Kapitel 048 — Der Platz
Töle wollte runter, und Dobs ließ ihn nicht.
Sie hockten im Schatten zwischen zwei aufgebockten Wohnwagen am hinteren Hafenzaun, wo die Schausteller ihre Anhänger überwinterten und im Sommer stehen ließen, was sich nicht lohnte mitzunehmen. Über dem Blech stand die Hitze in Streifen. Der Junge hatte die Beine untergeschlagen und die Augen zu, und alle zwanzig Sekunden zuckte sein Kinn hoch, weil er etwas gesehen hatte und darauf zeigen wollte.
„Nicht zeigen“, sagte Dobs. „Zählen.“
„Ich hab aber —“
„Was hast du?“
„Die Schleife an der Waage. Die geht immer im Kreis.“
„Wie oft in der Minute?“
Stille. Töle machte den Mund auf und wieder zu.
„Siehst du“, sagte Dobs. „Du hast sie gesehen. Gesehen hat sie jeder schon mal. Wer sagen kann, wie oft sie in der Minute rumkommt, dem fällt es auf, wenn sie einmal nicht rumkommt. Und das ist der ganze Job.“
„Das ist langweilig.“
„Ja.“
Töle machte die Augen wieder zu, mit dem verkniffenen Gesicht von jemandem, dem man Unrecht tat. Nach einer Weile murmelte er Zahlen. Dobs ließ ihn zählen und sah über den Zaun auf den Kran, der seit dem Frühjahr nicht mehr fuhr, und dachte daran, dass ihm vor zwei Jahren keiner erklärt hatte, was langweilig war und warum es das Einzige war, was hielt.
Gesa kam über den Schotter, ohne Eile, in Arbeitshose und mit dem alten Handtuch im Nacken.
„Kind“, sagte sie. „Nach dir hat jemand gefragt.“
Dobs stand auf. „Wer?“
„Zweimal, an zwei Tagen. Am Zaun, vorne bei der Einfahrt.“ Sie schob die Unterlippe vor. „Ich habe nichts gesagt. Hier sagt keiner was. Aber ein Zaun hat Löcher, und dein Name ist längst durch, das weißt du selbst.“
„Und?“
„Und heute steht sie wieder da.“ Gesa nahm einen zusammengefalteten Zettel aus der Hosentasche und drückte ihn ihm in die Hand. Kennzeichen, Wagentyp, Uhrzeit, in einer engen, alten Schrift. „Das habe ich mir aufgeschrieben, bevor ich dich geholt habe. Nicht für dich. Für uns, falls du nicht wiederkommst.“
„Danke.“
„Dank ist keine Rechnung.“ Sie sah zu Töle hinunter, der immer noch mit geschlossenen Augen zählte und dabei die Lippen bewegte. „Der zählt jetzt seit einer Woche für dich Schleifen. Wenn du willst, dass er das weiter macht, sorg dafür, dass es dich noch gibt.“
Die Frau stand zwischen den Wagen an einer Raupenbahn, die halb abgeplant war, und rieb mit einem Lappen an einer Lagerbuchse herum. Ende fünfzig, Kittelschürze über der Arbeitshose, Sehnen bis in die Ellbogen. Als sie Dobs sah, wischte sie sich die Hand an der Hüfte ab und hielt sie ihm hin.
„Thelen“, sagte sie. „Rosi Thelen. Ist mein richtiger.“
Dobs nahm die Hand, bevor er darüber nachdenken konnte. Es war das erste Mal, dass ihm jemand einen Namen gab, statt zu erklären, warum er keinen gab.
„Sie suchen mich.“
„Ich such den Jungen, der Luft ist.“ Sie musterte ihn ohne Umschweife, von den Schuhen nach oben. „Bist du ein bisschen jung für Luft.“
„Und Sie sind ein bisschen alt für den Zaun.“
Rosi Thelen lachte einmal, kurz und trocken, und deutete mit dem Lappen auf eine Bierkiste. „Setz dich.“
Er setzte sich nicht. Sie fing trotzdem an.
Die Bahn stand seit 1959 in der Familie, ihr Großvater hatte sie gekauft, ihr Vater hatte sie zweimal neu beplankt, sie selbst hatte den Antrieb dreimal aufgemacht und wieder zu. Seit dreiundvierzig Saisons stand die Bahn beim Schützenfest an derselben Ecke, links hinten, wo der Platz zur Straße hin abfällt. Die Ecke war kein Zufall. Wer aus Richtung Bahnhof kam, sah zuerst die Bahn, und wer die Bahn sah, hörte die Musik, und wer die Musik hörte, kam.
„Und dieses Jahr“, sagte sie und griff hinter sich in eine Mappe, „kommt das.“
Ein Schreiben. Amtlich, zwei Absätze, unten eine Unterschrift und ein Stempel. Zuweisung geändert. Aus technischen Gründen. Neuer Standplatz: Reihe hinten, an der Böschung, zwischen den Toilettenwagen und dem Wirtschaftshof.
