Kapitel 041 — Zwei Sekunden
Eine halbe Million Menschen, und Kerstin hatte nur ein Gesicht darin zu finden.
Sie stand an der zweiten Engstelle, wo die Oberstraße sich zum Münster hin verjüngte und die Menge nicht mehr ging, sondern stand. Ihre Cyberaugen legten die Wärme über den Vormittag — ein atmendes Grau aus Bier, Bratfett und Schweiß. Irgendwo darin ein Staplerfahrer mit einer zu glatten SIN, ein flaches Köfferchen quer über der Brust. Dobs hatte ihr das Gesicht gegeben und den Gang. Den Gang fand sie zuerst. Ein Mann, der etwas trug, das er nicht verlieren durfte, ging anders als einer, der zum Fest gekommen war.
„Er ist an dir dran“, sagte Dobs in ihrem Ohr, dünn und weit weg, aus einem Zimmer bei den Uferkindern. „Zwanzig Meter. Die zwei Stummen halten das Muster. Einer vorne, einer hinten.“
„Und der Zug?“
„Kommt von Süden. Halbe Minute bis zur Enge. Ich zähl dir runter.“
Kerstin ließ sich von der Menge tragen, bis sie den Hinteren im Bild hatte. Ein breiter Mann in Ordnerweste, ein Bier in der Hand, das er nicht trank. Er ging einen halben Meter hinter dem Boten und sah nicht auf den Zug. Er sah auf den Rücken vor ihm. Das war seine ganze Arbeit, und er machte sie gut.
Am Rand, wo er frei war, stand Mox. Sie sah ihn nicht. Sie musste ihn nicht sehen.
„Zehn“, sagte Dobs.
Der Königszug schob sich in die Enge, Pferde und Fahnen, und die Menge tat, was eine Neusser Menge seit hundert Jahren tat: sie drehte sich dem Zug zu, alle auf einmal, Hüte hoch, das Horrido von vorn und das Joho zurück. Schulter an Schulter, festgeklemmt, jeder Kopf in dieselbe Richtung. Auch der breite Mann in der Weste stand jetzt fest. Den Rücken vor sich sah er noch. Umdrehen konnte er sich nicht.
„Drei“, sagte Dobs. „Zwei —“
Vor dem Hinteren ging Jeck zu Boden.
Es war das Gewöhnlichste der Welt. Ein Mann im Karohemd, der zu früh zu viel gehabt hatte, sackte in die Knie, dann zur Seite, und blieb liegen. Die Leute ringsum machten das kleine, genervte Loch, das man um so einen machte. Der breite Mann sah hinunter. Zwei Sekunden lang war ein Umgekippter wichtiger als der Rücken vor ihm, weil ein Ordner, der über einen Liegenden hinwegstieg, kein Ordner war.
Kerstin bewegte sich nicht schnell. Schnell fiel auf. Sie ließ nur die Hand tun, was ihr Chrom in zwei Sekunden tat und ein Arm aus Fleisch nicht einmal anfing. Die Spore kam aus dem Unterarm, trennte den Gurt und war zurück, ehe der durchschnittene Riemen zu Boden fiel — für jeden Blick daneben nur eine Frau, die sich durchs Gedränge schob. Das Köfferchen glitt in ihre andere Hand. Der Bote spürte nur, dass ein Gewicht von ihm ging, das er die ganze Zeit getragen hatte.
Sie hatte die Tasche.
„Bruch“, sagte Dobs, und seine Stimme kippte. „Der Hintere — er kommt hoch. Er ist schneller, als er sein sollte. Kerstin, er dreht sich —“
Der breite Mann ließ den Liegenden liegen, richtete sich auf und drehte den Kopf zurück zu dem Rücken, den er hütete. Der Rücken war nicht mehr da, wo er sein sollte. Einen halben Meter daneben stand eine Frau mit einem flachen Köfferchen in der Hand.
Sein Blick lief zu ihr.
Und rutschte ab.
Kerstin sah es und hatte kein Wort dafür. Sein Blick kam auf sie zu, fand die Stelle, an der sie stand — und ging weiter, an ihr vorbei, durch sie hindurch, als stünde dort nur mehr Menge. Für zwei Sekunden war sie nichts, was ein Auge festhielt. Sie hatte kein Chrom für das, was da geschah; ihre Augen meldeten ihr bloß einen Mann, der eine Diebin ansah und sie nicht fand. Etwas an der Luft neben ihr war falsch, und sie konnte nicht sagen, was.
Dann war die Enge vorbei, der Zug durch, die Menge löste sich und ging wieder, und Kerstin ging mit. Das Köfferchen verschwand unter der Jacke. Sie ließ sich vier Gassen weit treiben, ehe sie abbog.
