Kapitel 042 — Der Name
Der alte Zollhafen roch nach Diesel und totem Fisch und dem Rauch, den die Uferkinder machten, wenn sie in halben Ölfässern Holz verbrannten, das ihnen nicht gehörte. Dobs kannte den Geruch, seit er denken konnte. Er war hier großgeworden, zwischen den leeren Speicherhäusern am Wasser, und das Komische war, dass ihm der Gestank erst fehlte, seit er ihn nicht mehr jeden Tag hatte.
Er hatte nichts Bestimmtes mitgebracht. Ein Netz Äpfel, weil man mit leeren Händen nicht zu Leuten ging, die selbst nichts hatten. Das Geld aus dem Zug lag verteilt in Weckhoven, seine Hälfte war längst hier gewesen, für die zwei Kleinen, die Gesa über den Winter aufgenommen hatte. Er kam nicht wegen des Gelds. Gesa hatte ihn gerufen, und Gesa rief niemanden ohne Grund.
Sie saß, wo sie immer saß, auf einer umgedrehten Kiste neben dem Fass, die Hände über der Wärme, und sah ihn kommen, ohne den Kopf zu heben.
„Kind“, sagte sie. Keine Begrüßung, nur die Feststellung, dass er da war.
„Du hast gerufen.“ Dobs stellte die Äpfel auf die Kiste. „Ist was mit Milla?“
„Milla ist ruhig. Milla schläft und isst und lernt das Blech.“ Gesa schob einen Apfel mit einem Finger von sich weg, als sei er eine Rechnung, die sie nicht bestellt hatte. „Es geht um den Kleinen. Töle. Sechs Wochen bei uns. Er geht zu tief.“
Dobs setzte sich auf die Kaimauer, den Rücken zum Wasser. „Wie tief?“
„Tiefer, als ein Kind gehen soll, das kaum weiß, wo oben ist.“ Ihre Stimme blieb trocken, kein Ton fiel heraus. „Er geht rein, er geht runter, er kommt zitternd zurück, und in der Nacht geht er wieder. Ich kann ihm sagen, er soll es lassen.“ Sie sah endlich auf. „Er hört mich nicht. Ich bin die Alte, die es nicht mehr kann. Für ihn rede ich über etwas, das ich verloren habe.“
„Und ich?“
„Du kannst es noch.“ Sie sagte es ohne Neid, eine Zahl in einer Spalte. „Er fragt nach dir. Wenn du kommst, redet er drei Tage nur von dir.“ Zum ersten Mal lag etwas in ihrem Gesicht, das kein Rechnen war, und sie sprach es aus, statt es zu verstecken. „Er nennt dich den Jungen, der Luft ist. Er hat es von den Größeren. Sie erzählen sich, dass einer von uns rausging in die echte Arbeit und keine Spur hinterließ. Das bist du.“
Dobs sagte nichts. Der Rauch zog über das Wasser. Irgendwo weiter hinten, in dem Speicher, in dem er selbst mit zwölf geschlafen hatte, saß ein Kleiner, für den sein Name eine Geschichte war, die gut ausging.
Das war es, was Kerstin gemeint hatte, ohne es breit zu sagen, als der Fremde ihn vor Wochen drei Wochen lang gesucht hatte. Ein Name war etwas, das andere in der Hand hielten. Man konnte damit gefunden werden. Man konnte damit auch bewundert werden, und das eine hing an dem anderen und ließ sich nicht trennen.
Er fand Töle im hinteren Speicher, in der Ecke, in die auch er sich früher verkrochen hatte, weil sie von zwei Türen gleich weit weg lag. Ein schmales Kind mit zu großen Augen und einer Datenbuchse hinter dem Ohr, die noch zu neu aussah für den Kopf, an dem sie saß. Der Kleine sprang auf, als er Dobs erkannte, und wurde sofort wieder ganz still, weil er nicht wusste, was man mit jemandem machte, den man bewunderte.
