Kapitel 046 — Reihe C
Zehnter Tag von zwölf.
Um zweiundzwanzig Uhr vierzig saß Kerstin hinter dem Getränkelager im Unkraut an der Rückwand, drei Schritte von der Wartungstür, und hielt einen Isolierbehälter von der Größe eines Brotkastens zwischen den Knien. Dreieinhalb Grad, zwei Stunden Reserve. Darin die braune Flasche und das Etikett, das seit Freitagnacht aus dem richtigen Drucker kam.
„Nummer hängt seit Donnerstag“, sagte Dobs im Ohr. „Von unten gewachsen, vier Nächte, eingehängt zwischen dem siebzehnten und dem neunzehnten März. Kein Bearbeitungsvermerk, keine Änderungszeile. Ich hab sie mir dreimal von der Seite angesehen und ich seh sie nicht.“
„Und der Druckauftrag?“
„Zweiundzwanzig Sekunden, danach aus der Warteschlange geräumt. Dasselbe Papier, dieselben Ränder.“
Dann wurde es lang. Zweiundzwanzig Uhr fünfzig. Dreiundzwanzig Uhr. Über dem Deich stand der Rhein und roch nach warmem Öl.
Um dreiundzwanzig Uhr zwölf schlug draußen eine Wagentür.
„Leser“, sagte Dobs. „Transponder sieben. Anlage ist weg.“
Der Achtziger-Zylinder gab beim zweiten Mal nach sechzig Sekunden nach. Drinnen Aceton, Kaffee, Bohnerwachs. Am Ende des Flurs stand die schwere Tür zu, der Reif an den Rändern nach innen verzogen, und im Kühlraum bewegte sich ein Schatten hinter dem Sichtfenster.
Kerstin ging bis zum Putzwagen, hinter dem sie schon einmal gelegen hatte. Der Kittel über dem Griff hing noch genauso schief.
Dann sah sie die Wand.
Vier Streifen Klebeband saßen noch da, ordentlich an den Ecken, und dazwischen war die Wand ein Stück heller. Der Aushang über die Reakkreditierung fehlte. Nicht abgefallen — jemand hatte das Blatt herausgezogen und die Ecken stehen gelassen.
„Der Zettel ist ab“, sagte sie.
„Welcher Zettel?“
„Der im Flur.“ Sie rechnete es zusammen, während sie sprach. „Achtzig Sekunden von meinen hundertdreißig standen auf dem Zettel.“
Dobs brauchte länger als sie. „Dann hast du fünfzig.“
„Fünfzig.“
„Wir haben zwei Tage Puffer. Nächste Woche kommt sie wieder.“
„Sie kommt wieder“, sagte Kerstin. „Der Zettel nicht.“
Elf Minuten. Dieselben elf. Kerstin lag flach, den Behälter unter dem Ellbogen, und ließ die Zeit ablaufen, ohne sie anzusehen.
Dann ging die Tür auf.
Kerstin war daneben, bevor der Türschließer sie zur Hälfte zurückgeholt hatte. Panzerband, zwei Finger breit, quer über die Falle. Die Tür fiel zu und traf nichts. Zwei Meter vor ihr ging eine Fleecejacke den Flur hinunter und drehte sich nicht um.
An der Wand mit den vier Klebestreifen blieb die Frau nicht stehen. Sie sah sie an, im Gehen, einen Schritt lang, und ging weiter zur Anlage.
Kerstin zog die Tür auf und trat ein, und die Kälte legte sich sofort auf den Film in ihrem Nacken.
Reihe C, von links das vierzehnte Fach. Die Halterung war eine Klammer aus federndem Blech, und sie war für einen anderen Flaschenhals gebogen worden. Die Flasche kippte einmal weg. Kerstin drehte sie, bis das Etikett nach vorn stand, und drückte die Klammer mit dem Daumen nach. Die dreizehnte stand einen Daumen breit vor der Rückwand. Sie schob die vierzehnte auf denselben Strich.
Achtunddreißig. Neunundvierzig. Zweiundfünfzig.
Bei zweiundfünfzig ging die Tür auf.
Kerstin nahm die Hände von der Halterung und ließ sie hängen, offen, wo die Frau sie sehen konnte. Das Chrom in ihren Unterarmen entschied diesmal nichts. Es hatte niemanden zu erkennen.
„Die steht zu weit vorn“, sagte die Frau.
Kerstin sagte nichts.
Die Frau kam zwei Schritte herein. Sie sah nicht in Kerstins Gesicht, sondern auf Reihe C, und schob die Flasche mit einem Finger einen halben Zentimeter zurück, bis sie auf der Linie der anderen stand. Dann las sie das Etikett. Sie las es zweimal.
