Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 037 — Neue Haut

Die Wohnung in Weckhoven roch nach nichts, und das war Absicht. Nichts anschaffen, nichts einrichten, keinen Geruch aufkommen lassen, den man vermissen konnte, wenn man in zwei Minuten gehen musste. Zwei Matratzen, ein Klapptisch, eine Umzugskiste, die niemand auspackte, weil in ihr lag, was man mitnahm, nicht was man aufstellte. Auf dem Klapptisch lagen an diesem Morgen fünf ungleiche Stapel Scheine, und das war das Ungewohnte an dem Bild.

Jeck teilte. Er tat es langsam, mit einer Sorgfalt, die er sonst für Legenden aufsparte, und zählte laut, damit keiner das Gefühl bekam, es geschehe im Dunkeln. „Miete Weckhoven, drei Monate, kommt vom Tisch.“ Ein Stapel wanderte zur Seite. „Der Rest ist eurer. Zum ersten Mal, seit ich hier bin, muss ich beim Teilen nichts abziehen, das schiefgegangen ist.“

„Genieß es“, sagte Mox von der Matratze her. „Es hält nicht.“

„Das ist der schönste Satz, den du seit Wochen rausgelassen hast.“ Jeck grinste, ohne aufzusehen. „So viel Zuversicht.“

Mox antwortete nicht. Er saß mit dem Rücken zur Wand, in der Ecke, die eine andere ihm beim Einzug zugewiesen hatte, ohne es zu erklären — weit von beiden Türen, am Ofen. Und er tat etwas, das ihn seit Wochen nichts kostete und das er trotzdem selten tat, weil es ihm sonst nur zeigte, was er nicht mehr konnte. Er sah.

Der Raum lag offen vor ihm: keine alten Schichten, kein Nachhall, eine Wohnung, in der nie jemand lange genug gewesen war, um eine Spur zu lassen. Jecks Aura am Tisch, warm und beweglich und an drei Stellen zugleich, wie immer. Im Treppenhaus nichts. Das war die halbe Arbeit, die ihm geblieben war — schauen, warnen, sagen, wo die Kälte anfing, auf den Meter. Er hatte gelernt, damit zu leben. Ein Mensch lebt auch mit einem tauben Finger.

Und dann bemerkte er, was nicht geschah.

Seit dem Kühlhaus — seit lange vor dem Kühlhaus, seit der alten Frau in Meerbusch und der fremden Bindung, die er sich innen aufgezogen hatte, um einen Toten gehen zu lassen — war da hinter seinen Augen eine Stelle gewesen, die bei jeder Formel zog. Nicht beim Sehen; Sehen war nur Sehen und billig. Aber sobald er nach mehr griff, nach dem, was aus dem bloßen Astralraum etwas machte, das wirkte, zog die Stelle und drohte wieder aufzugehen. Also hatte er die Formel jedes Mal liegen lassen, griffbereit und unbezahlt, wochenlang. In dieser Wohnung, in der ersten Nacht, hatte er den Raum lesen können und ihn nicht schützen können, und das war das Ehrlichste gewesen, was er über sich zu sagen wusste.

Jetzt tastete er vorsichtig an den Rand der Stelle, und die Stelle zog nicht.

Er glaubte es nicht sofort. Er hatte sich schon getäuscht, in der zweiten Woche, hatte nach einer kleinen Formel gegriffen und den Schmerz drei Tage lang abbezahlt. Also ging er langsam vor. Snake-langsam: nicht die Formel selbst, erst der Gedanke daran, dann der erste dünne Faden davon. Eine Verhüllung, nicht größer als über eine Handbreit Luft gelegt. Force eins. Ein Anfängertrick, etwas, das ihn früher weniger gekostet hätte als ein Treppenabsatz.

Er legte den Faden. Der Schleier setzte sich über seine eigene Hand und ließ sie im Astralen einen Hauch verschwimmen. Nichts weiter.

Die Stelle hinter seinen Augen hielt. Sie zog nicht, sie ging nicht auf, sie blieb, was sie seit Meerbusch nie gewesen war: zu. Vernarbt. Neue Haut, dünn und empfindlich und da. Er hielt den Schleier drei Atemzüge lang, dann ließ er ihn fallen, und der Preis, den er kannte, auf den er seit Wochen gefasst war, kam nicht.

„Was machst du?“, fragte Jeck, ohne den Kopf zu heben. Er hatte nichts gesehen — es gab nichts zu sehen —, aber er hatte die Stille anders gehört.

„Nichts“, sagte Mox. Und dann, weil das nicht ganz gelogen sein sollte: „Ausruhen.“

Er behielt es für sich. Nicht aus Misstrauen — Schlange horte keine Geheimnisse gegen die eigenen Leute. Aber ein frischer Fund kam nicht auf den Tisch, ehe man wusste, ob er trug. Zweimal ausprobieren, dreimal, an etwas, das nichts wog. Sicher sein. Dann sagen. Er hatte zu lange verletzt herumgesessen und die anderen den Preis dafür tragen lassen — den Muskel-Run ohne ihn, das Kühlhaus, in dem er hatte lesen dürfen und nicht mehr —, um jetzt zu früh zu behaupten, er sei zurück. Zurück war ein großes Wort. Ein Schleier über einer Hand war ein sehr kleines.

Dobs meldete sich kurz übers Comm, zu laut wie immer, und wollte wissen, ob sein Teil schon abgezogen sei. Er wolle die Hälfte davon bei den Uferkindern lassen — Gesa habe zwei neue Kinder im Stamm, Kleine, die den Winter im Hafen sonst schlecht überstünden. Jeck sagte, das sei sein Geld, er könne es verbrennen, wenn er wolle. Dobs lachte und war weg, und der Junge klang ungebrochen, als hätte er nie eine Konzern-Wand von innen gesehen.

Mox blieb sitzen, als Jeck die Stapel zusammenschob und mit seinem Kaffee ans Fenster ging. Er sah die leere Wohnung an, die keinem gehörte und keinem gehören durfte, weil kein Ort ihnen wieder gehören sollte. In der ersten Nacht hatte er hier gesessen und die Verhüllungsformel am Rand gespürt — die, die den Raum verborgen und jeden, der ihn suchte, an ihm hätte vorbeischauen lassen —, und er hatte sie liegen lassen müssen.

Jetzt konnte er sie legen. Er wusste es, seit die Stelle den ersten dünnen Faden getragen hatte.

Er legte sie nicht.

Eine Verhüllung war auch eine Handschrift. Etwas, das dalag und das jemand mit seinen Augen lesen konnte: hier ist ein Magier, hier ist etwas, das versteckt werden sollte, hier ist ein Ort, der jemandem wichtig genug war, ihn zu schützen. Ein geschützter Raum war kein leerer Raum mehr. Und leer zu bleiben, Luft zu bleiben, hatten sie sich teurer erkämpft als mit irgendeiner Formel, und es hielt länger als jede.

Er konnte den Raum jetzt schützen. Das war zurück, es gehörte ihm, und keiner hatte es ihm angemerkt. Dass er sich dagegen entschied, war zum ersten Mal seit Meerbusch wieder seine Wahl — und nicht die seiner Wunde.

Er lehnte den Kopf an die kalte Wand, in die Ecke, die eine andere für ihn ausgerechnet hatte, und ließ die dünne neue Haut in Ruhe weiterwachsen.