„Da geht keiner hin“, sagte sie. „Da geht man hin, wenn man muss, und dann geht man wieder weg. Das ist kein Platz, das ist ein Abstellgleis mit Strom.“
„Und die technischen Gründe?“
„Ich war dreimal drüben. Beim dritten Mal hat einer aus dem Komitee gesagt, es liegt am Untergrund, die Fläche wird neu bewertet. Ich hab gesagt, der Untergrund liegt da seit dreiundvierzig Jahren und hat noch nie gewackelt. Da hat er den Ordner zugemacht.“
Dobs las das Schreiben ein zweites Mal. „Sie sind nicht die Einzige.“
„Nein.“ Rosi Thelen schob den Lappen in die Schürzentasche. „Vier. Kremer mit dem Kettenflieger, die Sanders mit den zwei Wurfbuden, der Alte mit der Schießhalle. Alle vier standen in einer Reihe an der Straßenseite. Alle vier sind jetzt hinten. Und auf der Reihe steht dieses Jahr einer, den keiner kennt, mit einer Anlage, die noch nach Werk riecht.“
„Und?“
„Und der hat einen Stromanschluss beantragt, mit dem ich zwei Bahnen und die halbe Straße fahren könnte.“ Sie sah ihn an, und ihr Blick hatte keine Verschwörung darin, nur den störrischen Ärger einer Frau, die eine Rechnung nicht aufging. „Und eine Genehmigung, ein Kabel einzugraben. Ein Kabel, Junge. Auf einem Platz, der in elf Tagen wieder Wiese ist.“
Dobs sagte eine Weile nichts. Über dem Hafen ging ein Schubverband durch, und das Wasser schlug zweimal gegen die Spundwand.
„Was wollen Sie?“
„Dass wir da stehen, wo wir immer stehen.“ Sie sagte es ohne Nachdruck, so, als wäre es die einzige mögliche Antwort. „Ich will nicht, dass einer dafür bezahlt. Ich will keinem was wegnehmen. Ich will meinen Platz, oder ich will den Grund, und zwar den echten.“
„Das kostet.“
„Achttausend.“ Sie hob das Kinn. „Das ist die Hälfte von dem, was die Saison bringt, wenn sie läuft. Wenn sie nicht läuft, ist es alles, was wir haben. Und wenn ihr mal einen Wagen braucht, der irgendwo hinfahren darf, wo andere nicht hinfahren dürfen — unsere Papiere sind seit 1911 sauber. Wir stehen im Frühjahr in Venlo und im Herbst in Dortmund, und keiner hat uns je gefragt, was hinten drin ist.“
Dobs merkte, dass er den Zettel in der Hosentasche zwischen zwei Fingern drehte. Achttausend war nichts. Ein Wagen mit sauberen Papieren, der zweimal im Jahr über die Grenze fuhr, war kein Nichts. Jeck würde das in vier Sekunden sehen, und Jeck würde ihm hinterher erklären, dass er es zuerst gesehen hätte.
„Ich entscheide das nicht allein“, sagte er.
„Weiß ich.“ Sie zog die Mappe an sich. „Deshalb frag ich ja dich und nicht die anderen. Dich krieg ich am Zaun.“
„Wann waren Sie am Zaun?“
„Gestern früh. Halb acht, vielleicht acht.“
„Und vorgestern?“
Rosi Thelen sah ihn an. „Vorgestern war ich in Grevenbroich, Achsen holen. Ich war einmal hier, Junge. Gestern. Einmal.“
Abends, als der Platz leer war, ging Dobs allein zum alten Wachhäuschen an der Einfahrt, wo die Uferkinder eine Leitung angezapft hatten, die noch aus einer Zeit stammte, in der Leitungen niemandem gehörten. Er setzte sich auf den Betonsockel, mit dem Rücken an die Wand, und war drin, bevor er die Beine ausgestreckt hatte.
Der Hafen war ein flaches, schmutziges Ding aus alten Verkehrsdaten, Frachtlisten und Anschlagbrettern, auf denen Leute Sachen suchten, die es nicht mehr gab. Dobs hielt sich oben, ging nicht tiefer, als er musste, und fragte das Brett nach sich selbst.
Es kam etwas zurück, und es kam zu schnell.
Die Frage war diese Woche schon einmal gestellt worden. Dienstag, kurz nach elf, über einen Weg, der ordentlich bezahlt und ordentlich verwischt war, mit einer Höflichkeit, die kein Hafenkind und keine Schaustellerin je aufgebracht hätte. Er kam nicht dahinter, wer gefragt hatte. Er kam nur an die Form.
Dobs hockte im Dunkeln über einer Leitung, die niemandem gehörte, und begriff, dass er zum ersten Mal in seinem Leben eine Antwort war, die jemand gekauft hatte.