Kapitel 047 — Häuten
Die leere Kiste stand vier Tage neben der Wohnungstür, und jeden Morgen ging Mox an ihr vorbei und ließ sie stehen. Am fünften nahm er sie hoch.
Der Griff war blankes Blech, an einer Ecke aufgebogen. Den Schnitt merkte er erst unten am Wagen — ein Strich quer über die Daumenwurzel, dünn und sauber, der sich in der Hitze sofort füllte. Er wischte ihn an der Hose ab.
„Steig ein“, sagte Kerstin.
Sie fuhr die Bergheimer Straße hoch, ohne das Fenster zu schließen. Zweiunddreißig Grad um halb elf, und die Luft roch nach heißem Teer und nach dem Kanal.
„Jeck?“
„Bei Brandt. Er hört sich um, obwohl nichts da ist.“ Sie bog ab. „Dobs ist seit gestern am Hafen. Der Kleine wollte ihm was zeigen.“
Mox nickte. Das war seit vier Tagen der Stand der Dinge: alle machten irgendetwas, und keiner machte etwas, das bezahlt wurde. Es fühlte sich seltsam an und war trotzdem in Ordnung. Zweiundzwanzig lagen unter der Diele in Weckhoven, und niemand musste an diesem Vormittag irgendwo hineinkommen, wo man nicht hineindurfte.
Halms Keller in Nordost roch nach Kältespray, altem Teppich und dem Zeug, mit dem er den Boden wischte, wenn etwas danebengegangen war. Er zeigte auf eine Stelle neben der Liege.
„Stellen Sie sie hin. Nicht da. Da.“
Mox stellte sie hin. Halm klappte den Deckel auf, sah hinein, roch hinein, fuhr mit dem Finger über die Dichtung.
„Sauber“, sagte er. „Ich hätte zwanzig verlangen können für zehn Nächte. Das erzähle ich mir jetzt jeden Tag einmal, dann geht es wieder.“
„Sie haben nichts verlangt.“
„Ich weiß, was ich nicht verlangt habe.“ Er ließ den Deckel fallen und richtete sich auf, und dabei sah er Mox das erste Mal richtig an. Der Blick ging nicht ins Gesicht, sondern an ihm herunter, Schultern, Handgelenke, Gürtel. „Setzen Sie sich.“
„Es geht.“
„Es geht“, sagte Halm. „Das sagen sie alle, und dann kippen sie mir hier um und ich muss sie hochheben, und ich bin einundsechzig. Setzen Sie sich hin.“
Mox setzte sich auf die Liege. Halm legte ihm die Manschette an, pumpte, sah auf die Skala und zog sie ihm wieder vom Arm, ohne die Zahl zu sagen.
„Vier Kilo“, sagte er stattdessen. „Vielleicht fünf. Das ist Ware, die Sie nicht nachkaufen können, nicht bei mir und nicht bei sonst wem in dieser Stadt. Alles andere kann ich Ihnen besorgen. Eine Niere kriege ich in zwei Wochen. Für das, was Sie haben, gibt es keinen Lieferanten.“
„Was habe ich denn?“
„Das müssen Sie mir sagen.“ Halm rollte den Hocker zurück und legte die Hände auf die Knie. „Ich häute Leute. Ich schneide auf, ich nehme raus, ich lege rein, ich nähe zu. Was bei Ihnen offen ist, kann ich nicht anfassen, also kann ich es auch nicht zumachen. Ich sehe nur, was das Loch von Ihnen abzieht, und das sehe ich seit dem Frühjahr jedes Mal, wenn Sie hier stehen.“
Mox sagte nichts.
„Ihre Hand blutet übrigens“, sagte Halm.
Er zog Mox den Daumen ins Licht, kippte etwas Brennendes darüber, klebte ein Pflaster darauf und knallte dann eine flache Blechdose neben ihn auf die Liege. Kompressen, Klebeband, zwei Blister, eine Tube.
„Nehmen Sie das mit. Das Braune ist gegen Entzündung, zwei am Tag, nicht auf leeren Magen.“
„Ich habe nichts, wogegen das hilft.“
„Noch nicht.“ Halm zuckte mit den Schultern. „Leute in Ihrem Zustand machen was Dummes, sobald keiner zusieht. Das ist keine Beleidigung, das ist Statistik. Ich rechne mit Statistik, sonst hätte ich den Laden hier nach dem ersten Jahr zugemacht.“
Dann fischte er einen Kassenzettel aus der Kitteltasche, drehte ihn um und schrieb mit einem Kugelschreiber, der zuerst nicht wollte, drei Zeilen auf die Rückseite.
