Kapitel 049 — Die Spende
Der Tisch in Weckhoven war zu klein für vier Leute, also saßen drei daran und einer stand. Diesmal stand Jeck.
„Achttausend“, sagte Kerstin. „Für eine Kirmes.“
„Achttausend ist der Preis, den sie sich ausgerechnet hat.“ Jeck hatte die Hände auf der Stuhllehne. „Der Preis ist nicht das Interessante.“
„Der Wagen“, sagte Dobs.
„Der Wagen. Zwei Fahrten im Jahr, Frühjahr Venlo, Herbst Dortmund, Papiere seit 1911, nie aufgemacht. Weißt du, was so etwas kostet, wenn man es kaufen will?“ Er wartete nicht auf die Antwort. „Es ist nicht zu kaufen. Man kann nur reinheiraten oder reinwachsen.“
Mox saß am Fensterende, den Rücken zur Wand, die rechte Hand im Schoß und lose in einer Mullbinde. Er hatte bisher nichts gesagt.
„Sie hat mir gesagt, wie sie heißt“, sagte Dobs. „Von selbst. Vorname und alles.“
„Dann sagt sie auch, wie du heißt.“ Mox’ Stimme kam trocken und ohne Nachdruck. „Nicht aus Bosheit. Sie kennt die Regel nicht. Frag sie in vier Wochen beim Bier, wer ihr geholfen hat, und sie erzählt es.“
Es wurde kurz still. Dobs machte den Mund auf und wieder zu.
„Das ist der Preis“, sagte Jeck. „Und ich nehme ihn trotzdem.“ Er zog den Stuhl heran und setzte sich doch. „Was hatte sie an den Händen?“
Dobs sah ihn an. „Fett. Von der Lagerbuchse.“
„Unter den Nägeln oder drüber?“
„Drunter.“
„Gut.“ Jeck nickte einmal. „Wer geschickt wird, wischt sich vorher die Hände ab. Sie ist echt.“
Kerstin lehnte sich zurück, und der Stuhl gab ein Geräusch von sich. „Ich kann auf einem Kirmesplatz nichts sichern. Zwanzigtausend Leute, achtzig Wagen, kein Zaun, der was hält. Und ein Betrieb, den keiner kennt, hat Leute, die keiner kennt.“
„Deshalb fangen wir nicht auf dem Platz an.“ Jeck hielt die Hand auf, und Dobs legte ihm Gesas Zettel hinein. Kennzeichen, Wagentyp, halb acht. Jeck las ihn und gab ihn zurück. „Behalt den. Der ist nicht meiner.“
„Und der Zweite?“ fragte Dobs. „Der am Dienstag gefragt hat?“
„Der bleibt liegen, wo er liegt.“ Jeck sagte es ruhig, und es war trotzdem eine Anweisung. „Du gehst nicht mehr allein an den Zaun. Wenn jemand nach dir fragt, fragt er ab jetzt nach mir, und ich bin leichter zu finden und schwerer wegzutragen. Alles Weitere läuft über mich.“
Niemand widersprach. Kerstin sah einen Moment lang zu Mox hinüber, und Mox sah aus dem Fenster.
Der Kirmesausschuss hatte kein Büro. Er hatte einen Nebenraum im Schützenhaus, mit Fahnen an drei Wänden, einer Vitrine voll Zinn und einem Klapptisch, auf dem seit Wochen dieselben zwei Ordner lagen.
Jeck kam als Kalscheuer, Sachbearbeiter Veranstalterhaftpflicht, Termin per Comm angekündigt, eine Stunde vorher. Eine Stunde reicht, damit sich jemand ärgert, und sie reicht nicht, damit er nachfragt.
Achim Bongartz war einundsechzig, trug Hemd und Weste bei dreißig Grad und am Revers eine Nadel mit einer Zahl. Er gab die Hand mit beiden Händen.
„Neunzehn Jahre Platzmeister“, sagte er, bevor irgendwer nach etwas gefragt hatte. „Neunzehn. Vier Vorsitzende, drei Bürgermeister. Setzen Sie sich.“
Jeck legte den Vordruck auf den Tisch, mit der bedruckten Seite nach unten, damit Bongartz die Schrift sehen konnte, ohne sie zu lesen. „Es geht um die Erdarbeiten auf der Fläche. Erdarbeiten sind in der Police nicht eingeschlossen, wenn sie nicht angezeigt sind. Ich will Ihnen nur die Nachmeldung ersparen.“
Das war der Satz, für den er hergekommen war. Bongartz griff nach dem oberen Ordner.
„Alles angezeigt. Alles im Protokoll.“ Er blätterte, und er blätterte laut. „Tagesordnungspunkt vier, Sitzung vom Vierzehnten. Der Beschluss ist sauber gefasst, einstimmig, mit Anwesenheitsliste.“
„Die Umsetzung der Standplätze.“
„Die Umsetzung der Standplätze.“
„Vier Betriebe an die Böschung.“ Jeck sagte es freundlich, ohne Betonung.
