Kapitel 038 — Vor dem Fest
Neuss machte sich schön für den einen Tag im Jahr, an dem es sich schön machte. Über der Oberstraße hingen schon die ersten Girlanden, an den Laternen klebten Plakate für den Zug, und vor den Kneipen stapelten die Wirte Bierkästen zu Mauern, gegen die in einer Woche eine Viertelmillion durstiger Rheinländer anrennen würde. Schützenfest. Jeck mochte es. Eine Stadt, die so laut wurde, dass niemand mehr zuhörte — das war ein Geschenk für Leute, die davon lebten, nicht gehört zu werden.
Er ging mit den Händen in den Taschen durch die schon halb verhängten Gassen zum Hafen und probierte im Kopf einen Namen, den er noch nie getragen hatte. Sander. Kurz, freundlich, vergesslich. Ein Name, der nach Versicherung roch, nach jemandem, den man am nächsten Tag nicht mehr zuordnen konnte.
Die Schleuse lag dunkel und kühl im Nachmittag. Brandt stand hinter dem Tresen und wischte ein Glas, das längst sauber war.
„Der Nervöse hinten“, sagte er, ohne Begrüßung. „Sitzt seit einer halben Stunde und trinkt Wasser. War vier Mal auf dem Klo.“ Er stellte das Glas ab. „Zahlt bar für den Tisch. Mehr weiß ich nicht, und mehr will ich nicht wissen.“
„Immer eine Freude“, sagte Jeck.
„Der da nicht.“ Brandt nahm das nächste Glas. Das war, für Brandt, beinahe eine Warnung.
Der Mann am hinteren Tisch war eine Spur zu gut angezogen für die Schleuse und wusste es. Er trug den Kragen offen, als wollte er leger wirken, und zupfte alle zwei Sätze daran. Vor ihm stand ein Glas Wasser, daneben lag das Comm, das er hochkant stellte, umlegte, wieder hochkant stellte.
„Sie sind der Mann“, sagte er und stand halb auf. „Gut. Sehr gut. Setzen Sie sich doch. Prass. Nennen Sie mich Prass, das reicht ja unter uns, oder? Unter uns reicht das völlig.“
„Sander.“ Jeck setzte sich so, dass er die Tür im Blick hatte. „Sie haben etwas, das Sie loswerden wollen.“
„Loswerden — nein, andersrum, ganz andersrum.“ Prass lachte, einen Tick zu laut, und sah dann kurz zur Theke, ob es jemand gehört hatte. „Wir wollen etwas bekommen. Eine Zustellung. Kleine Sache eigentlich, wirklich klein, deshalb sitz ich ja hier und nicht — na, Sie wissen schon. Für die großen Dinge hätten die anderen geschickt. Ich sag das nur, damit Sie einordnen können, mit wem Sie reden. Ich bin nah dran an Leuten, an die kommt sonst keiner ran.“
Jeck ließ ihn reden. Das war meist billiger als eine Frage. Ein Mann, der einordnen will, mit wem man redet, sagt einem in drei Sätzen, wer er nicht ist.
„Zum Zug“, sagte Prass und beugte sich vor. „Am großen Tag, beim Umzug, geht ein Kurier vom Zollhof durch die Menge Richtung Münster. Trägt ein Köfferchen, so groß.“ Er zeigte es mit den Händen, eine Aktentasche, flach. „Wir hätten das Köfferchen gern, bevor es ankommt. In der Menge. Kein Aufheben, kein Lärm, keiner am Boden. Das Fest macht den Rest — eine halbe Million Menschen, wer soll da sehen, dass eine Hand die falsche ist.“
„Und was ist im Köfferchen?“
„Papiere.“ Zu schnell. Prass zupfte am Kragen. „Verträge. Es gehört eigentlich uns, verstehen Sie, da läuft einer weg und nimmt mit, was ihm nicht gehört, und wir holen es nur zurück. Wir korrigieren das nur.“ Er sah aufs Comm, nicht auf eine Nachricht, sondern auf die Uhr, und irgendetwas an ihm wurde einen Grad enger. „Es ist wirklich nichts Wildes. Papiere.“
Papiere waren es nie. Papiere schickte man verschlüsselt durch die Matrix, dafür brauchte niemand ein Köfferchen und einen Kurier, der zu Fuß durch einen Karnevalszug im Sommer lief. Was zu Fuß getragen wurde, wollte nicht durch ein Netz, in dem jemand mitlas. Jeck ließ es liegen. Man musste einem Mann nicht sagen, dass man seine Lüge sah; man musste nur wissen, dass sie eine war, und den Preis danach machen.
