Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 045 — Die siebzehnte Nacht

Jeck ließ sich die Nacht dreimal erzählen.

Beim ersten Mal sagte Kerstin, was geschehen war. Beim zweiten Mal, was sie gesehen hatte. Beim dritten Mal, in welcher Reihenfolge — und erst da wurde es brauchbar. Eine Aufzählung sagt nichts über einen Menschen. Eine Reihenfolge sagt alles.

Vierter Tag. In der Küche hielt Halms Kiste ihre vier Grad, Mox saß daneben mit dem Rücken an der Wand und hatte in dieser Nacht wieder nicht geschlafen. Dobs lag quer über einer Matratze, das Comm auf dem Bauch, und redete an die Zimmerdecke.

„Sechzehn Öffnungen seit April“, sagte er. „Die letzte war die von heute Nacht. Immer Transponder sieben, immer zwischen dreiundzwanzig und eins, nie länger als eine Viertelstunde. Und, damit das mal jemand ausspricht: die Kühlraumtür schreibt jede Freigabe mit. Jede. Wer die aufmacht, steht anschließend drin.“

Jeck stellte den Becher ab. „Dann zähl mir die Schlösser auf.“

„Drei.“ Dobs hob den Daumen. „Die Vorgangsnummer. Die muss von unten wachsen, März, sauber eingehängt, ohne dass jemand sieht, dass sie später gekommen ist. Vier Nächte, wenn nichts dazwischenkommt.“ Zeigefinger. „Das Etikett. Barcode aus der Nummer, also erst danach, und es muss aus ihrem Drucker kommen. Nicht aus einem anderen. Wer im September zwei Etiketten nebeneinanderlegt, sieht den Unterschied im Papier, bevor er ihn liest.“ Mittelfinger. „Und die Tür. Ich krieg das Protokoll nicht sauber gelöscht. Ich krieg da nichts raus, ohne dass eine Lücke drinsteht, und eine Lücke ist schlimmer als ein Eintrag.“

„Und das vierte Schloss läuft auf zwei Beinen und hat einen Kindersitz im Wagen“, sagte Kerstin.

Jeck sagte eine Weile nichts. Draußen fuhr ein Bus vorbei, die Hitze stand schon um acht in dem Rauputzkasten, und auf dem Klapptisch lag der Umschlag mit den acht, an dem noch niemand gewesen war.

„Erste Frage“, sagte er. „Sagen wir es Domke?“

„Er kauft Genauigkeit“, sagte Mox.

„Er kauft eine Probe in einem Fach.“ Jeck drehte den Becher. „Alles, was ich ihm darüber hinaus erzähle, ist ein Geschenk an einen Mandanten, den ich nicht kenne, in einem Gewerbe, das ich nicht mag. In der Sekunde, in der irgendwo ein Laborchef erfährt, dass die Prüferin von Vierling ihre eigene Rückstellprobe weggeräumt hat, ist die Frau kein Mensch mehr. Sie ist ein loses Ende. Lose Enden werden festgemacht, und zwar nicht von uns.“

„Und wenn er es später selbst herausfindet?“ fragte Kerstin.

„Dann waren wir ungenau.“ Er sah sie an. „Das ist im Moment das Teuerste, was wir zu verlieren haben. Ich nehm’s trotzdem.“

Niemand widersprach. Dobs hob die Augenbrauen an die Decke und ließ sie wieder fallen.

„Zweitens: dein Zugang.“ Jeck drehte sich zu ihm. „Vier Nächte in einem System mit elf Nutzern. Wie oft bist du dabei der zwölfte?“

„Gar nicht, wenn ich’s richtig mache. Aber ich brauch was, das ich nicht hab.“ Dobs setzte sich auf. „Die Software ist alt. Der Hersteller hat damals für jede Installation einen Wartungsweg gelassen, damit er nicht jedes Mal rausfahren muss. Den gibt’s noch, den kennt bei Vierling keiner mehr, und den kenn ich auch nicht. Gesa hat das Zeug von damals. Sie hat es sortiert, weil sie alles sortiert.“

„Was will sie?“

„Zwei.“

Jeck zog zwei Scheine aus dem Umschlag, faltete sie einmal und legte sie neben das Comm. Sechs blieben. Umsonst arbeitete bei den Uferkindern niemand mehr für sie, und das war in Ordnung; ein Gefallen, den man aufbraucht, ist weg, ein Preis, den man zahlt, bleibt bezahlbar.