„Null drei null vier eins sieben“, sagte sie. „Freigegeben am neunzehnten. Rückstellung am zwanzigsten.“ Sie richtete sich auf. „So steht es im Plan.“
„Ja.“
„Es ist nicht die Flasche.“
„Nein.“
Die Frau nickte. Sie sah dabei aus, als hätte sie eine Rechnung nachgeprüft und richtig gefunden.
„Die andere liegt bei mir im Kühlschrank. Hinter der Milch, seit dem dritten April.“ Ihre Hände hatten den Rand des Gestells gefunden und richteten zwei Flaschen aus Reihe D nach vorn, die nicht schief standen. „Ich habe sie zweiundvierzigmal in der Hand gehabt und nicht in den Ausguss geschüttet. Zweiundvierzig erreicht man nicht aus Versehen.“
„Nein.“
„Da wurde im März etwas freigegeben, das nicht freizugeben war.“ Sie sagte es in der Form, in der es in einem Bericht gestanden hätte, ohne ein Ich darin. „Und danach wurde eine Rückstellprobe aus dem Bestand genommen, ohne Buchung. Das steht so nicht im Plan.“
Zum ersten Mal sah sie Kerstin an. Kurz. Der Blick blieb einen Wimpernschlag an Kerstins Augen hängen, an dem flachen Glanz darin, den das Kunstlicht in echten Augen nicht macht.
„Kommt die Prüfstelle im September?“
„Ja.“
„Gut.“
Die Kühlung sprang an, blies ihnen von oben Luft auf die Schultern, und im Flur draußen war es so still, dass Kerstin die Anlage in der Wand ticken hörte.
„Ihr Etikett bleibt“, sagte die Frau. „Die Flasche tausche ich morgen aus. Was Sie da hineingestellt haben, ist über dem Grenzwert. Die andere ist es auch. Aber die andere ist die richtige.“
Kerstin dachte an Jeck und an das Wort ungenau, und sagte: „Ja.“
Die Frau ging zur Tür und blieb davor stehen. Sie sah die Falle an, nahm das Panzerband mit zwei Fingern ab, faltete es zweimal auf sich selbst und steckte es in die Jackentasche.
„Die Tür muss schließen“, sagte sie. „Sonst geht die Kühlung auf Störung und morgen früh steht das im Log.“
Dann hielt sie sie auf und wartete, bis Kerstin draußen war. Sie ging in das Büro am Flurende und machte die Tür hinter sich zu, und in den nächsten vierzig Minuten sah sie kein einziges Mal in den Flur. Es war nicht Mut. Es war eine Zuständigkeit, die sie sich nicht gab.
Um null Uhr sieben ging die Anlage scharf. Um null Uhr neun sprang der kleine alte Wagen an. Kerstin war um null Uhr zwölf durch die Wartungstür und um zwanzig nach null auf dem Deich, und der Rhein lag darunter, breit und schwarz und keinen Grad kühler als am Nachmittag.
Zwei Tage später brachte Jeck sechzehn nach Weckhoven und legte sie auf den Klapptisch, nicht in einem Umschlag, sondern lose, in vier Bündeln.
„Er hat nachgesehen“, sagte er. „Wörtlich: Die Nummer hängt an der richtigen Stelle. Das ist, streng genommen, alles, was ich von hier aus beurteilen kann. Den Rest beurteilt im September jemand anderes.“
„Und der Mandant?“
„Bekommt drei Verträge oder nicht. Nicht mein Gewerbe.“ Jeck setzte sich auf die Fensterbank. „Erzähl mir die Nacht.“
Kerstin erzählte sie einmal. Er unterbrach nicht.
„Dann weiß es jetzt eine Person mehr als geplant“, sagte er am Ende.
„Eine. Und die hat zweiundvierzigmal nicht ausgeschüttet.“
„Das ist die einzige Sorte Zeuge, mit der ich leben kann.“ Er sah auf die Bündel und dann auf sie. „Sie hat dich gesehen.“
„Sie hat meine Augen gesehen.“
„Dann ist das der Preis.“ Er sagte es ohne Umschweife, weil es einer war, den er nicht wegverhandeln konnte, und weil er den anderen — den Fund, den Domke bis heute nicht kannte — selbst genommen hatte und sich das Recht auf Beschwerde damit verspielt hatte.
Mox sagte nichts dazu. Er hatte es sechs Tage vorher gesagt.
Am Abend rollte er das Kabel auf und stellte die leere Kiste neben die Wohnungstür, für Halm. Zehn Nächte hatte das Ding gesummt, und das Ohr hatte sich so daran gewöhnt, dass die Stille danach zuerst nach einem Fehler klang.
Dann legte er sich auf die Matratze neben der Küchentür. Keiner in der Wohnung machte in den nächsten neun Stunden ein Fenster auf oder eine Tür zu.