Kapitel 040 — Durch das Auge
Jeck breitete den Plan auf dem Klapptisch aus, und der Plan war ein Bierdeckel. Auf die Rückseite hatte er drei Kreuze gemalt, für die drei Engstellen zwischen Zollhof und Münster. Mehr Papier verdiente die Sache nicht. Papier, das man aufhob, war Papier, das jemand fand.
„Erzählt es mir noch mal“, sagte er. „Ich will hören, wo es bricht.“
Dobs erzählte. Der Bote, der zu leicht zu finden gewesen war. Die zwei stummen Comms, einer vor ihm, einer hinter ihm. Die Ordnerwesten, die eine Woche zu früh in den Hinterzimmern hingen. Und der Satz, den seit dem Recon keiner mehr loswurde: die Menge war das Auge.
Jeck drehte den Bierdeckel zwischen den Fingern und ließ es sacken.
Beim letzten Mal hatte es einen Weg drumherum gegeben. Ein Kühlhaus, ein Wächter im Zimmer, und die Lösung war gewesen, nicht ins Zimmer zu gehen — die Kälte oben auf dem Dach zu machen und das bewachte Zimmer in Ruhe zu lassen. Das war Jecks liebste Art zu arbeiten: ein Problem lösen, ohne es anzufassen.
Hier gab es kein Dach. Das Auge war überall, wo der Bote hinlief, und der Bote lief genau dahin, wo sie ihn brauchten. Ausräumen ließ sich das nicht. Eine halbe Million Menschen räumte niemand leer.
„Wir gehen nicht drumherum“, sagte er. Es lag ihm quer im Mund. „Wir gehen mittendurch.“
Kerstin sah von der Wand her auf, sagte aber nichts. Sie wartete, ob es Hand und Fuß hatte.
„Ein Fremder fällt am Fest auf“, sagte Jeck. „Ein Mann, der guckt, wohin die anderen nicht gucken, fällt auf. Die andere Seite weiß das. Deshalb hat sie ihre Leute nicht als Fremde in die Menge gestellt, sondern als Ordner. Als Männer mit Weste und Bier, die dahingehören. Sie sind unsichtbar, weil sie erwartet werden.“ Er legte den Bierdeckel flach. „Und genau da nehmen wir sie.“
Er erklärte es Stück für Stück, und beim Erklären wurde es fest.
Es gab einen Moment, in dem selbst das Auge nichts sehen konnte, ohne stehenzubleiben — den Königszug. Wenn der Zug durch eine der Engstellen kam, presste sich die Menge zusammen und drehte sich ihm zu, alle auf einmal, Hüte hoch, das Horrido von vorn und das Joho zurück. Ein paar Sekunden lang stand jeder Schulter an Schulter und sah in dieselbe Richtung, festgeklemmt, und wer festgeklemmt stand, drehte sich nicht schnell um, auch nicht der stumme Mann hinter dem Boten. Das Auge blinzelte nicht, weil es aufhörte zu sehen. Es blinzelte, weil es sich nicht rühren konnte.
„Da nehme ich die Tasche“, sagte Kerstin. Keine Frage.
„Da nimmst du die Tasche.“ Jeck sah sie an. „Der vor ihm guckt nach vorn, den lassen wir. Der hinter ihm ist das Problem. Der klebt an seinem Rücken.“
Kerstin zog einen Mundwinkel hoch, kaum. „Zwei Sekunden, in denen der Hintere woanders hinsieht. Mehr brauche ich nicht.“ Ihre Hand lag ruhig auf dem Tisch. Ihre Reflexe erledigten in zwei Sekunden, was ein gewöhnlicher Arm nicht einmal anfing.
„Die zwei Sekunden kauft ihm sein eigenes Kostüm ab“, sagte Jeck, und jetzt kam das Stück, das ihm gefiel. „Er steht als Ordner da. Ein Ordner, vor dem einer umkippt und liegen bleibt, muss hin. Muss. Sonst ist er kein Ordner, und dann fragt der Nächste, warum die Weste einen Mann trägt, der einen Sterbenden übersteigt.“ Er tippte auf das mittlere Kreuz. „Also kippt vor ihm einer um. Kein Schlägertrick, kein Lärm, den man dem Team anhängt — ein Betrunkener am Schützenfest, das Gewöhnlichste der Welt. Ich liege da. Und während er entscheidet, ob er hin muss, hat Kerstin die Tasche.“
Dobs meldete sich, halb aus dem Comm, halb aus der Ecke. „Und ich?“
„Du kommst an die Ordnung im Hafen nicht ran, das wissen wir.“ Kein Vorwurf; es war die Grenze, und Grenzen waren Rechnungen. „Aber du sitzt draußen und hörst die zwei stummen Comms. Am Sonntag bewegen die sich mit ihm. Wenn sie ihr Muster brechen — wenn der Hintere plötzlich schneller wird, wenn ein dritter dazukommt —, sagst du es, ehe ich mich hinlege. Und du sagst mir, wann der Königszug die Enge erreicht, auf die halbe Minute. Das ist mein Vorhang.“
Dobs nickte, und man hörte, dass ihm die Aufgabe gefiel, weil sie klein und seine war.
Blieb Mox.
Er saß am Ofen, den Mantel um, blass noch, aber wach. Für Jeck war er, was er seit Wochen war: einer, der sehen konnte und nichts weiter. „Du liest die Menge“, sagte Jeck. „Du stehst am Rand, wo du frei bist, und du sagst mir, wenn an einem der Männer etwas hängt, das ich nicht sehe. Schauen kostet dich nichts mehr. Warnen ist genug.“
Mox sah ihn an, einen Atemzug zu lang, und sagte dann nur: „Ich schaue.“
Jeck hörte den halben Satz nicht, der darunter lag. Er hatte keinen Grund, ihn zu hören.
Er legte den Bierdeckel hin und ließ die Hand darauf liegen. Da war die dünne Stelle, und er benannte sie, weil man eine dünne Stelle benannte, statt sie zuzureden.
„Wenn er den Griff spürt“, sagte er, „sind wir in einem Raum ohne Tür. Beim Kühlhaus hatten wir ein Loch im Zaun und die Nacht. Hier haben wir eine halbe Million Menschen und keinen Ausgang, den man vorher leerräumt. Kippt es laut, stehen wir mittendrin, und mittendrin ist das Auge am wachsten.“ Er sah in die Runde. „Die zwei Sekunden nach dem Griff, in denen Kerstin die Tasche hat und der Hintere sich umdreht — die kann ich nicht kaufen. Da müssen wir dünn drüber.“
Niemand widersprach. Es war ehrlich, und ehrlich reichte für heute.
Kerstin stand vom Fensterbrett auf, kam an den Tisch und machte die Bewegung einmal in die leere Luft — die Hand, die an einer Schulter vorbeiging und kein Bild hinterließ, das Handgelenk, das kaum drehte. Aus dem Nichts an ihr, kein Ausholen, kein Zeichen davor. Sie machte es ein zweites Mal, langsamer, und Jeck merkte, dass sie es nicht ihm zeigte, sondern es sich selbst in die Hand schrieb, für den Tag, an dem kein Kopf mehr Zeit zum Denken hätte.
„Acht Tage“, sagte sie, und ließ die Hand sinken. „Reicht.“
Draußen begann Neuss schon, sich für den einen Tag im Jahr schön zu machen. Es waren noch acht davon, ganz gewöhnliche Abende, ehe das Auge aufging.