Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
← All chapters

Kapitel 052 — Die Kisten

Das untere Band gab nach vierzig Minuten einen Millimeter her und danach nichts mehr.

Kerstin hockte vor der Stahltür, den rechten Sporn eingefahren, die Spitze des linken auf dem Kopf des Bolzens, und schlug mit dem Handballen dagegen. Ein Stein vom Kanalboden hätte schneller gearbeitet und wäre hundert Meter weit zu hören gewesen. Also Handballen. Der Bolzen stand einen Millimeter über dem Auge und saß fest. Wer den Rahmen eingeschweißt hatte, hatte die Bänder gestrichen, bevor die Farbe trocken war, und jetzt klebte das Ding in sich selbst.

Drei Bänder. Vierzig Minuten für einen Millimeter. Sie rechnete es zu Ende und hörte auf zu schlagen. Am Montag kam der Bagger, und bis Montag wäre sie ungefähr beim obersten Band.

Sie machte die Lampe aus. Strom war ab jetzt eine Ration.

Dann ging hinter dem Blech ein Riegel zurück. Metall auf Metall, zweimal, ohne Eile.

Kerstin war sechs Nähte zurück, bevor der zweite Ton fertig war. Sie ging an der Rohrwand in die Hocke, fuhr den rechten Sporn aus und schaltete auf Wärme.

Zum ersten Mal in dieser Nacht gab das Bild etwas her. Die Tür schwang auf, und in dem Spalt stand siebenunddreißig Grad.

„Olivia.“

Sie fuhr den Sporn ein. „Wie spät?“

„Zwanzig vor vier.“ Die Lampe kam herunter, damit sie ihr nicht ins Gesicht ging. „Zwei Stunden fünfundzwanzig. Ich hatte auf drei gewettet.“

„Gegen wen?“

„Gegen mich.“

Sie ging an ihm vorbei in den Raum, weil das die kürzere Frage war.

Es war der Keller des Häuschens, sechs auf vier Meter, Backstein bis Schulterhöhe, darüber Beton. Wo die Pumpen gestanden hatten, waren die Fundamente abgetrennt und bündig überschliffen. Der Boden war gewischt. An der Decke hing eine provisorische Lichtleiste, aus, das schwarze Kabel dazu kam von oben durch eine gebohrte Öffnung. In der Stirnwand, dort wo das Rohr Richtung Rhein weiterlief, saß ein neues Gitter aus Vierkantstahl. Dahinter ging Wasser.

An der linken Wand führte eine Eisenleiter zur Luke.

In der Mitte stand auf zwei Böcken ein herausgetrenntes Stück Fahrgestell. Zwei Längsträger, eine Querstrebe, die Schnitte sauber, die Nähte überschliffen und nicht überstrichen. Die Tür hatte dieselbe Hand gemacht.

Daneben, zu je vier gestapelt, zwölf Kisten. Stahl, neu, unlackiert, die Auszugsschienen noch in Folie.

Kerstin ging in die Hocke und maß die unterste mit dem Unterarm ab, zweimal. „Ein Meter zwanzig. Sechzig auf sechzig.“

„Unterflurkasten.“ Jeck stand am Rahmen und fasste nichts an. „Hängt bei jedem Schaustellerwagen zwischen den Achsen. Da liegt drin, was keiner sehen will. Werkzeug, Kabeltrommeln, Bier.“

„Zwölf.“

„Zwölf.“ Er ging einmal um die Böcke herum. „Und sie haben sich ein Stück Fahrgestell hergeholt, um es einmal richtig zu passen, bevor der Wagen da ist. Das macht man einmal. Dann kennt man das Maß und macht es elfmal ohne Wagen.“

Kerstin sah zur Leiter hoch und rechnete die Fläche über ihr ab. Zweihundert Meter bis zur Platte. Vierhundert bis zur Straße.

„Die Reihe an der Straßenseite“, sagte sie.

„Da stehen die Zugmaschinen.“ Jeck nickte langsam. „Zwei Wochen Schützenfest. Achtzig Betriebe. Vierzig Lastzüge rein, vierzig raus, mit Papieren, die seit hundert Jahren stimmen, und keiner macht hinten eine Klappe auf.“ Er hörte sich selbst zu und mochte es hörbar nicht. „Genau das hat die Thelen mir als Bezahlung angeboten. Wortwörtlich.“

„Wir kriegen den Gedanken einmal.“

„Und die haben ihn zwölfmal.“

Kerstin sah sich das Gitter zum Rohr an, dann die Kisten, dann die Decke. Zwischen dem Wasser und der Straße lagen keine hundert Schritte und drei Türen, von denen zwei bereits standen.

