Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 043 — Die Einbringung

Mox zählte inzwischen Stufen.

Vierundzwanzig bis zum Zwischenpodest, dann eine Pause, in der er so tat, als sähe er aus dem Fenster, dann noch einmal vierundzwanzig. Vor dem Schützenfest hatte er die achtundvierzig in einem Stück genommen und keinen Gedanken daran verschwendet. Der Riss hinter seinen Augen war nicht aufgegangen, weil er ungeschickt gewesen wäre. Er hatte ihn aufgemacht, absichtlich, für zwei Sekunden in der Oberstraße, und zahlte jetzt in Treppenstufen.

Zwei Wochen. Die Wohnung in Weckhoven stand seit Tagen in der Augusthitze, ein Kasten aus Rauputz mit einer Küchenzeile, die niemand benutzte, und drei Matratzen, die niemand einrichtete. Genau so war sie gemietet worden. Kein Zuhause, eine Adresse.

Jeck saß am Klapptisch, das Comm quer vor sich, und aß kalte Nudeln aus einer Schale.

„Brandt hat sich gemeldet.“ Er schob die Schale weg. „Wortlaut: Der Genaue ist wieder da. Will nur mit euch.

Mox setzte sich langsam. „Domke.“

„Domke.“ Jeck lehnte sich zurück und grinste ohne besondere Freude. „Weißt du, was daran das Interessante ist? Nicht der Job. Dass er uns wiederfindet. Wir stehen irgendwo. Irgendwo gibt es einen Satz, der heißt: die in Neuss, die halten den Termin.

„Steht wo?“

„Genau.“ Jeck tippte sich an die Schläfe. „Deshalb fahren wir hin.“

Sie hatten das Geld vom Zug noch fast vollständig. Jeck hatte in zwei Wochen drei Anfragen abgesagt, zwei davon, weil sie Muskeln brauchten und Kerstin allein keine Kolonne war, eine, weil sie nach einem Magier roch. Nichts davon hatte er Mox gegenüber so gesagt. Mox wusste es trotzdem, und beide ließen es liegen.

Kerstin fuhr und blieb im Wagen. Dobs war bei den Uferkindern, wo er einem Sechsjährigen beibrachte, wo man umdreht.

Der Treffpunkt war das Selbstbedienungsrestaurant im Obergeschoss eines Möbelmarkts an der B9, halb vier an einem Dienstag. Kunstlicht, Resopal, ein Bällebad zwei Reihen weiter, in dem drei Kinder kreischten. Domke saß mit einem Tablett am Fenster und schnitt Königsberger Klopse in gleich große Stücke.

„Setzen Sie sich, bitte. Das Essen ist nicht gut, aber es ist billig, und das ist hier der Punkt.“ Er tupfte sich den Mund. „Ein Ort ohne Erwartung. Niemand hört zu, wo alle müde sind und alle essen. Ich habe das über Jahre verglichen.“

„Sie sehen erholt aus“, sagte Jeck.

„Streng genommen bin ich das nicht, aber ich schlafe ordentlich, was etwas anderes ist.“ Domke legte das Besteck ab, exakt parallel, und zog ein Notizbuch aus der Innentasche. Echtes Papier, abgegriffene Ecken. „Ich komme wieder auf Sie zu, weil Ihre letzte Arbeit reproduzierbar war. Das ist kein Kompliment für Ihren Mut. Es ist eins für Ihre Genauigkeit, und Genauigkeit kaufe ich lieber.“

Mox saß schräg, den Rücken zur Wand, und ließ die Wahrnehmung aufgehen. Es kostete ihn nichts, es hatte ihn nie etwas gekostet, und es war seit dem Fest das Einzige, was er noch ohne Rechnung tun konnte. Der Raum war stumpf und warm und voller kleiner, müder Auren. Über Domke lag nichts. Unter ihm auch nichts — kein Zweiter, keine Deckung, kein fremder Faden, an dem jemand zog. Nur ein Mann, der ganz und gar aus seiner eigenen Sorgfalt bestand.

Eine Sache war neu. In der Sorgfalt saß ein Widerwille. Nicht Angst — Domke hatte keine Angst, dazu war er zu ordentlich sortiert. Er mochte nur seinen eigenen Auftrag nicht.

Mox behielt es für sich und ließ die Wahrnehmung wieder zufallen. Es war niemand im Raum, der zurücksah. Das war das Einzige, weshalb er heute nichts riskierte: wer jetzt hersähe, läse ihn in einer Sekunde und wüsste, dass an ihm etwas offen war. Ein Magier mit einem Loch ist ein Preisschild.

„Nennen Sie es“, sagte Jeck.

