Kapitel 050 — Der Deckel
Um Viertel nach eins war die Wiese kälter als die Straße, und das machte die Arbeit einfach.
Kerstin lag zwei Minuten am hinteren Zaun, bevor sie durchstieg. In der Wärmebildsicht gab die Fläche den Tag nach oben ab, ein flaches, mattes Grau ohne Muster, gleichmäßig bis an die Ränder. Eine einzige Linie darin war dunkler. Kurzes Gras hält nichts. Der gemähte Streifen lag als schmales schwarzes Band über dem Platz, dreihundert Meter weit, an achtzig Kalkkreuzen vorbei, die in vierzehn Tagen Fahrgeschäfte sein würden.
„Ich bin drin“, sagte sie in den Kragen.
„Warte.“ Mox saß dreihundert Meter weiter im Wagen an der Straße, die Scheibe halb unten, und tat das Einzige, was ihn nichts kostete. „Da ist etwas an deinem Deckel.“
Kerstin blieb stehen. „Was heißt etwas?“
„Klein. Nicht gewachsen, gemacht. Es hängt über der Platte und sieht nach unten.“ Eine Pause, in der er es sich noch einmal ansah. „Es ist wach.“
„Kann es mich anfassen?“
„Weiß ich nicht.“
„Kann es reden?“
„Es kann melden. Mehr macht so etwas nicht.“
„Wie schnell?“
„Sofort. Oder wenn der, dem es gehört, das nächste Mal hersieht. Beides kommt vor.“
Kerstin ging in die Hocke, weil sie so besser nachdachte. Am Montag kamen die Bagger. Terhardt Netztechnik legte dem Kirmesausschuss eine Stromversorgung umsonst, und ab Montag lag auf diesem Streifen eine Maschine, dann ein Graben, dann Kabel, dann eine Kirmes mit zwanzigtausend Leuten drüber. Vier Nächte. Danach war der Boden zu.
„Und dich?“ fragte sie. „Sieht es dich?“
Es dauerte einen Moment.
„Es hat mich gesehen“, sagte Mox. „Vorher. Bevor ich es gesehen habe.“
Sie hörte, was er nicht dazusagte. Er saß seit dem Frühjahr mit einer Stelle in sich, die offen war, und wer in die richtige Richtung sah, hatte sie in einer Sekunde gelesen. Sie hatte ihm gesagt, er solle im Wagen bleiben. Im Wagen bleiben half nicht gegen etwas, das nicht durch Blech guckt, sondern daneben.
„Fahr zweihundert Meter weiter runter“, sagte sie. „Zum Wertstoffhof.“
„Das ändert nichts.“
„Dann fahr trotzdem.“
Der Motor sprang an, im Comm gedämpft, und wurde leiser.
Sie ging die letzten sechzig Meter auf dem Streifen selbst, weil das Gras daneben höher war und Spuren behielt. Die Platte lag halb unter Brennnesseln, quadratisch, mit dem eingelassenen Bügel. Kerstin fasste sie nicht an. Sie legte sich auf den Bauch und sah sich die Kante an.
Auf dem Beton lag ein Brennnesselstängel quer über der Fuge, abgeknickt, mit dem Bruch nach oben. Er war nicht gefallen. Er war gelegt.
Sie merkte sich den Winkel, nahm ihn weg, hakte zwei Finger in den Bügel und hob. Die Platte kam schwer und ohne Geräusch hoch, was hieß, dass jemand die Auflage sauber hielt.
Darunter ging ein gemauerter Schacht nach unten, alt, mit Steigeisen im Beton, und die Steigeisen waren blank. Neben dem obersten stand eine Zahl in Schablonenschrift, weiß auf grau, und darüber, halb weggeplatzt, ein Firmenname aus einer Zeit, in der es hier oben noch kein Kirmesplatz gewesen war, sondern ein Werk.
Kerstin stieg ein und zog die Platte über sich zu, bis auf eine Handbreit.
„Ich bin unten.“
„Ich habe dich noch.“
Bei drei Metern hatte er sie nicht mehr. Das Comm gab zwei kurze Töne und dann nichts, so wie sie es vorher besprochen hatten: alle zwanzig Minuten hoch, ein Wort, wieder runter.
Der Schacht endete nach sechs Metern in einem Rohr.
Es war ein begehbarer Kanal, nicht ganz mannshoch, aus genieteten Segmenten, und er lief in beide Richtungen ins Schwarze. Kerstin schaltete auf Restlicht und bekam Körnung ohne Bild, schaltete zurück auf Wärme und bekam gar nichts: Das Rohr hatte überall dieselbe Temperatur. Sie zog die Handlampe raus, hielt zwei Finger vor das Glas und ließ nur so viel Licht durch, dass sie den Boden sah.
Der Boden lag voll Staub, seit Jahrzehnten. In der Mitte lief ein Pfad hindurch, einen Fuß breit, sauber ausgetreten, in Richtung Rhein.
Sie folgte ihm gebückt. Alle sechs Meter kam ein Rohrstoß, eine Naht mit einem Ring aus Nietköpfen, und sie nahm die Nähte als Maß, weil man dabei nicht laut wird. Zwölf Nähte. Zwanzig. Bei achtundzwanzig hörte der Staub auf, weil hier jemand gefegt hatte.
Bei einunddreißig stand die Tür.
Sie saß in einem Rahmen, der in das alte Rohr eingeschweißt war, und sie hatte in diesem Loch nichts verloren. Stahlblech, matt, industrielle Bänder, ein Schloss mit einem Zylinder, für den man den halben Zaun um den Platz hätte kaufen können. Die Schweißnähte waren neu, überschliffen, nicht überstrichen. Vier, vielleicht fünf Wochen alt.
Unten war eine Handbreit Luft zwischen Blech und Sohle, und da kam etwas durch. Warm. Es roch nach Wasser, nach kaltem Öl und nach dem Zeug, mit dem man Betonböden wischt. Das Rohr dahinter war nicht tot. Irgendwo weit hinten stand es offen, in einem Raum, den jemand putzte.
Kerstin ging nicht näher heran, und es hatte einen Grund, den sie nicht benennen konnte. Ihr wurde kalt, ohne dass die Luft kälter wurde, an einer Stelle im Nacken, an der ihr sonst nichts wurde. Die Wärmebildsicht zeigte eine Tür und sonst nichts. Ihre Arme sagten etwas anderes.
Sie machte drei Aufnahmen vom Schloss, vom Rahmen und von den Bändern, ohne Blitz, legte die Hand nicht auf das Blech und ging zurück.
Einunddreißig Nähte, zurückgezählt. Bei sechs blieb sie stehen, weil das Licht von oben nicht mehr da war.
Die Handbreit Spalt am Schacht war weg. Sie wartete zehn Sekunden und hörte, was danach kam: ein kurzes, schweres Aufsetzen von Beton auf Beton. Jemand hatte die Platte hochgehoben und wieder abgelegt, sauber, an derselben Stelle. Keine Schritte davor. Keine Schritte danach.
Kerstin stand im Dunkeln unter einer Wiese, drei Meter unter achtzig Kalkkreuzen, mit einem toten Comm am Hals, und rechnete. Nach oben drücken hieß, jemandem oben zu sagen, dass sie da war. Warten hieß, es dem zu sagen, der am Montag mit dem Bagger kam.
Sie drehte sich um und ging zurück zu der Tür.