„Drittens.“ Er stand auf und ging zum Fenster, weil er im Stehen besser sortierte. „Die Tür. Wir können sie nicht aufmachen, ohne uns hineinzuschreiben. Also machen wir sie nicht auf.“

Kerstin wartete.

„Wir brauchen nicht die Nacht, in der sie nicht kommt“, sagte Jeck. „Wir brauchen die, in der sie kommt.“

Es dauerte zwei Sekunden, dann sah er es in Kerstins Gesicht ankommen. Sie nickte einmal, kurz, ohne irgendetwas dazu zu sagen, und rechnete schon.

„Sie schließt auf“, sagte Jeck. „Ihr Transponder, ihre Uhrzeit, ihre Gewohnheit. Das Protokoll bekommt genau den Eintrag, den es seit April jede Woche bekommt. Siebzehn statt sechzehn. Kein Mensch, der im September auf diese Liste sieht, stolpert über einen Eintrag, der von den sechzehn davor nicht zu unterscheiden ist.“

„Sie steht elf Minuten in dem Raum“, sagte Mox. Er sagte es leise und ohne Betonung, mit dem Kopf an der Wand. „Vor dem Fach, in das ihr etwas hineinstellen wollt.“

„Deshalb geht Kerstin danach rein. Nicht währenddessen.“ Jeck sah sie an. „Wie lange hast du?“

„Zwei Minuten zehn.“ Kerstin sagte es aus dem Kopf, ohne nachzudenken. „So lange hat sie gestern von der Kühlraumtür bis zur Anlage gebraucht. Achtzig Sekunden davon stand sie im Flur an dem Aushang und hat die Hand darauf gelegt. Die Tür fällt hinter ihr zu, aber sie fällt nicht ins Schloss, wenn was in der Falle liegt. Ich brauch keine zwei Minuten. Ich brauch vierzig Sekunden für ein Fach in Reihe C.“

„Und wenn sie umdreht?“

„Dann steht sie im Kühlraum und ich hinter der Tür, und dann haben wir ein anderes Gespräch.“ Kerstin sagte das flach, und dahinter lag alles, was sie nicht sagte.

Jeck ließ es liegen. Er ließ es absichtlich liegen, weil dieses Gespräch nicht heute geführt werden musste und weil er inzwischen wusste, an welchem Tag Kerstin Rechnungen aufmachte und an welchem nicht.

„Bleibt der Rest“, sagte er. „Sie kommt nachts wieder, immer wieder, und irgendwann kommt sie zum ersten Mal an ein Fach, in dem etwas steht. Sie ist die einzige Person in dem Haus, die genau hinsieht. Wir bauen ihr die Nacht, in der sie findet, was sie selbst rausgeholt hat.“

„Und dann holt sie es wieder raus“, sagte Dobs.

„Möglich.“

„Nein“, sagte Mox.

Alle drei sahen zu ihm. Mox machte die Augen nicht auf.

„Wer etwas verschwinden lässt, geht danach nicht sechzehnmal an die Stelle zurück, an der es gelegen hat. Verstecken sieht anders aus. Das ist kein Verstecken.“ Er drehte den Kopf ein Stück. „Das ist Warten.“

Jeck dachte an die flache Hand auf dem Aushang, die er selbst nie gesehen hatte, und die ihm Kerstin heute dreimal beschrieben hatte, jedes Mal knapper.

„Gut“, sagte er. „Dann warten wir mit ihr.“

Er zählte es ihnen vor. Vier Nächte für Dobs’ Nummer, eine für das Etikett aus dem richtigen Drucker, dazu die Kiste, die zwischen zwei und sechs Grad stehen musste, auch nachts, auch im Wagen, auch wenn zwölf Tage lang nichts geschah. Blieben drei Tage Luft, und Luft war das, wovon sie am wenigsten hatten und woran sie sich am meisten gewöhnt hatten.

In der siebzehnten Nacht würde nichts geschehen. Eine Frau in einer Fleecejacke würde aufschließen, in einen kalten Raum gehen, ein Fach ansehen, wieder herauskommen, die Hand auf einen Zettel im Flur legen, die Anlage scharf stellen und nach Hause fahren. Genau so würde es in jedem Protokoll stehen, das jemals jemand aufmachte.

Und hinter ihr, in Reihe C, würde eine braune Glasflasche stehen, die seit März dort stand.