„Gern.“ Domke schlug das Notizbuch auf. „Vorweg eine Abgrenzung, damit wir nicht aneinander vorbeireden: Es handelt sich nicht um eine Entwendung. Genauer gesagt um das Gegenteil. Um eine Einbringung.“

Jeck hob eine Augenbraue. „Wir sollen was hinlegen.“

Hinlegen unterschlägt die Anforderungen.“ Domke drehte das Buch um und schob es über den Tisch. Eine Handschrift, so klein und aufrecht, dass sie gedruckt aussah. „Vierling Analytik, Neuss-Uedesheim. Ein Prüflabor mit elf Angestellten. Es zertifiziert Chargen für drei mittlere Chemiebetriebe in der Region — Reinheit, Rückstände, das Übliche. Jede geprüfte Charge hinterlässt eine Rückstellprobe im Archiv des Labors, gekühlt, nummeriert, mit Vorgangsnummer im System. Im September ist Reakkreditierung. Die Prüfstelle zieht dabei Rückstellproben, zufällig, und misst nach.“

„Und Sie wollen, dass sie etwas findet.“

„Ich möchte, dass eine Probe im Archiv liegt, die dort seit März liegen müsste.“ Domke tippte auf eine Zeile. „Physisch am richtigen Platz, im richtigen Fach, mit dem richtigen Etikett. Und im System mit einer Vorgangsnummer aus dem März, sauber in die laufende Nummerierung eingehängt, ohne Bearbeitungsspur. Beides. Eines allein ist wertlos und für Sie gefährlicher als beides.“

Jeck las die Zeile zweimal. „Und was ist in der Probe?“

„Toluoldiisocyanat, deutlich über dem Grenzwert, in einer Charge, die Vierling im März als sauber freigegeben hat.“ Domke sagte es ohne jede Betonung. „Sie fragen mich, was drin ist. Ich sage es Ihnen. Beim letzten Mal war der Inhalt für unsere Zwecke unerheblich, und das war die Wahrheit. Diesmal ist er der ganze Zweck, und das ist ebenfalls die Wahrheit. Ich möchte nicht, dass Sie glauben, ich hielte einen Stil durch.“

„Der Mandant“, sagte Jeck.

„Ein konkurrierendes Labor. Es will die drei Verträge. Nach dem Entzug der Akkreditierung werden sie neu vergeben, und das dauert vier Wochen.“ Domke nahm das Buch zurück. „Sie sehen, es ist keine große Geschichte. Es ist eine kleine, hässliche, sehr gewöhnliche.“

Jeck ließ die Pause stehen, die er immer stehen ließ. Draußen im Bällebad brüllte ein Kind.

„Elf Angestellte“, sagte er.

„Ja.“ Domke notierte etwas. „Ich sage Ihnen ausdrücklich nicht, dass niemand zu Schaden kommt. Das wäre unpräzise, und außerdem falsch.“

Sie handelten. Nicht am Preis — vierundzwanzig, acht bar sofort, und Jeck ging nicht daran, weil das Polster noch trug und weil ein Mann, der zu schnell am Geld zieht, sich verkauft. Er handelte an den Tagen. Domke wollte neun, wegen des Termins. Jeck wollte vierzehn, wegen der Vorgangsnummern, die keine Bearbeitungsspur tragen durften. Sie einigten sich auf zwölf, und Domke schrieb das Datum in sein Buch und unterstrich es einmal.

Dann legte er einen gepolsterten Umschlag auf den Tisch, zwischen die Serviette und das Tablett, und schob ihn zwei Handbreit hinüber.

Mox nahm ihn. Durch das Polster kam die Kälte an seine Finger, und in dieser Wohnung, in diesem Sommer, in diesem Körper war das die erste angenehme Empfindung seit Tagen.

„Eine Frage noch“, sagte er. „Geht jemand dafür ins Gefängnis?“

Domke hörte auf zu schreiben. Einen Moment lang sah er das Notizbuch an, statt zu antworten, und als er antwortete, saß jedes Wort noch eine Spur genauer als vorher.

„Das ist eine Frage nach einer Folge. Folgen sind mir nicht zugänglich, und ich verkaufe Ihnen keine Lücke als Wissen. Was ich Ihnen nennen kann, sind Bedingungen.“ Er klappte das Buch zu und sah Mox dabei nicht an. „Zwischen zwei und sechs Grad. Durchgehend. Auch nachts, auch im Wagen, auch wenn Ihnen zwölf Tage lang nichts geschieht. Nicht darunter — unter null verändert sich das Material, und ein Prüfer, der das sieht, sieht anschließend alles andere auch. Halten Sie die Kette, dann trägt die Geschichte. Alles Weitere ist nicht meine Zuständigkeit und, mit Verlaub, auch nicht Ihre.“