Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 039 — Wer den Boten hält

Dobs arbeitete kalt und geliehen.

Nicht aus der Bude, nicht aus Weckhoven, sondern aus einem Hinterzimmer über Gesas Werkstatt, an einem uralten Anschluss, den vor ihm schon vier Kinder benutzt hatten. Seine Spur war so eine unter vielen und keine mit seinem Namen dran. Denn er hatte jetzt einen Namen — das war die Neuigkeit der letzten Wochen, die ihm nicht schmeckte. Der Junge, der Luft ist. Wer Luft war und sich trotzdem finden ließ, musste leiser gehen als einer, den keiner suchte.

„Geh nicht zu tief“, hatte Mox gesagt, ehe Dobs sich hinsetzte, und es klang nicht nach Warnung, eher nach einem Satz, den Mox aus Gewohnheit heraussagte. Dobs hatte genickt. Er brauchte die Erinnerung nicht. Er wusste am eigenen Leib, was eine Schicht zu tief kostete; das hatte ihm im Konzern-Netz eine geräuschlose ICE beigebracht, die ihn zuerst gesehen hatte, und es saß ihm noch in den Fingern.

Er ging angeboren hinein, ohne Blech, ohne Kabel, nur er und das große Rauschen und die drei, die er mitnahm. Den Späher schickte er vor, den Gräber ließ er tief liegen, den Stillen behielt er bei sich. Dem Stillen traute er am meisten, dabei tat der Stille nie etwas außer horchen — und gerade das Horchen war der Teil, den Dobs bei einem Programm am wenigsten erklären konnte, wenn ihn einer gefragt hätte. Es fragte ihn keiner.

Er blieb an den Rändern, wo die Daten billig lagen und niemand nachhielt, wer sie anfasste.

Der Kurier war leicht zu finden. Das war das Erste, was nicht stimmte.

Ein Mann vom Zollhof, gemeldet als Staplerfahrer, Schicht am Hafen, eine SIN so glatt und geordnet, dass sie erst recht auffiel — niemand, der wirklich Stapler fuhr, hatte eine Akte ohne einen einzigen Kratzer. Dobs merkte sich das Gesicht aus dem Werksausweis und den Gang aus einer Torkamera, die seit Jahren keiner gewartet hatte. Genug, dass Kerstin ihn in einer Menge herausschälen konnte. Das war der leichte Teil, der Teil, für den man ihn geholt hatte.

Dann sah er nach, wem der Mann gehörte, und der leichte Teil war vorbei.

Der Comm des Kuriers sprach nicht mit vielen. Aber die wenigen, mit denen er sprach, sprachen weiter — mit der Hafensicherheit, mit einem Speditionsverein, der auf dem Papier Container zählte und sonst nichts, und über zwei Ecken mit etwas, das aus Düsseldorf herüberreichte, aus der Richtung, aus der in Neuss das Geld mit den höflichen Manieren kam. Dobs zog die Fäden nicht auf. Er musste sie nicht aufziehen. Er hatte lange genug am Hafen gelebt, um zu wissen, woran man es erkannte, wenn hinter einem kleinen Mann eine Ordnung stand, die keine Namen an die Straße gab und trotzdem jeden kannte, der auf ihr ging.

Die kennen Gesichter, hatte Prass gesagt. Es war keine Drohung gewesen. Es war eine Ortsangabe. Die Leute, denen der Kurier gehörte, hielten den Hafen, und der Zollhof war ihr Hafen, und alles, was von dort loslief, lief unter ihren Augen los.

Über das Comm kam Kerstins Stimme, flach, im Vorbeigehen. Sie lief den Zugweg ab, während er drinsaß — vom Zollhof herauf, in die Gassen, wo sich der Umzug in acht Tagen zum Münster hin verengen würde. „Trichter“, sagte sie. „Drei Stellen, wo die Straße eng wird und die Menge steht statt geht. Da wechselt die Tasche die Hand, wenn einer klug ist. Und es hängen mehr Ordnerwesten in den Hinterzimmern der Läden, als so ein Zug braucht.“ Eine Pause, ein Schritt. „Ein bisschen früh, die Westen. Der Zug ist in acht Tagen.“

Dobs hatte gerade dieselben Westen von der anderen Seite gefunden.

Er folgte dem Comm des Kuriers nicht weiter nach oben, sondern zur Seite, dorthin, wo es am Sonntag hinlaufen würde. Und da waren sie. Nicht einer. Der Kurier trug ein Comm, und zwei weitere hingen daran, still — zwei Punkte, die keine Nachricht schickten und keine empfingen und sich trotzdem am Sonntag genau mit ihm mitbewegen würden, einen Schritt vor ihm, einen dahinter. Man buchte keine zwei stummen Begleiter für einen Mann, der nur Papiere trug. Man tat das für eine Tasche, die man nicht verlieren durfte, in einer Menge, in der man mit dem Verlieren rechnete.

Da saß es, das, wonach niemand gefragt hatte. Prass hatte das Fest verkauft, als wäre es eine leere Bühne. Eine halbe Million Menschen, wer soll da sehen. Aber die andere Seite hatte denselben Satz gedacht, nur früher, und hatte ihre eigenen Augen längst in die Menge gestellt — in Ordnerwesten, in zwei stumme Comms und in wer weiß wie viele Gesichter, die keiner für eine Wache hielt, weil eine Wache am Schützenfest ein Mann mit einem Bier in der Hand war.

Die Menge war nicht blind. Die Menge war das Auge.

Dobs hielt einen Moment still in dem Rauschen und ließ das sacken. Das Ding, für das sie bezahlt worden waren — das Nicht-gesehen-Werden, die Deckung aus lauter Leuten —, gehörte längst der Gegenseite. Sie mussten den Boten nicht nur aus einer halben Million herausgreifen. Sie mussten ihn aus einer halben Million herausgreifen, während zwei stille Männer daran hingen und irgendwo dazwischen Leute standen, die den Griff erwarteten.

Er holte den Späher zurück, ließ den Gräber steigen, nahm den Stillen an sich. Kein Kratzen tiefer, kein zweiter Blick auf die Ordnung, die aus Düsseldorf herüberreichte, so gern er gewusst hätte, wer da oben saß und was in dem Köfferchen so schwer wog, dass man es zu Fuß trug. Das war die Schicht zu tief. Er ließ sie liegen. Er war diesmal ungesehen gekommen und ging ungesehen wieder, und das allein war ein kleiner, harter Punkt für ihn, der vor ein paar Wochen noch nicht sicher gewesen wäre.

Er lehnte sich zurück in dem geliehenen Zimmer, das nach Lötzinn und kaltem Kaffee roch, und ordnete, was er hatte, ehe er es weitergab. Ein Gesicht und einen Gang, das war der Auftrag, das hatte er. Und dazu das andere: dass der Bote jemandem gehörte, der ihn nicht aus der Hand ließ, und dass die Menge, auf die sie alle bauten, ihnen nicht allein gehörte.

Er würde es Jeck sagen. Beim ersten Mal hatte Jeck die Sache klein geredet, kleiner, als sie war — das hatte Dobs ihm angehört. Diesmal, dachte Dobs und zog die drei ganz zu sich heran, war nichts Kleines mehr übrig, das man hätte klein reden können. In eine leere Bühne konnte man einbrechen. In ein Auge nicht.