Bongartz hob den Kopf. Die Freundlichkeit wanderte ihm aus dem Gesicht und ging in die Schultern. „Ich lasse mir nicht unterstellen, dass hier jemand jemanden bevorzugt. Diesen Ausschuss gibt es seit 1957. Wir haben Kremer den Platz gegeben, als sein Vater noch —“
„Ich unterstelle nichts. Ich frage, wer es beschlossen hat, weil auf meinem Vordruck ein Feld dafür ist.“
Bongartz sah auf den Vordruck. Dann auf den Ordner. Dann irgendwohin dazwischen.
„Man hat uns das so vorgelegt“, sagte er. „Als Auflage. Mit der Genehmigung. Flächenbewertung, Sicherheitskonzept. Das kam von der Verwaltung, nicht von uns. Wir haben es umgesetzt.“ Er zog die Weste gerade. „Ordnungsgemäß umgesetzt.“
„Und die Erdarbeiten?“
„Die sind das Beste an der ganzen Sache.“ Der Ärger fiel von ihm ab, und was darunter lag, war Stolz. „Wir kriegen eine neue Stromversorgung für den ganzen Platz. Umsonst. Ein Unternehmen macht uns das als Spende, das ist so gut wie unterschrieben. Terhardt Netztechnik. Alte Firma, die bauen für die Stadtwerke seit vierzig Jahren.“
„Eine Spende.“
„Eine Spende.“ Bongartz sagte es noch einmal, weil es ihm gefiel. „Wissen Sie, was wir sonst jedes Jahr für Aggregate ausgeben?“
Er klappte den zweiten Ordner auf und drehte ihn herum, und da lag der Plan.
Jeck brauchte nicht lange. Die Trafostation stand an der Straße, oben links, mit der Einspeisung für den Platz, und sie stand vierzig Meter von der Reihe entfernt, auf der dieses Jahr der Neue stand. Die eingezeichnete Trasse ging nicht dorthin. Sie ging quer über die Fläche, in einem Bogen um die Fahrgeschäfte herum, dreihundert Meter weit, bis an den hinteren Zaun.
„Warum so lang?“
„Ringschluss.“ Bongartz sagte das Wort zu genau. Es war nicht seins, er hatte es einmal gehört und behalten. „Damit haben wir zwei Einspeisungen. Redundanz.“
„Natürlich.“ Jeck ließ den Finger auf dem Papier liegen, eine Sekunde zu lang, und schob ihn dann weiter zur Standplatzliste. Reihe A, erster Eintrag. Rheinische Schaustell- und Betriebs GmbH, Sitz Krefeld, Fahrgeschäft ohne Namen, Anmeldung im Mai.
Jeck kannte die Arbeit. Er machte sie selbst. Eine Firma, die alt genug klingt und drei Monate jung ist, ein Gewerbe, das kein Mensch führt, ein Betrieb ohne einen einzigen Namen darin. Sauber gemacht, ohne Eitelkeit, ohne einen einzigen überflüssigen Buchstaben.
Er klappte den Ordner zu und bedankte sich, und Bongartz stand auf und holte aus der Vitrine zwei Ehrenkarten, Pappe mit Goldrand, und drückte sie ihm in die Hand, und Jeck nahm sie.
„Sagen Sie Ihrer Gesellschaft“, sagte Bongartz an der Tür, „dass hier alles seine Ordnung hat.“
„Das werde ich sagen.“
Der Platz in Furth lag mittags in der Sonne und war eine Wiese. Kalkkreuze standen darauf, in Reihen, mit Nummern daneben, und an der Straßenseite ein Streifen niedergetretenes Gras, wo seit dreiundvierzig Jahren eine Raupenbahn gestanden hatte.
Jeck lief die Trasse ab, vom Zaun aus rückwärts, weil man Wege besser sieht, wenn man gegen ihre Richtung geht.
Nach hundert Schritten hatte er es. Ein Streifen im Gras, gut einen Meter breit, kürzer als der Rest, und nicht frisch — er war kurz gehalten worden, mehrmals, über Wochen. Die Wiese war seit dem Frühjahr nicht gemäht. Der Streifen schon.
Er lief ihn bis ans Ende. Am hinteren Zaun, halb unter Brennnesseln, lag eine Betonplatte im Boden, quadratisch, mit einem eingelassenen Bügel.
Jeck ging in die Hocke und legte die Hand auf den Bügel. Das Metall war warm von der Sonne und an zwei Stellen blank vom Anfassen. Dreihundert Meter weiter, oben an der Straße, standen die Kalkkreuze für eine Reihe, die dieses Jahr jemand anderem gehörte.