„Du bist der“, sagte Töle.
„Ich bin der.“ Dobs hockte sich hin, damit sie auf einer Höhe waren. „Gesa sagt, du gehst tief.“
„Ich hab keine Angst.“ Es kam zu schnell und zu laut, und darunter war die Angst, die er wegredete. „Ich geh weiter runter als die anderen. Ich hab was gesehen, ganz unten, so ein —“
„Geh nicht zu tief.“
Das Kind stockte. Dobs hörte die drei Worte in seinem eigenen Mund und wusste genau, wo er sie herhatte. Ein wortkarger Mann mit einer Schlangenruhe hatte sie zu ihm gesagt, das erste Mal vor einem jacked-in, leeren Körper, und danach noch oft, so beiläufig, dass Dobs sie lange für eine Angewohnheit gehalten hatte statt für eine Lehre. Er verstand erst jetzt, mit dem Kind vor sich, dass es beides gewesen war.
„Warum nicht?“, fragte Töle, trotzig. „Du gehst doch auch.”
„Ich geh, weil ich weiß, wann ich umdrehe. Das ist der ganze Unterschied.“ Dobs suchte nach etwas, das ein Sechsjähriger behielt. „Weißt du, warum keiner mich findet, wenn ich draußen arbeite? Nicht weil ich der Beste bin. Weil ich nichts anfasse, das mich festhält. Ich bin drin und wieder weg, ehe das Netz merkt, dass jemand da war. Luft.“ Er tippte dem Kleinen leicht gegen die Brust. „Wer zu tief geht, ist keine Luft mehr. Wer zu tief geht, bleibt hängen. Und was einmal hängt, das holt keiner ganz zurück.“
Er sagte nicht: Frag Milla. Er musste es nicht. Töle wusste, dass die Stille im Nebenhaus einmal eine gewesen war, die zu früh und zu ganz drin gesteckt hatte und nicht mehr herauskam, und dass sie das Netz nun nur noch von außen betrat, mit Blech, das Los der geschwundenen Alten. Der Kleine sah einen Moment zur Wand, hinter der Milla schlief, und etwas an seinem Trotz wurde kleiner und ehrlicher.
„Zeigst du’s mir?“, fragte er. „Wo man umdreht?”
„Nicht heute. Heute bleibst du oben.“ Dobs richtete sich auf, und seine Knie knackten, und das war neu und störte ihn kurz. „Aber ich komm wieder. Und wenn du bis dahin oben bleibst, zeig ich dir, wie man sieht, ohne dass man reinfällt. Abgemacht?“
„Abgemacht.“ Der Kleine grinste, und für einen Moment war er nur ein Kind, das nichts mehr wollte, als dass jemand wiederkam.
Draußen war die Luft klar über dem Wasser, der Rauch dünn. Dobs blieb an der Kaimauer stehen und ließ, aus Gewohnheit, den alten Sinn über den Hafen laufen, den er nie ganz abstellen konnte — die Netze der Speicher, die stummen Kästen, das Nichts, das nach dem Zug ein Nichts geblieben war. Keine Welle. Keiner fragte nach einer Frau mit einem Köfferchen. Das Team war Luft geblieben, sauber, wie geübt.
Nur er selbst war es nicht mehr ganz. In einem hinteren Speicher lag jetzt ein Name über ihm, ausgesprochen von einem Sechsjährigen, und ein Name war eine Spur, die man nicht löschen konnte, weil sie in einem fremden Kopf lag. Er hatte immer geglaubt, das Teuerste am Draußensein sei, gesehen zu werden. Er begriff auf dem Rückweg, dass es teurer war, erinnert zu werden — und dass er, zum ersten Mal, nicht sicher war, ob er den Preis zurückwollte.
Er zog den Kragen hoch und ging zurück nach Weckhoven, wo einer heilte und einer teilte und keiner ihn bei einem Namen nannte, den er nicht selbst gewählt hatte.