„Furth. Wochenmarkt, freitags, hinten bei den Eiern. Ostermann. Sie hat keinen Laden, keine Kasse, keinen Namen an der Tür, und sie schneidet nicht.“
„Sie schicken ihr keine Kunden.“
„Ich schicke ihr keine, weil sie mir keine schickt.“ Halm hielt den Zettel hoch, bis Mox ihn nahm. „Aber sie hat Leute mit Ihrer Sorte Problem in der Kartei. In meiner steht nur Ihr Gewicht.“
Mox ließ sich an der Bude absetzen. Kerstin fragte nicht, warum, sie sagte nur: „Zwanzig Minuten“, und fuhr weiter, um zu tanken.
Die Bude hielten sie als Adresse, damit sie eine hatten, die man finden konnte. Der Rußstreifen über dem Küchenfenster stand seit dem Frühjahr da, im Briefkasten lagen zwei Werbeblätter und ein Schreiben der Stadtwerke an einen Namen, den es nicht gab. Der Boden knirschte. Es roch immer noch nach kaltem Brand, und im August roch es zusätzlich nach dem, was in der Hitze aus den Wänden kam.
Er setzte sich mit dem Rücken an den Türrahmen und zog das Pflaster vom Daumen.
Der Schnitt war nichts. Vier Tage, dann wäre er von allein zu gewesen. Genau deshalb.
Mox atmete zweimal aus und ging den Weg hinunter, den er seit Monaten nicht mehr gegangen war. Die kleinste Kraft, die es gab. Nicht die Hälfte davon, nicht ein Zehntel — es gab kein Zehntel, unten war unten.
Es griff.
Der Strich auf der Daumenwurzel zog sich zusammen, der Rand wurde weiß, die Haut lief an den Kanten zusammen und stand nach zwei Sekunden glatt und trocken da, mit einem hellen Streifen darauf, der in einer Woche auch noch weg sein würde.
Der Preis kam nicht als Müdigkeit.
Zwei Zentimeter weiter, auf dem Handrücken, wo nichts gewesen war, kein Schnitt, kein Stoß, kein Grund, ging die Haut auf. Es gab kein Aufreißen und keinen Moment dazwischen — sie stand da und war dann offen, ein Riss von der Länge eines Fingerglieds, und darin lag Fleisch, das Luft bekam, die es nicht bekommen sollte. Das Blut kam langsam und dunkel und hörte nicht sofort wieder auf.
Mox saß da und sah zu, bis es zu tropfen anfing.
Stun wäre Erschöpfung gewesen. Ein schwarzer Rand vor den Augen, eine Stunde flach liegen, Nasenbluten, das man mit dem Ärmel wegmacht. Das hier war Fleisch. Das hier war die Antwort auf eine Frage, die er seit dem Frühjahr nicht gestellt hatte, weil er die Antwort geahnt und lieber gehofft hatte.
Er hatte auf Wochen gehofft.
Schlange schwieg dazu. Sie schwieg zu allem, was er längst wusste. Häutung war bei ihr nie ein Zugewinn gewesen; man ließ etwas zurück, das dünner und blasser war als das, was weiterging, und nannte es hinterher Fortschritt.
Er riss die Blechdose auf, legte eine Kompresse darüber und wickelte das Klebeband zweimal um die Hand.
Kerstin sah es beim Einsteigen. Sie sah nicht auf die Hand, sondern auf die Hose, wo die dunklen Punkte waren, und dann fuhr sie los und sagte drei Straßen lang nichts.
An der Ampel vor der Brücke sagte sie: „Der Schnitt war vorhin am Daumen.“
„Ja.“
Die Ampel wurde grün. Sie fuhr an.
„Sag es nicht Jeck“, sagte Mox.
Kerstin antwortete nicht sofort. Sie hatte beide Hände am Lenkrad, was sie sonst nie hatte.
„Kerstin“, sagte er.
Ihr Kiefer bewegte sich einmal. „Einmal“, sagte sie. „Und wenn du mir im Feld umfällst, weiß er es vorher. Dann bist du nicht mein Geheimnis, dann bist du sein Personal.“
„Ich falle nicht um.“
„Du hast dir gerade selbst die Hand aufgemacht, um herauszufinden, ob du umfällst.“
Darauf gab es nichts zu sagen, das gestimmt hätte, also sagte Mox nichts, und Kerstin fuhr sie nach Weckhoven, ohne noch einmal hinzusehen.
Am Abend nahm er das Klebeband ab und legte eine frische Kompresse auf den Handrücken. Der Daumen war glatt. Zwei Zentimeter daneben lag Halms Verband über einer Stelle, an der bis mittags nie etwas gewesen war.
Den Kassenzettel mit den drei Zeilen faltete er einmal und schob ihn in die Innentasche der Jacke.
Er warf ihn nicht weg.