„Wozu dann der Graben?“ Sie zeigte nach oben. „Ihr habt eine Leiter, eine Luke und ein Häuschen, das von außen keinen Menschen interessiert.“

„Das Häuschen gehört der Stadt.“ Jeck ließ die Lampe über die Decke laufen. „Der Riegel ist ein Witz, das hat sie selbst gesagt. Jedes Jahr macht ihn eine Bude mit dem Schraubenzieher auf, weil sie Absperrgitter braucht. Solange die hier über diese Tür arbeiten, kann ihnen jeden Sommer ein Schausteller in die Werkstatt laufen.“ Er senkte die Lampe. „Nach Montag haben sie ein eigenes Loch. Im Plan der Stadtwerke, mit einem Deckel, der zur Stromversorgung gehört, mitten auf einer Fläche, die zehn Monate im Jahr leer ist. Da macht nie wieder einer auf.“

„Und die vier Betriebe?“

„Stehen seit vierzig Jahren auf der Reihe an der Straße.“ Jeck zuckte mit einer Schulter. „Vier alte Leute, die jeden Lastzug kennen, der da normalerweise reinfährt.“

Kerstin war schon bei der Leiter.

Auf dem gewischten Beton unter der untersten Sprosse lagen Grassamen und zwei feuchte Streifen, halb getrocknet, mit der Kante einer Sohle darin. Sie fasste sie nicht an. Sie hielt die Hand zehn Zentimeter darüber und ließ die Lampe flach darüberlaufen, bis der Rand scharf wurde.

„Der war heute Nacht oben“, sagte sie. „Er ist durch die Wiese gelaufen, hat die Platte zugelegt und ist hier wieder runtergekommen.“

„Und dann?“

„Nach Hause.“

Jeck war neben sie getreten und sah auf den Abdruck. „Er hat nicht gesucht.“

„Nein.“ Kerstin richtete sich auf. „Er hat zugemacht. Am Montag liegt da eine Maschine, dann ein Graben, dann Kabel, dann eine Kirmes. Wer bis dahin drin ist, ist drin.“

Sie ließ es liegen und ging zurück zu den Kisten. Jeck machte sechs Aufnahmen ohne Blitz — die Kisten, den Rahmen, die Nähte, das Gitter, die Lichtleiste, die Leiter — und hielt das Comm dabei so tief, dass die Linse den Boden mitnahm.

„Nimm nichts mit.“

„Ich nehme nie was mit.“

„Du hast heute Nacht ein Vorhängeschloss durchgeschnitten.“

„Das habe ich zurückgehängt.“ Er steckte das Comm weg. „Ich bin praktisch Restaurator.“

Sie sah ihn an, bis er es selbst zurücknahm.

Dann zog sie die Stahltür zu, legte den Riegel von innen vor und prüfte mit zwei Fingern, ob er ganz saß. Was sie am unteren Band angerichtet hatte, lag jetzt auf der anderen Seite. Von hier war die blanke Stelle nicht zu sehen. Sehen würde sie der Erste, der von unten kam, und der kam nicht von unten, sondern von hier.

Sie stieg als Zweite.

Neun Sprossen.

Oben im Häuschen war die Luft kühler und roch nach Wischzeug und nach draußen. Mox stand neben der Tür, Jecks Sakko über dem Arm, und hatte in der letzten Stunde augenscheinlich nichts anderes gemacht als dazustehen. Er sah Kerstin an, einen Atemzug lang, und gab Jeck dann das Sakko.

„Es wird hell um halb sechs“, sagte er.

Jeck zog das Sakko über und knöpfte es zu, obwohl es zwanzig Grad hatte. „Dann sind wir vorher weg.“

Kerstin blieb in der Tür stehen und rechnete zu Ende, weil sie die ganze Nacht gerechnet hatte. Einunddreißig Rohrstöße. Hundertsechsundachtzig Meter Dunkelheit. Eine eingeschweißte Stahltür, ein Zylinder, für den man einen Zaun hätte kaufen können, drei industrielle Bänder und vierzig Minuten für einen Millimeter.

Von hier bis in denselben Raum waren es neun Sprossen und ein Vorhängeschloss, das jedes Jahr eine Bude mit dem Schraubenzieher aufmachte, wenn sie Gitter brauchte.

Sie hatten die Tür gegen den Kanal gebaut. Gegen das Häuschen hatten sie nichts.