Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 051 — Der Riegel

Um zehn nach zwei schloss Mox die Wohnungstür in Weckhoven selbst auf und blieb im Flur stehen, ohne Licht zu machen.

„Sie ist nicht hochgekommen.“

Jeck saß am Küchentisch, vor sich den Trassenplan aus dem Vereinsordner und einen Becher, der seit einer Stunde kalt war. Nebenan schlief Dobs. Keiner von beiden ging zu dieser Tür.

„Seit wann?“

„Zwei Termine. Ein Uhr fünfzig, zwei Uhr zehn.“ Mox’ Stimme war trocken, trockener als sonst, und genau daran hörte man es. „Bis drei Meter Tiefe hatte ich sie, dann nichts. Das war so abgesprochen. Nicht abgesprochen war, dass die Platte zuliegt.“

„Zu, oder zu und beschwert?“

„Ich bin nicht hin. Von der Straße sieht sie aus, als hätte sie nie offen gelegen.“

„Wer war oben?“

„Niemand. Kein Wagen, kein Licht, kein Hund. Ich habe zwanzig Minuten hingesehen.“

Jeck stand auf, holte einen zweiten Becher aus dem Schrank, stellte ihn zurück, weil das nichts brachte, und setzte sich wieder hin. Dann drehte er den Trassenplan herum, damit er für Mox richtig herum lag.

„Wie viel Kabel hat sie mit?“

„Handlampe. Sonst nichts.“

„Gut.“

Mox sah ihn an, einen Atemzug zu lang. „Du hast noch nicht gefragt, ob sie lebt.“

„Doch.“ Jeck strich mit dem Daumen die Falte im Papier glatt. „Ich habe gefragt, ob die Platte beschwert ist.“

Er ließ es dabei. Über dem Plan lag die Linie, die Bongartz mit rotem Kugelschreiber nachgezogen hatte, dreihundert Meter quer über eine Wiese, die es in vierzehn Tagen nicht mehr geben würde. Am Ende der Linie ein Kreuz. Unter dem Kreuz ein Loch, und in dem Loch seit einer Stunde und fünfzig Minuten die einzige Person im Team, die körperlich irgendetwas ausrichten konnte.

„Wir könnten die Platte aufmachen“, sagte Mox.

„Wir könnten. Dann weiß dein kleiner Freund über dem Deckel, dass wir zu zweit da waren, und meldet es weiter. Und wenn der, dem er gehört, den Deckel heute Nacht schon einmal zugelegt hat, dann steht er nicht in Krefeld, sondern in Fußnähe.“ Jeck tippte auf das Kreuz. „Ein Deckel ist eine Tür. Man geht nicht durch die Tür, an der jemand sitzt.“

„Es gibt keine zweite.“

„Es gibt immer eine zweite. Der Schacht ist alt. Der Schacht war vor dem Kirmesplatz da.“ Jeck schob den Plan weg. „Ein Werk, das Wasser braucht, holt es und schickt es wieder weg. Zwischen dem Loch und dem Rhein liegen vierhundert Meter Wiese und irgendwo dazwischen steht das Haus, in dem die Pumpe stand. Wenn es noch steht, steht es in einer Liegenschaft der Stadt. Und Liegenschaften der Stadt haben Schlüssel.“

„Um zwei Uhr nachts hat niemand einen Schlüssel.“

„Nein.“ Jeck nahm sein Comm. „Aber jemand weiß, wo das Häuschen steht.“

Mox begriff es, bevor die Nummer durchging. „Sie wird es weitererzählen.“

„Ja. Irgendwann beim Bier.“ Jeck hielt sich das Gerät ans Ohr. „Später ist ein Problem für später.“

Es klingelte zweimal.

„Thelen.“ Keine Schlafstimme. Im Hintergrund brummte ein Aggregat.

„Kalscheuer. Wir hatten heute Nachmittag miteinander zu tun.“

„Ich weiß, wer du bist, Junge, ich hab nicht so viele Nummern.“ Ein Stuhl rückte. „Es ist halb drei.“

„Was stand auf dem Platz, bevor da Kirmes war?“

Eine Pause, in der sie nicht fragte, warum. „Drahtwerk. Neusser Drahtwerk, bis dreiundsiebzig. Mein Vater hat da noch Strom geholt, als ich noch keinen Führerschein hatte. Danach haben sie es abgerissen und Schotter draufgekippt, und seit sechsundsiebzig steht da die Bahn drauf. Dreiundvierzig Saisons.“

