Kapitel 044 — Das leere Fach
Die Kiste stand in Weckhoven auf dem Küchenboden und summte.
Halm hatte sie rausgerückt, eine Transportbox für Blutkonserven, Digitalanzeige vorn, zwei Stunden Puffer, wenn der Strom wegblieb. Er hatte nicht gefeilscht. Das war neu. „Vier Grad“, hatte er gesagt und dabei nicht die Probe angesehen, sondern die Anzeige. „Ich häute Leute für weniger. Kippt mir das Ding nicht.“
Mox saß neben der Kiste auf dem Boden, den Rücken an der Wand. Dritter Tag von zwölf, vier Komma eins. Seit zwei Nächten übernahm er die Wache, weil er ohnehin wach lag und weil das Ablesen einer Zahl ihn nichts kostete. Keiner sagte das laut.
„Ich fahre“, sagte Kerstin.
„Dobs ist um elf drin.“
„Dann bin ich um elf da.“
Das Gewerbegebiet in Uedesheim lag zwischen der Bundesstraße und dem Deich, und über allem hing der Rhein, breit und schwarz und lauwarm. Vierling Analytik GmbH — Prüflabor stand auf einem Schild aus gebürstetem Alu, das teurer war als der Bau dahinter: Klinker bis Brusthöhe, darüber Riffelblech, ein Flachdach mit zwei Lüftern, die im Wechsel ansprangen. Links eine Spedition, rechts ein Getränkelager. Fünf Stellplätze, auf einen davon war Besucher auf den Asphalt gemalt.
Um dreiundzwanzig Uhr zehn stand ein Wagen auf dem zweiten Platz. Klein, alt, ein Kindersitz hinten.
Kerstin lag seit vierzig Minuten flach auf dem Dach des Getränkelagers, die Ellbogen im warmen Kies. Ihre Augen schalteten von Restlicht auf Wärme und zurück. Restlicht: ein Flur hinter Milchglas, zwei Türen, eine Notbeleuchtung. Wärme: die Lüfter als zwei helle Flecken, ein Streifen an der Rückwand, wo eine Kühlung gegen die Nacht drückte, und dahinter, klein und aufrecht und langsam wandernd, ein Mensch.
„Ich hab dein Haus“, sagte Dobs im Ohr. Er klang, als säße er aufrecht, was er nie tat. „Kleines Vorgangssystem, alt, aber ordentlich geführt. Elf Nutzer. Deine Charge: null drei — null vier eins sieben, freigegeben am neunzehnten März, Prüferkürzel HB. Rückstellprobe: Archiv, Fach C vierzehn.“
„Und die Nummern?“
„Lückenlos von Januar bis vorgestern. Das ist die gute Nachricht und die schlechte. Ich krieg eine Nummer da rein, aber sie muss von unten wachsen, nicht von oben reingedrückt. Dauert Nächte.“ Ein Rascheln. „Kerstin. Die Anlage ist nicht scharf.“
„Ich weiß.“
Die Wartungstür an der Rückseite hatte einen Zylinder aus den Achtzigern, den man mit Geduld und einem Draht überredete. Sie brauchte neunzig Sekunden und hatte danach einen Film im Nacken. Drinnen roch es nach Aceton, nach Kaffee und nach Bohnerwachs, in dieser Reihenfolge. Linoleum, das an den Nähten hochstand. Türen mit gedruckten Schildern: Probenannahme. Waage. Umkleide. An der Wand hing ein Aushang über die Reakkreditierung im September, dreimal unterstrichen, darunter mit Kugelschreiber: Bitte JEDER lesen.
Am Ende des Flurs stand eine schwere Tür mit einem Sichtfenster, Reif an den Rändern. Daneben ein Transponderleser, dessen Diode grün stand.
Kerstin ging hinter einen Putzwagen, machte sich klein und sah durch das Glas.
