebild und sah nichts. Drei warme Blöcke, einer davon jetzt still. Rohre. Der Nachthimmel. Nichts, das langte. Ihr Chrom, das ihr durch Wände und durch die Nacht half, hatte für die eine Sache, die sich hier gerade auf sie zubewegte, keinen einzigen Draht.

„Wo“, sagte sie. Nicht mehr.

„Von der Ostmaschine weg. Zur Nordkante, drei Schritte, jetzt.“ Seine Stimme führte sie, Meter um Meter, kein Wort zu viel. „Da. Bleib. Nicht weiter — links ist die Kälte, die es noch hält, da will es nicht hin. Rechts von dir ist es jetzt. Halt die Kante.“

Sie stand an der Nordkante, den Rücken zur Leiter, das Becken schwarz unter sich, und drei Schritte rechts von ihr, wo eben noch nur ein Kompressor gewesen war, war jetzt etwas, das sie nicht sehen konnte und das Mox in ihr Ohr sprach. Sie spürte es trotzdem. Nicht mit dem Chrom. Mit der Haut im Nacken, mit dem alten, unverkabelten Tier, das jeder Mensch behielt: eine Kälte ohne Quelle, ein Gesehenwerden ohne Augen. Sie hielt die Kante, atmete flach und wartete, dass eine Firma in Krefeld sich entschied, wem sie glaubte.

„Krefeld hat angerufen“, sagte Dobs, und sie hörte, dass er die Luft anhielt, während er redete. „Ich hab den Rückruf abgefangen. Sie fragen, ob ihr Notdienst schon unterwegs ist.“

„Sag ja“, sagte Jeck, und stieg aus. Kerstin hörte durchs Comm eine Wagentür, Schritte auf Beton, dann Jecks andere Stimme, die freundliche, laute, die zu einem Overall und einem Klemmbrett gehörte, gegen eine Sprechanlage: „Nachtdienst, ja, tut mir leid für die Stunde, Ostmaschine, den Kompressor hör ich von hier schon nicht mehr laufen —“

„Geh jetzt“, sagte Mox. „Solange es rechts von dir langt und nicht links. Die Leiter ist links. Runter, in die Kälte hinein, die es noch hält. Da kommt es nicht mit.“

Sie ging links, in die Kälte, über die Leiter, und mit jeder Sprosse wurde der Griff im Nacken loser, bis er weg war und nur noch Öl und Nachtluft blieben. Unten zog sie sich in den Rohrgraben und wurde wieder das körnige Grau, das keine Kamera sah, und über ihr, an der Zufahrt, redete Jeck einen echten Mann in Krefeld in aller Ruhe müde.

Es dauerte bis zum Morgen. Die Anlage blieb aus, weil der Notdienst ein Ersatzteil brauchte, das er erst nach Sonnenaufgang bringen konnte — so stand es später in einem Protokoll, das nie jemand anzweifelte. Dann lief das Haus wieder, als wäre nichts gewesen. Nur in der Kammer lag ein Kühlbehälter, dessen Inhalt eine halbe Nacht zu warm gelegen hatte, und was immer darin gezüchtet worden war, war jetzt nichts mehr, wofür ein Partner Vertrauen behielt. Ein Malheur. Ärgerlich. Niemandes Schuld.

Domke zahlte die zweite Hälfte bar, ohne Kommentar, in einem Hinterzimmer der Schleuse, und trug in sein Papier-Notizbuch etwas ein, das sie nicht lesen konnte. Zum ersten Mal seit langem trug keiner von ihnen eine Wunde nach Hause, das Geld lag ganz da, und keiner hatte ein Prinzip gegen die Bezahlung eintauschen müssen. Kerstin wartete auf das Gefühl, dass an einem so glatten Abschluss etwas faul sein musste. Es kam nicht.

Auf dem Rückweg, im Wagen, sagte Mox nur einen Satz mehr, und er sagte ihn leise, mehr zu sich als zu ihr. „Das war kein Straßen-Zauber. So etwas bindet keiner an eine Halle voll geklauter Kaltware.“ Er sah aus dem Fenster in den grau werdenden Hafen. „Wer das dahin gesetzt hat, hat mehr gehütet als eine Stromrechnung.“

Sie sagte nichts. Es war Domkes Sache, oder die seines Mandanten, oder die von niemandem, den sie je treffen würde. Sie legte es in die Ecke ihres Kopfes, wo die Dinge lagen, die noch keine Rechnung waren, aber eine werden konnten.

Was bei ihr blieb, war nicht der Wächter und nicht die Frage, wer ihn gestellt hatte. Es war der Griff im Nacken auf dem Dach, drei Schritte rechts von ihr, in einer Wärme, die ihr Wärmebild als leer meldete. Sie hatte in dieser Nacht durch zwei Kameras und eine Mauer und die halbe Dunkelheit des Hafens gesehen. Und das Einzige, was in dieser Nacht nach ihr gelangt hatte, war das Einzige gewesen, für das sie kein Auge besaß.