„Steht davon noch etwas?“

„Das Häuschen an der Kastanie“, sagte Rosi Thelen, ohne zu überlegen. „Backstein, eine Garage groß. Da liegen die Absperrgitter drin und ein Waschbecken, das keiner mehr anschließt. Der Schlüssel hängt beim Wirtschaftshof, aber das brauchst du nicht. Der Riegel ist ein Witz. Da geht ein Schraubenzieher rein, das machen die Buden jedes Jahr, wenn sie Gitter brauchen.“

Jeck hatte schon den Autoschlüssel in der Hand. „Danke.“

„Was ist mit meinem Platz?“

„Wir sind dran.“

„Ich hab dich was gefragt.“ Die Stimme wurde nicht lauter, nur langsamer. „Um halb drei ruft keiner an, weil er dran ist. Um halb drei ruft einer an, weil was ist.“

Jeck sah zu Mox hinüber. Mox sah zurück und sagte nichts, und das war keine Hilfe.

„Unter Ihrem Platz liegt ein Loch“, sagte Jeck. „Und in dem Loch ist eine von meinen Leuten.“

Es kam kein Erschrecken. Es kam ein kurzes, hartes Ausatmen.

„Dann macht das Häuschen auf.“ Ein Klappern, sie stand auf. „Und, Junge: Die Gitter zählt keiner.“

Sie legte auf, bevor er etwas erwidern konnte.

Um kurz nach drei standen sie an der Kastanie, außerhalb des Bauzauns, zweihundert Meter von der Platte entfernt. Das Häuschen stand da, wo sie es hingesagt hatte: Backstein mit einem flachen Blechdach, drei zugemauerte Fenster und eins mit Drahtglas. An der Tür eine Überfalle mit einem Vorhängeschloss, das seit Jahren im Regen hing.

Aus Kerstins Seite des Kofferraums holte Jeck den Bolzenschneider, den er noch nie benutzt hatte, und brauchte drei Versuche.

„Kannst du sehen, ob da unten jemand ist?“ fragte er leise.

Mox stand mit dem Rücken zum Zaun und dem Gesicht zum Häuschen. „Ja. Und in derselben Sekunde weiß der, dem das gehört, dass ich hier stehe und hinsehe. Ich bin heute Nacht schon einmal angeguckt worden.“

„Dann lass es.“

„Ich lasse es.“

Jeck hängte das durchgeschnittene Schloss so in die Überfalle zurück, dass es von zehn Schritten geschlossen aussah. Dann nahm er aus der Mappe einen Vordruck, füllte ihn in Druckbuchstaben aus — Kabelarbeiten, Zutritt bis auf Weiteres gesperrt, Terhardt Netztechnik —, schob ihn in eine Klarsichthülle und klebte ihn auf das Drahtglas.

„Der da unten liest das auch“, sagte Mox.

„Der weiß es sowieso, sobald er die Überfalle sieht. Der Zettel ist nicht für den. Der ist für die Stadt.“ Jeck legte die Hand auf die Klinke. „Wenn ich meine Legende schon verbrenne, dann wenigstens im richtigen Feuer.“

Die Tür ging nach innen auf, und ab da stimmte nichts mehr.

Es roch nicht nach Geräteschuppen. Es roch nach nassem Beton und nach dem Zeug, mit dem man Böden wischt. Rosis Absperrgitter standen ordentlich an der linken Wand gestapelt, und der Rest des Raums war leer und gefegt. Kein Staub, keine Blätter, kein Taubendreck unter dem Blechdach. Ein Klappstuhl. Ein Kasten Wasser, halb leer. Ein Aschenbecher, ausgeleert und ausgewischt.

An der rechten Wand lief ein schwarzes Kabel entlang, neu, in sauber gesetzten Schellen, und ging im Boden nach unten. Dort, wo das Waschbecken stand, das keiner mehr anschloss, war eine Luke in den Beton eingelassen.

Sie stand offen. Von unten kam warme Luft.

Jeck blieb zwei Sekunden stehen, und in diesen zwei Sekunden suchte er den Satz, mit dem er sonst aus so einem Raum wieder herausging, und der Satz kam nicht.

„Wenn sie hochkommt und ich bin unten“, sagte er, „dann fahrt ihr. Nicht warten.“

„Nein.“

„Das war keine Bitte.“

„Ich weiß.“ Mox rührte sich nicht.

Jeck zog das Sakko aus, weil es hell war und im Weg, und legte es über die Lehne des Klappstuhls. Dann nahm er die Lampe in die linke Hand und stieg.

Nach vier Sprossen war der Stuhl weg und über ihm nur noch die Kante der Luke und, ganz oben, der Zettel am Drahtglas, auf dem stand, dass hier gearbeitet wurde. Zum ersten Mal, seit er solche Zettel schrieb, stimmte eine Angabe darauf.