„Raus?“, fragte Dobs.
„Raus.“
Sie fand ihn an der Rückwand eines Bratwurststands, wo niemand hinsah.
Mox stand nicht. Er hockte, ein Knie am Boden, beide Hände flach auf dem Pflaster, als könnte der Boden gleich kippen. Ihre Cyberaugen legten die Wärme über ihn, und die Wärme stimmte nicht. Sie lief aus ihm heraus, von den Händen nach innen, und ließ ihn kälter zurück, als ein Mensch an einem Julisonntag sein durfte. Sein Gesicht, als er aufsah, hatte etwas verloren. Nicht Schmerz. Etwas war ausgegangen, an der Stelle, wo sonst er war.
Sie brauchte einen Moment, bis es sich zusammensetzte. Der Blick, der von ihr abgerutscht war. Die falsche Luft. Ein Mann, der seit Wochen nur schauen konnte und nichts weiter.
Er hatte gewirkt.
„Seit wann“, sagte sie. Keine Frage. Sie ging neben ihm in die Hocke.
„Seit Weckhoven.“ Seine Stimme war ein Faden. „Ich wollte sicher sein, bevor ich es sage.“
„Du bist sicher.“
„Jetzt schon.“ Etwas, das kein Lächeln war, sondern der Platz, an den eins gehörte. „Es war zu groß. Einen Menschen verstecken, der sich bewegt, unter einem wachen Auge. Das liegt über mir. Ich hab es trotzdem genommen.“ Er atmete flach. „Der Riss ist wieder auf.“
Sie las es an der Wärme, die aus ihm lief. Drei Wochen Heilen, in zwei Sekunden ausgegeben — für die zwei Sekunden, die Jeck nicht hatte kaufen können. Das Erste, was er seit Meerbusch wieder besaß, hatte er nicht für sich behalten. Er hatte es über sie gelegt.
Sie sagte nichts davon; so etwas verrechnete man. Sie zog seinen Arm nicht über die Schulter — das hatte sie schon getan, und es hatte ausgesehen, was es war. Stattdessen stellte sie sich dicht neben ihn, gab ihm den Ellbogen zum Halten und ließ ihn hochkommen, langsam, das ganze Gewicht auf ihr.
„Du bist besoffen“, sagte sie leise. „Zu früh, zu viel. Ich bring dich heim. Das Gewöhnlichste der Welt.“
Ein Mann, der einen Betrunkenen aus der Menge führte, war erwartet, nicht versteckt — genau der Trick, den sie eben an dem Hinteren vorbeigetragen hatten, nur andersherum. Sie gab ihm die Deckung zurück, die er über sie gelegt hatte.
„Mox“, sagte sie einmal, als er schwankte, halb Befehl, halb das andere. Er fing sich an dem Namen und ging.
Am Abend lieferte Jeck ab. Prass wartete in einem Hinterzimmer der Schleuse, zupfte am Kragen und sah dreimal aufs Comm, ehe er die restlichen sechs auf den Tisch legte, in kleinen Scheinen, abgezählt von jemandem über ihm. Das Köfferchen blieb zu. Keiner fragte, was darin lag. Was zu Fuß durch eine halbe Million Menschen getragen wurde, wollte nicht geöffnet werden.
Zwölf gesamt. Zum vierten Mal ein Ausgang, der zahlte, statt zu kosten.
Auf dem Papier. Jeck saß später in Weckhoven am Klapptisch, das Geld in drei Haufen, und sah zu Mox in der Ofenecke, blass, in eine Decke gewickelt, drei Wochen zurückgeworfen. Er hatte den Plan ohne Magie gebaut, für einen Magier, der keiner sein konnte, und der Magier hatte die dünne Stelle mit dem gefüllt, was Jeck nicht eingeplant hatte, weil er nichts davon wusste.
„Du hättest es sagen können“, sagte Jeck. Kein Vorwurf. Ein Mann, der eine Rechnung nachtrug, in der ein Posten gefehlt hatte.
„Dann hättest du dich auf mich verlassen“, sagte Mox. „Ich wollte nicht, dass sich jemand auf mich verlässt, ehe ich weiß, dass ich trage.“
„Und? Trägst du?“
Mox sah in den Ofen. „Heute hat es getragen. Morgen heile ich wieder von unten. Beides ist wahr.“
Am Fenster zählte Kerstin nicht mit. Sie hatte ihren Anteil, das Team war im Plus, und in der Ofenecke heilte einer von tiefer, als er es am Morgen getan hatte. So stand die Rechnung. Und die Rechnung war, zum ersten Mal seit langem, keine, die ihm etwas genommen hatte. Er hatte etwas gegeben. Dass sie den Unterschied kannte, behielt sie für sich.