„Wann steht der Zug?“
„In acht Tagen. Sonntag.“ Prass zupfte. „Zeit genug, oder? Für Leute, die zu Ende denken, ist das Zeit genug.“
Das war ein Kompliment, das eine Frist war. Jeck lächelte es weg. „Das kommt darauf an, was am Ende steht. Reden wir über Zahlen.“
Prass nannte eine, und die Zahl kam ganz. Alles bei Lieferung, nichts vorweg. Das war entweder Geiz oder Misstrauen, und bei einem, der bar für den Tisch zahlte und vier Mal aufs Klo ging, war es Misstrauen — nicht gegen Jeck, sondern die vererbte Vorsicht von jemandem weiter oben, der Prass nichts in die Hand gab, was Prass hätte behalten können.
„Die Hälfte jetzt“, sagte Jeck. „Bar, heute. Der Rest, wenn Sie Ihr Köfferchen haben.“
„Ich habe nicht — das ist nicht meine Entscheidung, ich müsste —“
„Dann rufen Sie den an, dessen Entscheidung es ist.“ Jeck lehnte sich zurück und ließ die Freundlichkeit im Gesicht, wo sie hingehörte. „Ich hole nichts aus der größten Menschenmenge des Jahres für einen, der mir nicht mal einen Schein anvertraut. Ein Vorschuss ist kein Geld, Prass. Ein Vorschuss ist ein Versprechen, dass es Sie wirklich gibt.“
Prass telefonierte, abgewandt, in gepresstem Flüsterton, und kam mit sechs zurück. Sechs jetzt, sechs nachher. Er zählte sie zweimal auf den Tisch, als täte ihm jeder Schein weh, und schob sie herüber, und seine Hand war feucht.
„Die kennen Gesichter“, sagte er dabei, leise, und es war das Ehrlichste, was er den ganzen Nachmittag gesagt hatte. „Die Leute, denen der Kurier gehört. Falls Sie ihn kennen, den Kurier — kennen Sie ihn nicht. Verstehen Sie? Machen Sie es klein. Machen Sie es unsichtbar.“ Dann, schnell, wieder das Lächeln über die Angst: „Aber das können Sie ja. Deshalb sitze ich bei Ihnen.“
Jeck steckte die sechs ein und stand auf. „Ich melde mich über Brandt.“
Draußen war die Luft warm und roch nach Fluss und frittiertem Teig aus dem ersten Wagen, der schon aufgebaut wurde. Er ging langsam zurück durch die Gassen und stellte im Gehen die Rechnung auf, die er bei jedem Job aufstellte: was das Team konnte, gegen das, was der Job wollte. Eine Menge war sauberes Handwerk. Kerstins Augen fanden in einem Meer aus Wärme das eine Gesicht, das nicht feierte. Dobs saß in dem Rauschen aus zehntausend Comms und hörte den einen falschen Ton heraus. Er selbst wurde in einer Menge zu Luft, das konnte er im Schlaf. Und Mox — Mox musste nur schauen und deuten, wo etwas nicht stimmte, und schauen kostete Mox nichts mehr. Ein Job, der keine Magie brauchte, für einen Magier, der gerade keiner sein konnte. Das passte. Das passte so sauber, dass es fast langweilig war.
Fast.
Er blieb an der Ecke stehen, wo Arbeiter eine Absperrung für den Zugweg auf den Asphalt schraubten, Meter um Meter, den ganzen Sonntagsweg entlang, der in acht Tagen von Menschen verstopft sein würde bis zu den Hauswänden. Ein Köfferchen, das an dem Tag von Hand zu Hand ging, an dem die halbe Stadt auf der Straße stand. Ein Bote, dessen Besitzer Gesichter kannten. Und ein Mittelsmann, der durch seinen Kragen schwitzte und aufs Comm sah, als säße jemand über ihm, der ihm die Zeit vorgab.
Jemand weiter oben hatte sich sehr viele Menschen zwischen sich und diese eine Tasche gewünscht. Jeck mochte Menschenmengen. Aber er mochte keine Jobs, die sich in einer Menge versteckten — eine Menge war der einzige Raum, den man vorher nicht leerräumen konnte. Er zog den Kragen hoch, obwohl es nicht kalt war, und ging heim, die sechs Scheine warm an der Brust, und dachte, dass er den anderen das mit dem Kurier so erzählen würde, dass es klein klang. Kleiner, als es war.