Der Kühlraum war vier Schritte breit. An den Wänden Gestelle, Reihe A bis D, jedes Fach nummeriert, in jedem Fach eine braune Glasflasche in einer Halterung, Etikett nach vorn, alle gleich hoch, alle gleich weit vorn geschoben. Jemand hielt das hier sauber, und dieser Jemand tat es nicht für eine Prüfstelle, sondern weil es so gehörte.
In der Mitte stand eine Frau. Mitte fünfzig, Fleecejacke über dem Kittel, die Hände in den Taschen. Sie arbeitete nicht. Sie stand vor Reihe C und sah sie an.
Kerstin zählte die Fächer von links. Türen, Wachen, Ausgänge, Fächer — das Zählen war dasselbe. Sie war bei elf, als sie es hatte.
„C vierzehn ist leer“, sagte sie leise.
Im Ohr blieb es zwei Sekunden still.
„Im System liegt sie da“, sagte Dobs. „Bestand: Archiv. Kein Ausgang gebucht, keine Entnahme, nichts.“
„Dann war sie mal da.“
„Dann hat jemand sie geholt und dem System nichts davon erzählt.“
Die Frau nahm eine Hand aus der Tasche und griff in das leere Fach. Der Arm ging bis zum Ellbogen hinein, in nichts. Sie zog ihn zurück, langsam, und ließ die Hand fallen.
„Kerstin.“ Dobs’ Stimme war schneller geworden. „Die Kühlraumtür schreibt jede Öffnung mit, das läuft über die Schließanlage, nicht übers Vorgangssystem, deshalb hab ich’s erst jetzt. Seit Anfang April sechzehnmal nachts. Zwischen dreiundzwanzig und eins. Immer derselbe Transponder. Nummer sieben.“
„Und Nummer sieben ist?“
„In der Schließanlage stehen keine Namen. Nur Kürzel.“ Eine Pause, in der er es selbst las und selbst begriff. „HB.“
Kerstin blieb hinter dem Putzwagen liegen und rechnete es zusammen, ohne dass es lange gedauert hätte.
Vierling hatte im März eine dreckige Charge sauber geschrieben. Die Frau, die sie freigegeben hatte, war irgendwann danach in diesen Raum gegangen und hatte die Flasche mitgenommen, die es beweisen konnte, und seitdem kam sie nachts wieder, sechzehnmal, und sah das Fach an, in dem nichts mehr lag.
Domke hatte den Auftrag als Einbringung verkauft. Eine Lüge ins Archiv legen, ordentlich, mit Etikett und Nummer, damit im September jemand darüber stolpert. Nur lag an dieser Stelle keine Lüge mehr. An dieser Stelle lag ein Loch, und was das Team hineinlegen sollte, war die Wahrheit.
Das änderte nichts an den elf Angestellten. Es änderte nur, wer sie verdient hatte, und das war eine Rechnung, die Kerstin heute Nacht nicht aufmachte.
Der Reif am Sichtfenster verzog sich, als die Tür von innen aufging.
Die Frau kam heraus, zog die Fleecejacke enger und ging den Flur hinunter, drei Meter an dem Putzwagen vorbei. Kerstin lag im Schatten zwischen Wagen und Wand, den Kopf abgewandt, den Atem flach. Die Sporne saßen einen Gedanken unter der Haut und wollten hoch, weil das Chrom immer schneller entschied als sie. Sie ließ sie sitzen. Die Frau roch nach kalter Luft und Handcreme. Sie sah nicht nach unten. Leute, die nachts allein in ihr eigenes Labor gehen, rechnen mit vielem, aber nicht damit, dass jemand mitgekommen ist.
Vor der Tür blieb sie stehen und legte die Hand flach auf das Blatt, mit dem Aushang über die Reakkreditierung darauf. Nicht lange. Dann schaltete sie die Anlage scharf und ging.
Um null Uhr vierunddreißig sprang draußen der Wagen an.
Kerstin blieb liegen, bis das Geräusch die Straße hinunter verschwunden war, und rechnete zurück, wie lange die Frau in dem kalten Raum gestanden hatte, in dem sie nichts geholt und nichts gebracht hatte.
Elf Minuten. Eine für jeden.